Jenseits des Lichts

Flackernd gehen die Lichter aus, und der Zug verliert seine Stellung als leuchtender Speer, mit dem wir die Zivilisation in die Welt hinausschmeißen.

Das Licht geht aus und ich denke: schön. Nicht mehr. Einfach nur: schön.
Da geht es wieder an und zurück ist der strahlende Käfig, mit dem die wundervolle, düstere Welt der nahezu-Nacht ausgesperrt wird; schnappt das Lichtgefängnis wieder zu.
Sichtschutz vor der Natur. Vor dem Himmel, in dem heut keine Plätzchen gebacken werden, sondern eine Lammkeule auf Niedertemparatur zu schmoren scheint. Nicht richtig Abenddämmerung, aber auch noch nicht ganz Nacht.
Das Dunkel, fast ein Eintritt in eine Reise ins Ungewisse. Im Licht nur eine Strecke die neu, weil nie gefahren; im Dunkel ein Wagnis. Ein kleiner Schritt für mich, ein gänzlich unbedeutender für den Rest der Welt. Dort, zwischen den Schatten einer verblassenden Maschinerie, finde ich einen Einblick in die Dunkelheit, die mich umgibt inmitten der Lichtgestalt meines Alltags.

Ich verbleibe den Rest der Fahrt daher in Erwartung neuer Stromverluste, um weitere Seinsgewinne zu erhaschen.
Wenn es ausgeht ist kurz Schwärze, in die sich zartes Blau, Rot und ein paar letzte Fäden Gelb mischen. Das Licht flackert dann meist direkt schon wieder, als bräuchte es nur eine kleine Starthilfe. Kleine Männchen (und Frauchen) laufen laut meiner Vorstellung im Inneren der Lampe umher und kurbeln an den Drähten der Hallogenleuchten. Das erste Aufleuchten ist samtig. Warm. Verspielt. Dann jedoch explodiert das Gas und kaltes, brutales Neonlicht ballert in den Wagon, schnappt sich mein Spiegelbild und das des Wageninnenlebens und verhängt die Scheiben damit.

Mein Haar sitzt nicht. Es war ein hektischer Tag. Nicht mega lang, aber hektisch. Sieht man. An mir, an meine Haltung, dem trüben Schwurbel meiner Augen.
Draußen ist im Dunkel Natur, Entrückung und eine düstre Freiheit verreckt. Raum um zu verschwinden und zu fliegen. Hier drinnen wird jedoch jeder noch so kleine Schatten ausgeleuchtet und verhungert. Die Welt dort draußen verschwindet hinter dem grellen Schild, in das sich der Zug duckt.
Jeder Wechsel meines Blickes von Hier nach Außen endet in der Spiegelung meiner Welt im Fenster. Würde ich die Seite wechseln,  ich würde doch nur wieder im selben Leben enden und nach draußen schauen. Oder drinnen. Beides gleich.

Letztlich bleibt nichts anderes übrig als mitzufliegen. Teil der Speerspitze zu sein und am Ende versuchen nicht zu zerbrechen oder abgestumpft zu sein.

Drei Uhr Siebenundfünfzig

Es muss so kurz vor Vier gewesen sein. Vielleicht 3:57. Vermutlich sogar. Eigentlich sogar ziemlich sicher, denn ich hab genau da auf die Uhr geschaut. Wie eigentlich schon seit einer Stunde ständig mein Blick auf die rechte untere Ecke des Bildschirms wanderte und ich einen inneren Kampf mit der Zeit führte. Warum genau ich nicht schlafen gehen wollte… wer weiss das schon. Ich zumindest nicht. Null Plan weshalb ich hier noch saß, gefangen zwischen der inneren Unruhe und der bleiernen Schwere, die meinen Körper seit Stunden ins Bett schleifen will. Es ist häufiger geworden. Dieses sitzen und ringen. Lange war es besser, fast komplett weg. Die Nacht ist mein Spielplatz und die Stunden nach Mitternacht meine Meditation. Eigentlich. Bis vor einer Weile. Wann genau hat sich das geändert? Keine Ahnung, ehrlich nicht. Null Plan.

