Aufbrechen

Wie eine Wunde,
Verschorft an ihren Rändern.
Wie eine Blume,
Voller Kraft in hellen Farben.
Wie eine Reise,
Verschlungen in ihren Pfaden.
Wie der Himmel,
Die letzten Tropfen weinend.
Wie Gestein,
Zersprengt von Lavafluten.
Wie Gedanken,
Endlich frei von alten Lasten.

So breche auch ich auf.
Doch wohin der Weg mich trägt…
Oder ob es diesen Weg gibt…

Das werde ich sehen wenn ich unterwegs bin.

In einer anderen Welt II

Erinnerung : In einer anderen Welt

Ich bin wer ich bin und nicht wer ich sein will.

Doch weiß ich was ich will? Und wenn ich nicht genau weiß was ich will… kann ich dann nicht alles sein? Jeder sein?
Was macht mich in dieser Welt aus, was mein Sein in jener unbestimmten anderen Welt, die ich doch so herbei sehne. Wohin führen mich die Gedanken über das was ich will, wenn nicht wieder in andere Welten aus Wünschen, Hoffnungen und Illusionen.
Sogesehen sind wir mit unseren Wünschen unabdingbar verbunden, egal ob wir sie uns konkret vorstellen oder nicht. Denn eine jede Zukunft ist im Grunde nicht festgesetzt. Wobei vielmehr die Vorstellung einer wieauchimmer gearteten Zukunft mit dem Wunsch verbunden ist. Zukunft an sich ist nicht genauer definiert. Ein unbestimmtes „noch zu passierendes“.

Wunsch. Ein komisches Wort, das viel zu oft mit der Weihnachtsschiene verbunden wird. Doch sind nicht schon Gedanken an andere Welten Wünsche? Nicht einmal so, wie ich es eben vertanden habe (also als potentielle Zukünfte), sondern globaler. Die Überlegung, das etwas anders ist als es ist, an sich ist doch schon ein Ergebnis unser eigenen Überlegung. Und damit ein Wunsch?

Ich bin wer ich bin und nicht wer ich sein will.
Aber vielleicht bin ich nicht einmal in dieser Welt der, der ich zu sein meine.

Und wenn ich hier und jetzt mein Wunsch-Ich nicht von meinem Sein-Ich trennen kann… kann ich dann nicht wieder jeder sein, der ich sein will? Auch wenn ich nicht genau weiß, wer ich sein will.

In einer anderen Welt könnte ich diese Frage zu meiner Zufriedenheit beantworten.

Doch ich bin nur in dieser Welt und nicht in jener in der ich sein will.

Raupe 2.0

Die Wolken ziehen heute eilig als dicke, feste Wattebällchen über den Himmel. Die Bäume, die ich durchs Fenster sehen kann, zittern beständig unter dem pfeifenden Wind und schwanken hin und her. Zumindest stelle ich mir vor, dass der Wind pfeift, denn hier drin, auf der Couch, höre ich nichts. Hier drin ist eine nahezu unnatürliche Stille, in der einzig meine Gedanken und die Worte, die diese Gedanken bilden Platz haben. Selbst das nahezu melidiöse Schnarren des Bohrers, mit dem einer der Mieter weiter unten die Wände töten will vermag nicht die Gedanken zu übertönen. Denn hier, auf der Couch, da haben sie Platz. Platz und Gesellschaft.

Ich liege auf der Couch, jenem recht bequemen Zentrum meines geistigen Lebens und beobachte, wie Vögel in mein Blickfeld taumeln. Ihr Kampf mit den Böen hat etwas kunstvolles, spielerisches und lässt mich schmunzeln. Mir, festgeklebt an den Boden, fällt das kämpfen schwerer. Sie taumeln in mein Blickfeld, dass ich mittlerweile nahezu auswendig kenne. Die vergammelten Fenster, die fast in einer Linie mit dem kahlen Schornstein enden, der aus dem roten Schindeldach hervorzubrechen scheint wie ein Gewülst. Die Bäume, die stellenweise so dicht sind, dass ich die dahinterliegenden Wolken nicht mehr erkennen kann, dann jedoch wieder Lücken aufweisen, ganz so wie ein rasierter Pudel. Für mich sind die Bäume schon längst Cheerleader meiner eigenen Überlegungen geworden und oft stelle ich mir vor, wie sie mich mit leeren Phrasen anfeuern, während ich auf der Couch bin und versuche Klarheiten zu gewinnen. Klarheiten über mich und die Dinge die mich niederdrücken, kämpfen lassen. Auf jener Couch, auf der ich Frieden finden kann.

