Chaos und Ordnung (Teil 1)

Wenn wir dem Wissen glauben, welches wir über uns selbst und unsere Vergangenheit gesammelt haben, so ist das Leben vor allem eines: chaotisch. Auch wenn das Leben im Allgemeinen und für den einzelnen Menschen im Speziellen doch sehr unterschiedlich ist, letztlich ist es vor allem nie so, wie es einmal war. Und wie es wird können wir trotz aller Prognosen und Versicherungen letztlich nicht sicher sagen.

Nehmen wir das als Grundlage einmal ungefragt an (eine ausdauernde Beschäftigung hiermit wird vermutlich – wie in allem – Lücken finden) und erweitern diese These.

Wenn das Leben chaotisch ist und unsere Zukunft darum unbeständig sein muss (die Zukunft hier als ein chronologisch vor uns liegender Zeitpunkt des Lebens -unseres Lebens – gedacht), müssen Prognosen die Zukunft betreffend unabdingbar unsicher und unklar ausfallen. Das Chaos zu überschauen ist in der Definition des Wortes nicht möglich, da es sonst in einer Ordnung zu fassen wäre und entsprechend nicht mehr rein chaotisch. Ausserhalb der Tautologie gesprochen steht das „reine“  Chaos entsprechend als Kontraelement zum Begriff des Begreifens. Es (das Chaos) musss sich jeder Begrifflichkeit entziehen.

Nehmen wir in einer zweiten These an, dass es dem menschlichen Naturell schwerfällt sich einem unfassbaren und abstrakten Begriff wie „Chaos“ auszusetzen, sondern er (der Mensch) bestrebt ist Alles ihn umgebende für sich (be)greifbar zu machen.

Indem ich die Dinge um mich herum benenne, schäle ich sie aus einem ungefassten Zustand heraus in einen zuerst klar scheinenden und vermeintlich eindeutigen Rahmen. Indem ich das Haus nenne, beschränke ich die Deutungen dessen was ich meine um ein erhebliche Maß. Die Diskussion um die Exaktheit solche Definitionen ist -wie sich zeigen wird – nur sekundär wichtig und daher soll die vereinfachte Theorie ausreichen.

Sollten also beide dieser Thesen gelten (was wir für dieses Gedankenexperiment annehmen), ergeben sich interessante Vermutungen zum Menschen und seinem Standpunkt zur intrinsischen Natur des Lebens.

Was ist damit Freiheit für den Menschen und wie steht er ihr gegenüber?

Was ist die Motivation zu einem geordneten Leben?

Ist Ordnung mit Leben vereinbar, ist Chaos dies?

Du weißt es noch nicht XII

Ich gehe voraus; 
Nur ein kleines Stück.

Eil, renn, spring!
Fall, stürz, blute!
Forder das Leben heraus!

Fahr, segle, flieg!
Schwimm, tauch, atme!
Stürz dich ins Leben! 

Ich gehe voraus;
Warte nicht auf mich.

In den hellen und
Den dunklen Stunden:
Stell dich dem Leben!

In den zarten und
den harten Farben:
Zeichne du dein Leben!

Ich gehe voraus;
Bis wir uns wiedersehen. 

Ich bin
War
Werde
Immer bei dir sein.

Du weißt es noch nicht,
Aber du wirst es wissen.

Bis dahin.

Slices of Life

Der Mann neben mir muß emotional schwerhörig sein; zumindest redet er so laut, als müsse er sich selbst überzeugen. Seine Stimme ist ein ewig quäkender Schwall hilfloser Belobigungen eines Selbst, dass sich seiner eigenen Mängel unbewusst bewusst ist und doch gefangen im Versuch des Selbstbetrugs scheint.

Ich denke an tikerscherksches Schreiben und eine Sehnsucht überkommt mich;  mein Leben in Scheiben zu filetieren und zusammengestellt auf dem silbernen Teller der uns gemeinsamen Sprache zur Auslage eines zermürbten Banketts aus Gedanken zu legen. Es ist nur Plastikgeschirr vorhanden, doch auftun werde ich.