Dieser Plan. Immer dieser Plan und mit ihm die Gedanken an das was sein müsste sollte könnte wollte.

Ich schrieb über „Leere“ und mein Kopf füllte sich mit Gedanken an meinen Werdegang. Wo komme ich her (literarisch) und wo bin ich hingegangen (viel literarischererer?). Wirr war ich früher. Noch mehr als heute. Vor allem im Schreiben. Aber auch im Kopf. Vor allem im Kopf. Halt nein, das geht nicht weil ich ja vorhin schon vor allem im schreiben schrieb… das ist mein Kopf. Dieses schreiben übers Schreiben. So ausgelutscht und langweilig.

Aber ich vermisse den Stil. Das fragmentierte. Das wirre. Den verschlungenen Pfad meiner Gedanken, missachtend wer mitliest und ob er, sie oder auch es (hello NASA) mir folgen kann. Meinen einsamen Tanz dort oben auf der Blaufichte. Kiefer? Lerche? Tanne? Dieser Tanz und der rote Regenschirm, wobei das eigentlich die rote Zora ist, was ich jedoch nie gelesen habe, weil ich damals freche Mädchen noch blöd fand. Nicht emanzipiert war sie für mich, sondern schlicht rotzlöffelfrech und blöd.

Wie will ich denn nun schreiben? Ausführlich, innig und mit Sinn? So, dass ich mir einen Gegenstand anschaue und ich (aber auch derdiedas Leser_um) dabei klug wirke? Bestimmt. Manchmal. Aber eins fehlt mir. „Was zur Hölle willst du mir hiermit sagen?“ Genau das. DAS und nichts anderes will ich wiederhaben. Hole es mir mit Ketteleimern (was hoffentlich ein Wort ist) unten aus dem tiefen Brunnen, in den Mr. Aufziehvogel ging um zu sterben, but not really.

Ich höre Pucifer und die Nacht wird zu einem Deckmantel meiner Gedanken in denen Müdigkeit das Muster auf der seidenen Oberfläche meines Kopfkissens bilden. Ich lausche den treibenden Klängen der Musik, irgendwann ist sie zuende und ich wechsele sie mit Tool ab. Diese Band die so hart und kraftvoll ist und doch von ihr als „sanft“ beschrieben wird. Sie die mich versteht. Ohne das wir sprechen. Die wir uns ohne Liebe lieben. Weil wir es können und wollen. Weil unsere Leben die sind die wir haben und weil „Soulmates“ nicht nur in Beziehungen funktionieren.

Enthralling. Ich mag dieses Wort. Wegen des Klangs, der so schwer zu betonen ist als Deutscher mit seinem verfickten TH. Wegen des Mangels einer passenden Übersetzung, da es weder fesselnd noch packend ist, sondern weil es befreit. Weil es mitreißt und aufschwingt in Welten, die hinter den Worten liegen. Weil es kaum einer kennt und mein kleiner Wortschatz ist, den ich hüte wie meinen Schatz. Mein Schatzzzz.

Oder will ich genau das? Die sprunghaftigkeit meines Kopfes einfangen. Schreiben ohne zu schauen wohin es geht und mit der Musik mitschwingen. Schwingen und hüfen auf dem rechten, dann dem linken bein zum treibenden Gitarrenklang dieser amerikanischen Band, die aber eigentlich aus Finnland kommen sollte oder so. Irgendwas besonderes, so wie ihre Musik besonders ist, und nicht so ordinär Amerika. Wenns das überhaupt ist. Ich mag nicht nachschauen, aber ich hab die Vermutung es wäre eh langweilig.

