The insurmountable Insanity of Vanity

Auf der Überholspur meines Lebens kann ich auch mal kurz innehalten um jemand vorzulassen, denke ich während ich in der Masse der arbeitenden und zu beschulenden Bevölkerung von S-Bahn zu U-Bahn zwockel. An der Rolltreppe bin ich auf der Seite gelandet auf der man eben weitergeht – komme was wolle und zwar schnell denn wo kommen wir sonst hin; eben nirgends hin und wer will das schon -, als überraschend ein, gänzlich unpassend rebellierend, weniger artiger Mitbürger aus seiner Spur der Lauffaulen, der nichtsnützigen Müßiggänger – der Spur des Stillstandes und Todes. Welch wonnige Sehnsucht mich nach ihr in diesem Moment packt! – ausbricht und mich vor die Wahl stellt: Konfrontation und durchziehen, mein Tempo halten und seine Leiche herausfordern über welche ich anschließend mit stolzgeschwellter Brust schreiten könnte; oder aber innehalten – kurz nur, quasi den kleinsten Bruchteil eines Lebens, aufhören voranzuschreiten und damit zurückfallen in prä-existentielle Urzustände – und auf ewig ob der unendlichen Güte meines unermesslichen Verzichts aufzusteigen in der unablässigen Rangelei um die besten Plätze auf der huldvollen Liste der besten Menschen. Der Allerbesten!

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„You are one confused person, aren’t you?“
„Nah, not really.“

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Mein Hirn muss vermutlich kurz ausgesetzt haben als ich dem verzweifelten Treiben der Hummel zuschaue, die sich zwischen der Doppelverlasung des Altbaus meiner Arbeit eingesperrt hat. Ich starre eine vermutlich ungebührlich lange Zeit auf das kleine Vieh, wie es im Kampf gegen eine unsichtbare Kraft immer und immer wieder anfliegt; vielleicht zunehmend verzweifelter und berauscht von der bizarren Hoffnung irgendwie doch noch zu entkommen; vielleicht zunehmend stoisch und besessen von der fatalistischen Gewissheit es irgendwie nicht lassen zu können. Vor mir spielt sich im Mikrokosmos ab, was mich vielleicht umgeben würde, könnte ich es wahrnehmen; würde ich die Kräfte erahnen die an mir zupfen und zerren und mich an-, ab- und umtreiben.
But alas – wie ich gerne mit dem Weltschmerz eines vom Leben gebeutelten Eremiten von mir gebe, dessen einzige Erkenntnis doch nur die Vergänglichkeit der Erkenntnis ist – … aber LEIDER – denn auf dem alas liegt der Impuls des Leidens – kann ich dieser Kräfte nicht gewahr werden und verbleibe das lyrische Ungeziefer im Käfig meines eigenen Zimmers, grotesk verwandelt und befremdlicherweise einzig um die Wahrung des eigenen, verdrießlichen Alltags bedacht. Lediglich mein Scharren mag weniger angestrengt wirken, verträume ich meinen Tag doch an dem Flügelschlag eines pelzbeinigen Sisyphos und vergesse darüber die stetige Optimierung meines von der Gesellschaft geknechteten Ichs.

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You seem very confused with who you are.“
„But I am not…. So maybe yes, I am confused. But I integrated the ambiguity of my own little vain self into myself.“

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Die Uhr – pompös groß, mit der Spitze ihres billigen Plastikrunds auf einer blättrig weiß lakierten Fensterbank ruhend in einem Zimmer, welches die Herrlichkeit damaliger Internate erspüren lässt – tickt leise vor sich her, Symbol der streng geprüft und bemessenen Zeit die vergeht; vielleicht auch sie zunehmend verzweifelt oder stoisch, wer vermag es schon zu sagen; wer sich zum Meister der Zeit aufschwingen und mit der Illusion des Verständnisses bekleiden, die der Kaiser vorher schon schamvoll berührt abgelegt hatte.
Die Seite eines Buches – vermutlich eine Schmonzette der Untiefen dessen was sich Jugendliteratur schimpft und den Abschriften alter Blaupausen durch die Mönche des Mittelalters gleichkommt – wird umgeblättert, scharrt laut auf jene Art durch den Raum, die ein kleines Geräusch in der es umgebenden Stille zur Maxime des möglichen Lärms werden lässt und in unserem Ohr eine fokalen Kakophonie bildet, was als Satz zwar schön kingt aber in der Nebensache ausreichend störend auf die Konzentration wirkt. Auch das Rauschen im Sumpf der Zeit, oder gurgeln im Schaum der Wellen; die Bagatelle persiflieren und das Joch der Gleichmäßigkeit durchbrechen.