„Du bist so still“ sagt die eine aus der Runde und stelllt die Verkabelung zur Realität wieder her. „Scheint so.“entgegne ich und mein Blick folgt den Wirbeln des Windes irgendwo hin, nirgendwo hin, in meine Gedanken zurück.

Die Kinder um mich her kennen meinen Namen, noch bevor ich ihr Gesicht kenne. Eine wandelnde Legende unter vielen umherschleichenden Geschichten; bekannt für seine Tshirts oder den Umgang mit anderen ihrer Art (wunderschönen Morgen ihr Kackbratzen).

Beides gleich. Was jedoch nur lustig klingt wenn man Götz Widmanns Brummen kennt.

„Ich denke über den Wert von Zeit nach.“ und ihre Augen erzählen mir die Geschichte aus Langweile und Desinteresse, die ich schon kenne bevor sie gesprochen wurde. Ich schweige weiter, auch ich höre mich nicht gerne reden.

Der Sommer, den ich seit Monaten haben wollte, hat meine Laune verpasst und wabert an mir vorbei wie der dumpfe Bass aus den Boxen der Gruppe junger Menschen im Park, als wir einander davon überzeugen wollen, dass unsere Gemeinschaft nicht nur die sechs Wochen des gemeinsamen Arbeitens überleben wird. Auch wir reden laut. Natürlich von uns selbst in den besten Tönen.

Sei.

Ich will so ein Mensch sein,
Der umarmen kann und umarmt;
Nicht mit dem Körper -nicht nur –
Sondern dem Herzen.

Doch mit jedem vielleicht
Begraben wir -Stück für Stück –
Viel der Leichtigkeit in uns.
Zwischen uns.

Ich will so ein Mensch sein,
Der geben kann und gibt;
Nicht weil er muss,
Sondern weil er will – wirklich will.

Doch mit jedem irgendwann
verpassen wir – wieder und wieder –
Ein Jetzt.

Resilienz im Alltag

Ich Bus verpasst; gleich zwei.
Entspannt, aber doch mich über mich belustigend/ärgernd zur Haltestelle.
In Ruhe Überblick verschaffen.
Zu spät zum Termin von Arbeit.
Bei einem Menschen den das sehr ärgert.

Sie schon dort, „übersieht“ den hinteren Bus und kollabiert.
Nach außen gezeigt und tränenreich.
Vermutlich zu spät zu Hause.
Nichts schlimmes aber für sie der Weltuntergang.

Ich erkenne mich selbst darin.
Wie ich früher war.
Wie ich heute manchmal noch bin.
Die einzigen Unterschiede sind die mir antrainierte Gelassenheit,
Die fehlende Mitteilung an die Umgebung.

Reduziert sich der Mensch mit zunehmender Jugend auf das Ursprüngliche?
Ist er vorher einfach unfertig?
Menschen unter Alter X als Beta-Menschen.
Halbfertige Konstrukte im Stresstest?

Wann bin ich fertig?
Wann resilient?
Bricht für das Mädel eine Welt zusammen oder ist das alles gleich vergessen?
Wird sie irgendwann hier stehen und lächeln
über die Exzesse eines kleinen Jungen, dessen Welt gerade hämisch lacht?

Über-Hass

Ich könnte dir stundenlang davon erzählen wie sehr ich es hasse über den Hass zu sprechen.

Sei das nun jener Hass, den wir für all die kleinen Macken unserer Mitmenschen übrig haben; jene unbestimmte Masse in uns die überkocht, wenn das Gegenüber „einen unserer Knöpfe drückt“. Wie man so sagt – aber warum sagt man das? Ich hasse diese Aussage. Die Beliebigkeit der Unbestimmtheit unseres Seins in ihr. Als ob ich nur bestimmt wäre von einem Knopf in meinem Kopf, der mich dazu bringt überzuschäumen als wäre ich ein Topf Erdbeermarmelade. Bis an den Rand gefüllt mit dieser widerlichen Frucht.