Es muss immer noch 3.57 gewesen sein, als ich die Augen schloß

Meine Augenlider beenden die Außenwelt. Musik rauscht noch dumpf in meinen Ohren. Was es ist verliert an Bedeutung; die Welt dort draußen hinter den Lidern tritt zurück. Watte packt sich in meine Gehörgänge und lässt sich mit einem leicht kratzigen, dann aber fluffig weichem „Flop“ in die Ohrmuscheln sacken.
Meine Augen drehen sich im engen Kerker meiner Augenhöhlen langsam aber unaufhörlich, ganz so als wollten sie meinen Nasenrücken von innen betrachten. Mein Kopf fängt an zu vibrieren, erst zwischen meinen Augen, dann die Stirn hoch und ein kalter Schauer begleitet dieses vibrieren. Ich halte die Augen geschlossen, gebe leicht Widerstand zu der unaufhaltsamen Drehung meiner Augäpfel. Ich spüre meine Zähne, die ebenfalls zu vibrieren scheinen, das Zahnfleisch eine fremdartige Masse in meinem Mund und die Haut meiner Lippen merkwürdig abgeschottet von der Gesamtheit meines Körpers. Ich habe drei Bausteine im Gesicht, die sich zu dem zusammenfügen, was ich als Mund bezeichnen würde. Die Zähne, kleine elfenbeinfarbene Ballerinas auf Zehensptzen, die auf dem wackelingen Tanzboden meines Zahnfleisch tippeln, während meine Lippen Abstand nehmen, ohne das ich welchen erspüren kann.
Meine Zunge unterbricht diesen Eindruck, als sie wie eine schleimige, kalte Schnecke über die Zähne rollt und dabei den stumofen Geschmack der Nacht mitschleift. Das vibrieren wandert weiter, das Zahnfleisch hinauf und zurück in den Kopf, wo meine Augen mittlerweile ihre erste Komplettrotation abgeschlossen haben. Zumindest scheint es mir so, denn dort oben, zwischen den Augen ist ein Druck als wäre eben ein gut verschnürtes Packet angekommen. Gelbes Licht flimmert vor meinen Augenlidern und ich erinnere mich an die Geschichte mit den inneren Lidern. Wenn ich sie hätte, wenn ich sie schließen könnte… dann würde ich endlich Dunkelheit sehen. Diese Dunkelheit, die keine huschenden Schemen beherrbergt. Die nicht aus gefühlten und erahnten Bewegungen besteht und Platz lässt für die Monster meiner Kindheit.

Das vibrieren steigt weiter nach oben und zieht sich in mein Hirn zurück, Mein Körper fühlt sich wie ein Fremdkörper an und würde ich nicht sitzen, vermutlich wäre ich vor lauter Schwindel umgekippt. Selbst so, eingeklemmt von drei Seiten durch lehnen, schwanke ich wie ein Schiffsmast im wabernden Sabbern der Brandung. Es ist fast weg, meine Augen flackern schon leicht in dem Begehren endlich wieder in Kontakt mit der Welt um mich herum zu treten, aus der ich eigentlich schon seit Stunden entkommen will indem ich schlafe. Dann jedoch kommt es wieder, breitet sich in meinem Magen aus und wandert weiter in die Seiten. So als würde ich mich selbst von innen kitzeln überkommt mich erneut ein Zittern, aus dem Gefühl einer Kälte heraus, die nur aus meinen Gedanken kommen kann. Denh hier weht weder Wind, noch habe ich mich bewegt noch… Dann ist es weg und alles was bleibt ist die sich drehende Welt meiner geschlosseen Aufen und das dumpfe Rauschen, das stetige Auf und Ab der Musik. Würde ich doch nur noch wissen, welche es war. Aber gerade läuft Tool. Wummernd, treibend, fortspülend und meine Gedanken treiben mit, wummern fort und fort und fort bis sie auslaufen in seidige Muster auf dem Kopfkissen, welches die Nacht mir strickt.