Dunkle Wolken ziehen unter den weißen heran, noch eiliger und drängender im Tempo als ihre Vorgänger. Während sie die, nun fast gemächlich daherschreitend wirkenden, Wattebällchen verschlingen merke ich, dass ich nicht nur auf der Couch liege, sondern auch rede. Rede über mich und jene Dinge, die mich bewegen. Auf jener Couch, die mein Leben bewegt, auf der ich mein Leben bewege. Und so wie die zwei Armeen dort am Himmel um den Platz kämpfen, so ist auch mein Kopf in einem ewigen Gerangel gefangen, in dem dunkle Gedanken mit wolkigen Wattebällchen voller Euphorie um das Blau des eigenen Horizonts streiten.

„… Phase in der ich mich wie in einem Netz gefühlt habe. In das ich mich immer mehr verwickele; in dem ich immer weniger erkenne und gefangen werde……… Und dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst dieses Netz spinne. Dass es so sein soll; ich  mich in einen Kokon hülle…. [längeres Schweigen]…. Vielleicht um mich vor mir selbst und meinen Gedanken zu schützen. Damit ich Zeit habe, mich zu verwandeln. Zu verändern….. Schönes Bild. Darüber werde ich heute – glaube ich – schreiben.“

Wie in einem guten Theaterstück beendet mein Satz die Szene und der Vorhang fällt. Anschließend schreite ich, noch immer beflügelt von der Schönheit des Bildes, des Konstrukts meiner eigenen Überlegungen, den noch immer eilenden Wolken hinterher, gedrängt durch die Gedanken, die sich in meinem Kopf schon zu Sätzen formen und ungeduldig darauf warten, niedergeschrieben zu werden. So lasse ich in meiner Ungeduld die Couch hinter mir zurück, die mein Leben bestimmt. Mein Leben bestimmt indem sie mir die Freiheit und den Raum gibt, mich selbst zu bestimmen und zu erkennen. Die Möglichkeit gibt mich selbst zu erkennen und das auch auszuhalten.

Wenn ich will.
Wann ich will.

Wo ich bin

Ich werde dir nicht vergeben.
Kann es nicht.
Denn dafür geht die Wunde zu tief.

Manches verheilt nie;
selbst wenn es das könnte,
eine Narbe bliebe.

Aber ich kann mir vergeben.
Stück für Stück,  immer mehr.
Und so dir gelassener  entgegenschauen.

Denn vielleicht bin ich nun mehr bei mir
und weniger bei dir.

Nach innen

Ich schließe die Augen, meine Reise beginnt.
Ich schließe die Augen und horche in mich hinein.

Doch wo beginnt meine Reise?

Sind die Augen geschlossen, herrscht keine Dunkelheit. Fahles, gedämpftes Licht dringt durch meine Augenlider und blendet mich sogar dort. Doch wenn ich warte, wird dieses Licht schwächer, bilden sich vor meinen Augen Bilder aus Licht und Schatten – einzig gefärbt durch die seltsame Struktur der Dunkelheit meiner Augenlider – die sich in einem wirbelnden, verschwommenen Tanz ergehen und mich ablenken.

Wohin soll meine Reise denn gehen?

Ich horche in mich hinein, Musik umgibt mich. Ebenso der Lärm der Menschen um mich herum. Gespräche werden klarer. Fetzen der Themen bedecken meinen Kopf, bilden eine immer dichere und weichere Decke und je mehr es auf mich eintönt, desto undeutlicher werden die Einzelheiten. So, gebettet unter einem wohligen Mantel ungezählter Satz-, Lärm- und Musikfetzen beginne ich der Stille zu lauschen. Blut rauscht in meinen Ohren, vermischt sich mit den Schatten vor meinen Augen und beginnt meinen Körper in einen einzigen, rauschenden, wirbelnden Gedanken zu verwandeln.
Während ich in mich hineinschaue und -horche, beginnen in meinem Kopf Stimmen klar und laut miteinander zu diskutieren. Ein Gedankengang jagt den nächsten, wird brüsk unterbrochen und verteidigt sich noch im Fallen gegen die Vorwürfe anderer Stimmen. Mein Kopf wir ein großes, blutiges Schlachtfeld, auf dem grenzenloser Lärm herrscht. Der Kampf geht so lange weiter, bis alle Gedanken ausgeschaltet sind und nur ein einziger siegreich besteht. Dieser beginnt jedoch sofort, sich selbst in Frage zu stellen,sich zu kritisieren und seinem eigenen Schwanz hinterherzujagen, um sich schlussendlich wieder selbst gegenüber zu stehen.

So beginnt meine Reise.