Ich hasse Erdbeeren. Diese Vergötterung einer Frucht, die keine ist, sondern eine Nuss. Das nervt mich mehr als nur ein wenig an. Oh so sexy! Du holdes, rot verschrumpeltes Gewülst aus den pestizidverseuchten Böden irgendwelcher ausgebeuteter Entwicklungsländer, in denen dein Leben millionenfach beendet wird damit wir hier im fetten Land der Bequemlichkeit die Augen verdrehen und uns cunnilingualer Vorstellungen hingeben können. Wenn ich diese inquisitionsbedürftig, verdrehten Augäpfel schon sehe kommt mir das Kotzen und ich will ihnen richtiges Rot zeigen. Das Rot, wenn ich ihnen ihre Wunderbeere mitsamt der verfickten Bastkörbe um ihr beschissenes Genusszäpfchen drapiere. Wir sind doch mehr als mickrige Pampe in billigen Töpfen, die darauf warten überzukochen. Also echt mal. Ohne Scheiß.

Oder der Hass, wenn du siehst wie jemand ungerecht behandelt wird. Meistens natürlich wir, was den Hass noch stärker macht – natürlich zu Recht. Diese Welt ist nicht viel mehr als eine Ansammlung von Assis, die es ganz gut hingekommen gute Menschen als die Assis dastehen zu lassen. Wer gut ist bekommt aufs Maul. So funktioniert die Welt und wer sich anpasst und auch zum Arsch wird: dem geht es gut. Da läuft mir die Galle über. Da könnte ich ausflippen und allesamt in einen Abgrund werfen, in dem ihnen nichts weiter als ihr eigener Hass zur Verfügung stünde. Ach was wäre das für ein wunderbares Spektakel, wenn sie sich gegenseitig zerfetzen und verrecken.

Es gibt so wenig Gutes auf dieser Welt, es ist grausam das mit anzuschauen. Wirklich erbärmlich, wie sehr der Mensch verkümmert ist. Das Zeitalter des Individualismus, jeder so frei wie nie in der Geschichte und doch nutzen wir diese Freiheit nur dafür aus, uns noch effektiver und vor allem legaler zu verletzen. Es ist ein Hass in dieser Welt, größer als alles Leben zusammen. Ein wütender Moloch, in dessen Zentrum der Mensch steht und sich selbstgefällig um seine perfide Achse dreht und abfällig darauf hinweist, dass er es im Auge des Sturms doch ganz bequem habe und von Wind keine Spur sei.

Nicht zu vergessen ist der Hass, wenn uns die Argumente ausgehen oder das gegenüber taub für unsere Begründungen ist. Diese ohnmächtige Wut, wie eine Wand, gegen die wir immer und immer und immer wieder anrennen. Mit dem Kopf zu zerbrechen versuchen, bis uns das Hirn aus den Ohren drückt und die Halsschlagadern dumpf pochend als fette Würmer unserer Raserei hervortreten. Wenn wir fassungslos neben uns selbst stehen, weil uns der eigene Hass in seiner Gewalt aus dem eigenen Körper aussperrt, während wir uns dabei zusehen wie wir explodieren. In diesen Momenten, in denen wir „aus der Haut fahren“ – wieder so ein beschissener Ausdruck – sind wir uns selbst vermutlich nicht mehr der eigene Herr. Etwas ist da tief in uns drin; Etwas das stärker ist als all die Generationen von antrainierter Zivilisation und Kultur und das übernimmt die Kontrolle; Etwas, dass uns dabei ausschließt, wenn wir – psychisch oder auch physisch – zerstören, was hinter dieser Wand steht.