Als ich schließlich um halb fünf schlief, da wusste ich, dass ich darüber schreiben wollte. Über den fehlenden Wahnsinn. Die beängstigende, süchtigmachende Klarheit im Durcheinander meiner Gedanken und das Gefühl, welches ich vermisst habe ohne es benennen zu können. Über Affekt und Struktur. Fragmente sind mein Ding. Ich musste schreiben, doch diesmal war ich zu müde. Kam die Erkenntnis über meinen Fund – den Fund dessen, was ich scheinbar vor einiger Zeit zu suchen begonnen hatte – zu spät. Also schlief ich. Innerhalb von Sekunden. Wie es meine Art ist. Vermutlich weil ich dann, wenn ich mich hinlege, endlich die Zügel meiner Gedanken loslasse und sie mein Bewusstsein sofort an die Kandarre nehmen und davongallopieren.

Wach auf!

Nie fühle ich Schmerz,
Sehnsucht und Sehnen,
Herausbrechen aus mir,
Aus Körper und Geist,
So sehr wie des Nachts
In der Stille meiner Welt.
Wenn alles, wirklich alles
schläft in weiter Ferne;
Meine Seele die Freiheit
Und Ruhe finden kann,
die des Tags stirbt
In der Raserei der Welt.

Nie fühle ich Reinheit,
Klarheit und Verstehen,
Sich einnisten in mir,
In Herz und Verstand,
So sehr wie des Nachts
In meiner Einsamkeit.
Wenn jeder, wirklich jeder
Fort ist von hier/mir;
Meine Gedanken die Bahn
Und Struktur finden,
Die des Tags flieht
Vor dem Wahnsinn.

Und doch… und doch.
Was mich bewegt
Des Nachts zwischen
Schlaf und Leben
Ist vergebens im
Angesicht eines Lebens,
Welches nunmal des Tags
Und nicht im Dunkel
Gelebt werden muss.
Geht verloren in
Hitze und Staub
Des täglichen Sein.

Also dann:
Du kennst den Weg.
Wach auf!
Also jetzt:
Du weißt die Lösung.
Wach auf!

Die Regeln der Nacht

Sie begegneten sich in der Regel zwei mal täglich. Einmal gegen sechs Uhr Morgens, dass andere mal gegen zehn Uhr Abends.
Hätte man ihn gefragt, hätte er im Scherz gesagt „Eher sechs Uhr Abends und zehn Uhr Morgens.“ Aber es kam selten vor, dass ihn jemand nach so etwas fragte, also schwieg er.

Über Monate liefen diese Treffen still ab. Im Nachhinein betrachtet musste es sogar lange so gewesen sein, dass sie sich schon getroffen hatten ohne je einander zu bemerken. Ganz so wie eine Spinne lange in einer Zimmerecke vor sich hinleben kann ohne entdeckt zu werden. Der Mensch und die Spinne existieren beide, doch existiert der eine für den anderen erst ab dem Punkt, an dem er in das bewusste Wahrnehmen eindringt. Maximal eine vage Ahnung um das Sein des Anderen besteht in uns, bis es eine Bestätigung durch unsere restlichen Sinne erfährt und dadurch als Teil unser eigenen Welt aufgenommen wird.
So hatten wie sich oft gesehen, jedoch nie aneinander Interesse gezeigt. Wann genau sich das geändert hatte, wusste später keiner der beiden zu bestimmen. Es war eine jene Entwicklungen, bei denen man sich irgendwann nur daran erinnern kann, dass es schon immer so war und halt irgendwann begonnen hatte.
Etwas, so natürlich in seiner Natur, dass es zu einem integralen Bestandteil des eigenen Lebens wird und damit, so wie die frühe Kindheit, in einem generellen Gefühl untergeht.

So lernten sie sich kennen. In den kurzen Momenten um sechs und zehn, an seinem Abend, ihrem Morgen; ihrem Abend, seinem Morgen.

Eigentlich – so sagten alle ihre Freunde und auch die Handvoll jener Menschen, die er als Bekannte bezeichnen würde – war ihre Bekanntschaft von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Niemand – so sagten die Menschen die sie gut kannten und jene, die ihn schon lange begleitet hatten – kann so leben und glücklich sein.
Es ist wahrlich ein gutes Ding, dass sie beide wenig auf das gaben, was andere sagten, sonst wäre Ihnen beiden etwas entgangen, was sie später als die schönsten Zeiten ihres Lebens bezeichnen würden.