Meine Augen betrachten einen wirbelnden Tank, meine Ohren spielen dazu einen munteren Reigen, während meine Gedanken in ewiger Selbstbeschäftigung verharren. Es ist immer dann, dass ich meinen Körper als eine leere Hülle empfinde. Mein Kopf, noch immer in seinem bunten Theaterstück gefangen, ruht auf einer fleischigen, nuzlosen Masse und ich hier finde ich, inmitten dieser Falten, Muskeln und Haare, endlich das Ziel meiner Reise.
Ich tauche ab in meinen Köper, weg von dem Lärm, weg von den Farben, weg von allem. Ich durchbreche die eiskalte, erfrischende Oberfläche der Stille und tauche so tief ich es vermag. Endlich verblasst alles um mich herum. Endlich rinnen die letzten störenden Einflüsse wie Perlen aus mir heraus und steigen nach oben; fort von mir. In der Stille schwebe ich unbewegt, unberührt.
Es ist ein einziger, kurzer und kostbarer Moment, soviel ist mir stets klar. Für mich ist es aber auch eine kleine, wunderbare und perfekte Ewigkeit.

Stille.Ruhe.
Friede.
In mir.
Mit mir.

Aber dann höre ich eine kleinen, kurzen Ton. Wieder und wieder, bis mein Geist darauf zuschwebt, er lauter wird und bald schon mein ganzes Sein umfasst. Ich erkenne mein schlagendes Herz und mit der Erkenntnis sehe ich es vor mir. Unbeirrt, ewig präsent schlägt es vor sich hin und ich sehe, wie es Leben in meinen Körper pumpt. Ich beobachte das Spiel der Muskeln und verfolge das pulsieren der Adern. Weiter und weiter führen die Adern, hinauf in weite Ferne. Während ich schaue und versuche das Ende zu erkennen, schwimme ich den Adern hinterher, zurück nach oben. Und ehe ich mich versehe, tauche ich aus der Stille auf.
Mein Geist saugt gierig den Lärm, die Farben, alles um mich herum auf und ich kehre zurück in meine Umgebung.

Meine Reise ist zuende.
Ich bin ruhig.

Ein Knopfdruck zum Ende

Warum vertrauen wir uns, wenn wir uns wenig kennen, so leicht alles an…

Darüber habe ich mir, vor Jahren und in einem anderen Zusammenhang, mal Gedanken gemacht. Ich könnte ein nigerianischer Prinz sein, der in England studiert hat und in Spanien Deutsch gelernt hat. Du könntest ein 20 jähriger Junge sein, der sich einen sehr eloquenten Witz erlaubt. Wieder jemand anders könnte sich als du ausgeben. Aber das sind wir nicht. Und was wir sind, wissen wir voneinander dadurch immer noch nicht, selbst wenn wir genau das wiedergeben was wir sein wollen.

Dadurch sind wir befreit. Befreit von den Vorstellungen uns irgendwo über dir Füße zu laufen. Du könntest jetzt in der Bahn neben mir sitzen, lesen was ich geschrieben habe und dennoch wäre unser Leben getrennt.
Anonymität. Darum geht es. Ich glaube, Menschen sind per se uneingeschränkt Vertrauensseelig. Es sind sie Ängste – um die eigene Person, um die eigene Lebenswelt – die misstrauisch machen. Das lässt sich natürlich nicht auf alles übertragen, aber auf das „Gesprächsvertauen“ schon… denke ich.

Wir kennen uns kaum, was kann dir als Person also passieren? Ich kann es nicht einer Person in deinem Leben erzählen. Ich kann es meinen Menschen erzählen und es ergäbe keinen Sinn für Sie. Keine Konsequenz für dich. Dieser riesige, nahezu unmöglich zu überwindende Graben schafft Offenheit. Denn wir sind nur einen Knopfdruck vom Ende weg. Wie können jederzeit das Gegenüber ohne nachweisbare Rückstände aus unserem Leben vertreiben. Das mit einem Bekannten  zu machen fällt schwerer. Vielleicht hängen gemeinsame Freunde dran, vielleicht Kinder, Partner,  Hunde.

Manchmal -wahrscheinlich meistens – brauchen Menschen nur ein Gefäß in das sie ihre eigenen Gedanken hinterlegen und sortieren können. Dazu eignen sich Fremde eben gut. Den Ratschlägen muss man nicht Folge leisten, denn die Erfolge kann das Gegenüber eh nicht messen. „Wenn zwei Menschen miteinander sprechen sind es meist zwei Monologe, die nebeneinander daherplätschern“ sagt man ja. „Man“ wie in „ich“.

Ich finde, dass deshalb dem Anvertrauen gegenüber Fremden ncihts merkwürdiges, sondern vielmehr etwas total Natürliches anhaftet. Natürlich nur, wenn wir voraussetzen, dass Austausch ohne direktes Gegenüber natürlich vonstatten geht. Wer schon damit beginnt, dass der Kontakt ohne haptisch greifbares Gegenüber unwirklich ist. Ja dem kann und will ich dann auch nicht mehr helfen.