Der eigene Körper wird auf seine materiellen Anteile reduziert. Hände sind nicht zum halten da, sie zerschlagen. Die Zunge ist nicht mehr als ein Werkzeug um im Mundraum mitzuhelfen irgend ein Wort zu finden, dass den Kerker unser Fassung zerbrechen kann. Augen sind kein Fenster zur Seele mehr, sie sind Pforten zur Hölle unserer Verachtung und wenn sie könnten, würden sie verbrennen was ihrer nicht würdig ist.

Flucht. Darum geht es. Flucht vor der Ohnmacht die unseren Geist befallen hat und dem Dämon in uns Macht gibt. Flucht vor der Erkenntnis, dass wir Nichts sind im Angesicht des brennenden Hasses und der endlosen Verachtung, die rief in uns lodert und nur darauf wartet hervorzubrechen. Wie sind nicht mehr als trainierte Affen, darauf gezüchtet miteinander klar zu kommen. Uns

Die Aufzeichnungen die ich gefunden hatte, rissen hier ab; irgendjemand hatte sie aus einem anderen Buchs – ich vermutete eine Tagebuchs- gerissen und sie waren mir aus einem staubigen Einband entgegengefallen, als ich die Archive aufräumte.

Ich selbst bezeichne mich eher als einen friedlichen Menschen, doch diese Worte riefen in mir eine Raserei hervor, die mich mitriss und mein Herz schneller schlagen ließ.
Vor mir lag das Schriftwerk eines Menschen, dessen Grundsicht von meiner nicht verschiedener sein könnte. All seine Worte versprühten Hass und Gewalt, die Sätze verknoteten sich beim Lesen mindestens ebensosehr, wie die Gedanken ihres Schöpfers verknotet waren. Die Brutalität und Polemik des Ausdrucks trieb mir die Tränen in die Augen, ob aus Fassungslosigkeit oder aus Trauer ob der Schändung von Sprache… ich vermag es nicht mehr zu bestimmen.

Und doch… Ebenso wie der Autor zu Beginn im Versuch einer nüchternen Beschriebung startete und sich in seinen Gedanken in heillose Rage redete, so erstarb die spontane Ablehnung seiner Aussagen in mir zunehmend und es meldete sich etwas anderes zu Wort. Etwas nickte anerkennend wegen der eigentlich fremden, haltlosen Wut die aus jeder Pore des kurzen Textes trat da sie mir doch irgendwie vertraut erschien. Wie ein lange vermisster Bekannter, dessen Existens wir vergessen und doch damals sehr geschätzt hatten.

Ich las den Text wiederholte Male und mit jedem weiteren Mal las ich weniger Wut und mehr Liebe aus dem Text. Es mag dich, lieber Leser hier vielleicht verwirren, dass ich von Liebe spreche, aber wer kann besser hassen las jene, die zu tief lieben? Der Verfasser dieses „Über-Hass-Manifests“ – ich will es einmal so nennen – scheitert an seinen eigenen Worten im Versuch der Erklärung dessen was er selbst hasst. Er stellt sich selbst die Herausforderung ohne Hass zu schreiben und muss doch erkennen, dass es ihm nicht geingt, doch kann er nicht aufören, fast so als sei er blind für die Ironie seines eignen Empörens. Oder versucht er sich absichtlich ad absurdum zu führen, scheitert jedoch an der schmalen Grenze zwischen Sarkasmus und Herausforderung auf der einen, Bitterkeit und zynischer Verachtung auf der anderen Seite? Ich finde: er liebt das Lebenso sehr, dass er nicht anders kann als über die Dinge zu verzweifeln, über die sein kühler Kopf berichten wollte. Doch das ist meine Meinung, welche ist ihre?

In diesem Sinne möchte ich die heutige Versammlung damit beenden, dass ich Sie alle dazu ermuntere, sich bis zum nächsten Mal Gedanken über die Ihnen intrinsischen Konzepte von Liebe Gedanken zu machen. Ich erwarte bis zum Vorabend der nachsten Sitzung einen Essay über mindestens 1500 Wörter [weitere Formalien].

Auszug aus dem Skript einer Vorlesung zur Anthropologie aus dem Jahre 2043, Autor unbekannt