Es waren die Gespräche, in die beide sich verliebten; es waren die kurzen Momente – Morgens um sechs und Abends um zehn – in denen beide die Kraft für den Tag und die Ruhe für die Nacht fanden.
Einige Minuten mit ihm reichten ihr, dem trostlosen Moloch ihres Alltags zu widerstehen; angefüllt mit den kleinlichen Widrigkeiten einer Normalsterblichen, den anekelnden Gerüchen eines Lebens, an einem Ort, den Sie nicht als Zuhause, wohl aber als Endstation bezeichnen würde. Es war weniger seine Lebendigkeit – die er bei genauerem hinsehen sehr wohl besaß – welche Sie inspirierte, sondern vielmehr die Ruhe, die er in seinen Worten und seiner Art versteckte.
Ein Blick auf Ihr rotgoldenes Haar, durchzogen von einigen grauen Strähnen, die sie im Laufe der Zeit nicht mehr zu verstecken versuchte; eine Brise ihres Geruchs, müde vom aufstehen oder den langen Stunden eines Arbeitstag, reichten ihm um die Ruhe in seinen Gedanken zu finden, nach der er stets suchte um in einem ruhigen Schlaf zu fallen. Es war weniger ihre ruhige Art – der alle verfielen, die sie umgaben – sondern die brodelnde Lebendigkeit, gefesselt durch ihre Ängste und ihr Leben, die darunter lag und durch nichts zu ersticken war, die ihm half sich auf ein neues Morgen zu freuen.

Im Grunde – so waren sich alle einig – band die beiden nichts aneinander, hatten sie nichts gemein. Sah man sie zusammen, also zumeist während jener kurzen Treffen, so schwiegen sie überwiegend.
Es ist müßig, darin fortzufahren, wieso die beiden nach allem Anschein nicht zusammenfinden hätten können oder sollen, warum die Sache nie etwas werden würde oder wann sie scheitern sollte. Denn auch nach Jahrzehnten, als beide alt geworden und die Sorgen des Lebens klein geworden waren, waren sie ein Paar.
Vielleicht nicht eines der gewöhnlichen Allerweltspaare, die ihre gemeinsame Zeit mit Aktivität füllen um nicht in die Gefahr zu gelangen, sich tatsächlich mit dem andren auseinander setzen zu müssen. Oder zu erkennen, dass in der Stille Fragen liegen.
Ich sprach nur einmal mit Ihnen persönlich. Damals, als ihrer beider Zeit nahezu gekommen war und nicht mehr viel blieb als die Erinnerungen an das Vergangene, da in der Zukunft schon bald das Ende drohte. Ich bin bis zum heutigen Tag keinem Paar begegnet, in dem ich deutlicher die Sage spüren konnte, nach welcher der Mensch einst beide Geschlechter vereinte und durch eine große Tragödie geteilt wird, nun beständig auf der Suche nach der anderen Hälfte.
Hier, so war es mir, hatten sich zwei Hälften gefunden und waren wieder eins geworden.

Zuletzt, nach einem spannenden aber eher belanglosem Report über ihr Leben – ich berichtete damals über lange Beziehungen und was sie zusammenhielt – stellte ich jene Frage, die immer gleich klang, jedoch niemals gleich beantwortet wurde.
Was ihre Antwort war, ist mir – ich muss es zu meiner Schande gestehen – zum größten Teil entfallen. Viel darin drehte sich um relative Gewichtungen, geteilte Lasten und Neuevaluierung der eigenen Sicht. Natürlich waren ihre Worte um ein vielfaches liebevoller und elaborater, doch wie schon bemerkt: ich habe das meiste vergessen.
Seine Worte jedoch blieben nur bis zum heutigen Tag im Kopf stecken, vermutlich deshalb, weil ich in ihnen einen Schlüssel für mein eigenes Leben fand und daher einen besseren Zugang zu Ihnen hatte als zu denen von ihr.