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„That still seems pretty confused.“
„Yeah it is. But it’s all part of the plan.“

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„Wenn man kein Geld hat, dann ist man ein Nichts!“ war ihr Satz, der für Sie inbrünstigs Bekenntnis nicht nur ihres Selbst, sondern ihrer ganzen Generation – glaubte ich Ihren Worten – darstellt. Unverständnis umschwirrt sie wie behäbige, glitzernde Fliegen bei meiner Antwort und sie wird mit der unabdingbaren Brillianz ihres unfertigen, in sich (blind)schlüssigen Weltbildes fundamental abgelehnt; ganz Mensch ihres Alters – Beta-Menschen, noch aus der Testphase des Lebens zu erwachsen – und damit erfrischend ehrlich im dissonanten Dialog der zwischen uns entsteht. Rudimentär zu erklären war mir heute schon genug, die angehende geistige Elite kann sich alleine in der Welt zurechtfinden – beschließe ich und begebe mich anschließend dennoch in die Diskussion.
Hoffnung ist wo wir sie schaffen.

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„So you want to be confused?“
„It’s not about if I want to, it’s that we have to.“

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Es gibt generell zwei Arten von Menschen: jene die sich bedanken wenn jemand Ihnen die Tür aufhält und jene die sich dadurch in ihren eingebildeten Geflecht von Gleichberechtigung verletzt sehen, denke ich während ich die Treppen einer anderen S-Bahn-Station herabschlendere; wesentlich später am Tag, nur unwesentlich wacher in dem Strom der abgearbeiteten und fertig beschulten Bevölkerung, welche durch einen Pulk aus zig Kinderwagen auf einen belustigenden Slalomkurs gezwungen wird – ich kann das während meines nahezu fabelhaften Abstiegs wunderbar überblicken und mich königlich darüber erheben; ein Widerstreit unendlicher Größe innerhalb der winzigen Passform meines Daseins. Individuell in der Welt meines eigenen Ichs und doch, bekleidet oder nicht nach den Vorlagen der inneren Modedesigner, ein Nichts wie alle anderen: emsig ausbrechend aus meinen Spuren, stoisch-hoffnungsvoll anflatternd gegen lenkende Kräfte und leise an meinem Leben entlangtickend.

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Maybe that’s the start of a maniacs thoughts about enlightenment…
Bewegte, tumultige Gedankenzeiten; Poesie umgibt mich wie faulige Pomade.

Das Leben ist schön

Guter Film.
Aber auch programmatische Doktrin unsrer Zeit.
Es ist schön, es ist gut oder es soll nicht sein.

Dass es nicht komplett das Gegenteil sein kann ist auch klar. Das Leben ist nicht Scheisse, alles schlecht und die Welt ein Vorhof der Hölle. Aber sie ist es auch. Auch. Nicht nur, nicht immer, aber doch eben oft. Oder auch nicht, hier muß jeder auf seinen Lebenslauf schauen.

Letztlich bleibt: Beides gehört zusammen und das eine wegreden ist ebensowenig mein Ding wie zu leugnen, dass es nur eines gäbe und geben soll. Als der Geist der eher mal verneint habe ich mir natürlich eher die Sicht angewöhnt, die das Schlechte hervorhebt. Vielleicht aber bin ich auch da als Stellvertreter der Unterdrückten zu verstehen; denn das Leben ist nicht schön. Nicht nur. Und das finde ich schön! Diese Freiheit, wenn es nicht immer so sein muss, ist mir kostbares Gut in letzter Zeit.

