Nimm mit

Menschen, die in der Bahn ihr Eis mit dem Löffel aus der Waffel essen, ne. Gelebte Dekadenz abstrahlen ohne die lästige Notwendigkeit weiterer Interaktion zu erzeugen. Da muss ich nicht mal nachfragen um zu wissen, dass ich diesen Mensch nicht mögen will. Der Damenbart verspricht meiner Hähme: es sei alles richtig so wie ich verurteile und Scham völligst fehl am Platz.

Mein Ohr wird repariert. Knorpel oder Muskel kommt drauf und ich bin versucht zu fragen ob ich meine Hose fallen lassen soll dafür; es wird doch nur schnöde vom Ohr oder den Muskelgewebe drumherum genommen werden und mein Hintern nicht bewundert. Pity. Statt dessen werden mir die Vorzüge einer Feinschlifferweiterung meines Gehörgängs angepriesen. Nehm ich mit, gibt vielleicht mal Prozente; und kost‘ ja nix! (Es gab gratis noch halbseitigen Verlust des Gefühls auf der Zunge und Geschmacksverwirrung dazu. What a Deal!)

In Krankenhaus werde ich zwischen zwei Prototypen einquartiert. Der eine klein, der andere groß, beide dick und ihre Frauchen aus dem selben Schlag; Alkohol und Zigaretten zum überdauern einer Ehe die sein muss.

Zwichendurch – als der Große erzählt er betreibe nun Parteiarbeit – frage ich mich ob sich der Kleingeist proportional zum Schmierbauch verhält. Ich halte mich bedeckt und verweise auf meine Unkenntnis zu genauen Zahlen der schmutzigen Schnorrerausländer; lenke derweil damit ab, das Helfen sei in meinen Beruf eigentlich eher ohne Beschränkung auf eine Zielgruppe.

Mit Behinderten und anderen moralisch Unantastbaren arbeiten ist geil. Man kann aufrechten Bürgern immer das Maul stopfen und macht sich dabei moralisch nicht mal die Finger schmutzig. Nimmt man schon mal mit, das Karmakonto ist schließlich nie voll genug.

Zuhause, zwischen Alltag und Wahnsinn fällt irgendwann der Satz zum Schmierbauch und tritt die Diskussion los, warum der moderne Mann es (plump gesagt) verkackt hat sich, passend zur modernen Frau eine neue Rolle zu überlegen.

Ich argumentiere, ähnlich wie auch sie, darüber, dass zum einen Niemand so genau weiß was das sein soll, zum anderen Niemand so genau weiß ob sie das überhaupt wollen was sie wollen…; zuletzt verweise ich auf die fehlende Moral einer sich für Männer stark machenden Bewegung. Das kann und darf immer nur scheitern, immerhin sind Männer nicht unterdrückt und damit das Recht auf Widerstand verwirkt. Den Platz haben Frauen bereits (zu Recht) gepachtet und weitergehende Gedanken an geteilte Stärke oder Schwäche sind so schrecklich unmodern.

Die Überlegung, was ich als männlich ansehe und weitergeben will ist noch länger in meinen Kopf, fast hätte ich das Essen anbrennen und die Wäsche in der Waschmaschine liegen lassen. Immerhin nimmt sie es mit Humor und streicht mein Taschengeld nicht. Diesmal.

„Wer von euch hat eigentlich die Hosen an?“ ist auch so nen Satz, den meist Menschen stellen die zu schlagen nur das Gesetz verbietet. Der Abstand fänd es okay und würde dezent unter der Hand Wetten abschließen. Natürlich in Yen, man will eine stabile Basis haben. Norwegische Kronen werden auch akzeptiert, Hauptsache es ist keine Kryptowährung. Man hat immerhin noch sowas wie Stil!

Soweit ich gecheckt habe, hat sie nebenbei Hosen an wenn ihr danach ist und die Abneigung gegen solcherlei Emetika ist ein einender Faktor.

53 Minuten

Ich drehe mich um und der Zug fährt los. Perfektes Timing und ganz Hollywood schaue ich nicht zurück.
Ich stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und baller mir das Gehör weg.

Still war es in diesen letzten Minuten. Traurig unser beider Gedanken, jene zarte Mischung aus Schwelgen in dem was war und Sehnen auf das was kommen will. Aber nicht ist und leider auch nie mehr als ein Augenblick in unser beider Leben sein wird. Die Ausnahme von Alltag und Konstrukten, die uns an andere Enden des Landes binden und auch dort halten.

Ich baller mir die Ohren weg, denn die nächste Verpflichtung für mich ist exakt 53 Minuten und ein mal umsteigen entfernt. Ich baller mir Musik in den Kopf um die ganzen Wünsche zum Schweigen zu bringen, die alle nicht meine sind und doch in mir zusammenfließen. Ich bin ein Schmelztiegel für den Frust, die Erwartungen, Hoffnungen und Verletzungen aller mich Umgebenden in diesen Tagen. Doch jetzt nicht. Jetzt bin ich Musik. Lärm und Beats. Zwingend,  schwingend, tragend. Ich bin hier. Ich bin allein. Ich bin ich.

Nicht mehr.
Nicht jetzt.
Nicht für verfickte 53 Minuten.

Danach geht es weiter und die Planung meines Lebens im Rahmen anderer haut mich kurz aus dem Takt. Weiter.

„Was wollen SIE denn?“ Ich weiß was ich will. Aber ich sehe auch, dass ich diesmal nicht dran bin das zu tun. Ich bin die Form in die Lava fließt, halte ich durch, wird es Kunst; Eine Lücke und es ist Pompeji.

Du fährst und ich bin zurückgelassen. Nur für mich. Für 53 Minuten. Ich rechne und komme auf die nächste Zeit „für mich“ irgendwann in einer halben Woche. Kurz flackern die Augen, aber dann hab ich mich wieder. Wird auch gehen. Kann ich ab.

Eine Wahl hat man ja immer. Die Frage ist ob man mit den Konsequenzen leben kann oder will. Aber eine Wahl gibt es immer. Höhnisch zu sich selbst. Hat auch was.

Ich drücke mir die Bässe ins Hirn und aus meinen Gedanken fließen die Worte. 53 Minuten. Nicht viel Zeit und auch schon vorbei wenn ich ankomme, umgestiegen bin und dabei niemand angeschaut habe sondern schreibe, den Blick engstirnig auf die Scheibe. Eng im Blick, weit im Kopf.

So fährst du zu deinem Leben und ein Stück von mir kehrt zurück zu meinem.