„Die Nacht hat ihre eigenen Regeln. Wenn du als Reisender in ihren Gefilden umherstreifst, wirst du durch die Fremdartigkeit dieser Regeln jedoch meist erschreckt. Darum fühlen wir uns des Nachts auch oft bedroht. Natürlich nicht nur deshalb; Fantasie und andere Spukgedanken tun oft ihr übriges um uns Angst zu bescheren.
Was ich sagen will ist… wer die Nacht als Besucher trifft, also hin und wieder nachts länger wach bleibt oder einmal ‚die Nacht zum Tage werden lässt‘, der wird sie niemals verstehen können. Die Nacht ist kein Tag. Will sie nicht sein. Die Nacht – ich sagte es ja schon – hat ihr eigenen Regeln. Und wer sie verstehen will, der muss sich Ihr hingeben. Mit all seinen Wesen und seinem Leben. Nur indem ich Teil der Nacht werde, kann ich Ihre Regeln beginnen zu erahnen.

Ich kann Ihnen erzählen, dass in der Nacht die Welt schlafen geht und Sie werden es erst verstehen, wenn Sie selbst mit dem ersten Morgengrauen den tiefen, klagenden Klang einer einsamen Klosterglocke hören, obwohl Sie inmitten einer Großstadt leben und sich weit und breit keine Kirchen oder Klöster befinden.
Ich kann Ihnen von der perfekten Ruhe einer Nacht erzählen, und doch werden Sie niemals die Nuancen der Stille erahnen können, wenn Sie nicht die allumfassende Stille der Nacht gewöhnt sind. Viel zu schnell nehmen Sie an, es sei still, so überreizt sind Sie von den Fluten des Tages.
Ich kann Ihnen erzählen, wie es sich anfühlt wenn die Welt zu Bett geht und jene Stille, von der ich sprach, unter Ihrer Bettdecke hervorkriecht. Doch können Sie die Ungeduld verstehen, mit der Sie dem Rückzug des täglichen Lebens zusieht, wenn Sie selbst gegen die Müdigkeit des Tages kämpfen? Was für die einmalig ist, ist für mich ein tägliches Ritual. Der Wunsch, den Tag fortzuführen macht Sie blind für den Beginn der Nacht und wenn Sie es dann endlich bemerken, dann ist sie bereits angezogen, geschminkt und geschmückt… Wenn Sie mir dieses plumpe Bild nachsehen wollen…
Ich kann Ihnen schildern, welche Klarheit die Nacht hat. Doch kann Ihr – von der Sonne des Tages geblendetes – Auge mehr sehen als die strahlende Leuchtkraft der Sterne? Sehen Sie die Farben des Schwarz? Schmecken Sie die Nuancen der Dunkelheit? Mal rauchig und verkatert, dann wieder so klar, dass nicht einmal ein geschultes Auge an ihr haften bleiben kann?
Die Nacht zu beschreiben ist, wie einem Tauben das Tanzen zu zeigen. Er wird Sie stets für verrückt halten. Erst wenn er die Musik hören – oder doch zumindest spüren – kann, wird er beginnen eine Ahnung davon zu entwickeln, was Ihnen das Tanzen ist. Doch wahrlich verstehen kann er sie nur, indem er sein Leben dem Studium Ihrer Meinung verschreibt. Und erst wenn er mit Ihnen verschmelzen kann, wird er einen Eindruck Ihrer Welt bekommen. Doch niemals erkennt er ihre Wahrheit, so sehr blendet in das Licht seines eigenen Lebens.

Die Nacht hat ihre eigenen Regeln. Damit habe ich begonnen und damit will ich diesen Exkurs beenden.
Ich habe mich dem Studium der Nacht verschrieben, habe in meinen Gedanken die Klarheit der Nacht gefunden, meine Zunge kennt den Geschmack der Dunkelheit besser als den des Essens von gestrigen Tag. Meine Ohren hören mehr in einer Minute Schweigen als im stundenlangem Geplapper der Menschen.
Aber in ihr… in IHR fand ich das eine Licht, dass mich nicht blendet.“