Meine Darstellungen, in Dialogen mit anderen Menschen, sind oft vom Duktus eher… brutal und düster. „Uns steht nichts zu, nicht einmal dass wir leben. Auch das ist ein täglicher Kampf unserer Zellen, der von Tod, Regeneration und Wiedergeburt bestimmt wird. Wir haben kein RECHT dazu, glücklich zu sein, wir müssen es uns erkämpfen und selbst dann gibt es kein Anrecht darauf das es fortdauert.“ So und anders drücke ich mich dann aus. Meine Übertreibung dient eben der Verdeutlichung. Und das wir auch keine Pflicht zum Unglück besitzen bleibt dabei eben zu extrapolierende Information.

Doch von diesen Formulierungen leite ich keinesfalls eine negative und düstere Sicht ab. Im Gegenteil; würde ich gefragt werden (oder die Freiheit besitzen einen Text in einem Blog zu schreiben), so würde ich mich selbst als einen Menschen bezeichnen, der das Leben mehr bejaht als jene Menschen, für die alles schön sein muß und glücklich sein die Maxime des eigenen Handelns darstellt. Ich entschließe mich, den dunklen Dingen mehr Aufmerksamkeit zu widmen, doch letztlich ist auch mir ganz deutlich bewusst: sie sind nur eine Facette im großen Spiel des Lebens (verzeiht dieses brechteizerregende Bild).
Meine Bilder malen in gedämpften Farben, doch sie wollen genauer hinsehen, lassen sich nicht blenden von glitzernden Visionen einer Welt die wir ebensowenig erreichen werden wie die postnukleare Schabracke einer Zukunft wie sie in meinen Worten entstehen soll.

Es ist meine Lebenskunst und mein Humor, die Beschissenheit der Dinge (auch ein guter Film) als etwas gutes anzusehen. Doch bin ich damit so verquer? Ist es nicht in selben Maße irrsinnig anzunehmen das es überall auf unserer Welt vor lauen und herrlich friedlichen Waldwiesen nur so wimmelt? Das wir, jeder einzelne, erfüllt und glücklich sein können – ach was müssen!  – wenn wir nur fest genug darauf hin arbeiten oder uns selbst überzeugen?

Die Konsequenz meiner Gedanken hat mich zu einer sehr klaren und kurzen Neuausrichtung bewegt: „ich möchte den Menschen um mich herum gut tun.“
Was jetzt nach der ‚Hassrede‘ vielleicht merkwürdig klingt… und doch sehe ich sie als einzige mögliche Folge. Glück, ‚gutes Gefühl‘, etc. müssen erarbeitet werden. Sie sind nicht intrinsischer Bestandtwil eines Hippiegetränkten Heileweltglaubens. Sie sind da wenn ich sie erschaffe. Doch ich bin nicht gezwungen dazu. Ich kann mich entscheiden wann und wie ich das tue, denn weder bin ich dann besser, noch vorher oder bei Verzicht schlechter. Und diese Freiheit – ich erwähnte es – ist für mich kostbar und Motivation.

Und mit der Freiheit hängt, glaube ich, auch der Ursprung einer (in welche Richtung auch immer gearteten) Fokussierung zusammen. Wenn die Welt immer Gut oder Schlecht sein soll, dann haben die Dinge ihren Plan. Ihre Bestimmung und damit auch ihre Grenzen. Das, hierauf gehe ich im Detail vielleicht einmal an anderer Stelle ein, schafft Sicherheit. Es ist einfacher zu überschauen, man weiß sich auszurichen und die Handlungsmuster können besser angepasst werden. Freiheit macht Angst.

Ich habe, das sei als Gleichnis zum Abschluß gewählt, einmal ein Bild gezeichnet gesehen in dem ein weißer und ein schwarzer Wolf miteinander kämpften. Dazu folgender Dialog: „Der schwarze Wolf steht für das Schlechte, der weiße für das Gute.“ – „und welcher wird gewinnen? “ – „Derjenige den du fütterst. “

Ein visuelles Emetikum, gewiss. Aber hier ist meine Antwort: beide füttern. Sonst ist es schneller vorbei und ich habe mein Leben auf beide verwettet.

Das fremde Ich

Er erwachte, wie an jedem beliebigen anderen Werktag, als sein Wecker ansprang und in stetig steigender Lautstärke ein Piepen durch die Wände seine Träume schleuderte. Sein stets hellwacher Geist hatte auch heute keine Probleme sich zu sortieren und die gewohnten Handlungen anzuregen. Er stand auf, fischte seine Schlappen unter dem Bettüberzug hervor, schüttelte Kopfkissen und Bettdecke auf und schlug die Tagesdecke mit derselben geübten Bewegung zurück, wie er es seit dem Tod seiner Frau die letzten neun Jahre zu tun pflegte. Ein prüfender Blick, ein kleines, verkniffenes Lächeln und er wandte sich ab um seine Morgentoilette zu erledigen.

Ich schaue diesem Wesen hinterher. Jenem Sinnbild, dass einem ersten, kurzen Gedanken in meinem Kopf entsprungen ist und ein eigenes Leben entwickelt hat. Eigenes Leben? Hat es das, wenn alle seine Handlungen und Gedanken einem Gedankengang meines Hirnes entsprungen und doch nur symbolisch zu verstehen sind? Ist das kleine Lächeln Ausdruck einer Freude oder doch nur das I-Tüpfelchen auf der Leinwand eines alten, routinierten – fast schon neurotisch exakten – Prototypen von Menschsein, den ich zu entwerfen versuche?
Wie viel Leben hat dieses Ich eigentlich, das ich die Bühne betreten und agieren lasse nach einem Plan, der von Beginn bis Ende festgeschrieben scheint? Steht mehr hinter seinen Handlungen, in diesem Raum den ich nicht definiere; sei es aus Faulheit, Vergesslichkeit oder literarischer Notwendigkeit? Lächelt er vielleicht das angegraute, tausendfach verliebt betrachtete Bild seiner Frau an, während die Gewohnheit eines in gemeinsamer Glückseligkeit verbrachten Lebens mechanisch die Rituale des Aufstehens erledigt? Lächelt er über die befriedigende Genauigkeit seiner Arbeit, während seine faltige Hand die Kordrillen der Tagesdecke in einen exakt rechten Winkel zur Bettkante streicht und ein innerer Dämon endlich Ruhe gibt?
Wem gehört dieses Lächeln, dass ich veranlasst habe, welches aber von einem anderen Ich gelächelt wurde?

Während er sich unter die Dusche stellte und das Radio aufdrehte, befasste sich sein Geist bereits mit den anstehenden Tagesaufgaben. Butter ging aus, Brot auch. Einen Termin bei der Friseurin musste er auch machen, die Rothaarige war heute im Laden. Roswita oder Klara. Er wusste nicht mehr wie sie hieß, aber dafür war sie stets freundlich und gab ihm nach dem Schnitt meist noch eine kurze Kopfmassage, auch wenn ihre Chefin das nicht erlaubte und mit ihr schimpfte. Was sie jedoch stets mit einem Zwinkern in den Augen sagte, weshalb er nicht ganz wusste ob das ein Scherz war oder nicht. Oh und Käse durfte er nicht vergessen, den guten Emmentaler. Der alte war trocken geworden als er gestern beim Abendbrot kurz…

Meine Gedanken überschlagen sich in dem Versuch, im Denken des Anderen mitzuhalten. Dabei habe ich alle Zeit der Welt um aufzuschreiben, was ich mir selbst ausdenke, denn ich bin natürlich nicht unter der Dusche und meist denke ich dort auch nicht über Alltägliches sondern über Transzendentes nach. Komische Angewohnheit. Aber ein anderes Thema. Ich bin gefangen im Tempo des Wesens, das denkt und denkt und denkt; emsig wie ein kleiner, schrumpeliger Käfer, der im Sommer seine Mistkugel vor sich herschiebt. Seine Gedanken sind meine Gedanken und doch humpele ich hinterher im Versuch einzutauchen in eine Welt, die letztlich dann eben doch nicht meine ist. Und wieder der Zweifel: oder ist sie das doch?
Wem gehört diese Gedankenwelt, in der sich die mir ungewohnten Gedanken eines fast fertig gelebten Lebens wie an einer Perlenschnur aufreihen in der kleinen Welt eines Menschen, der bereits die ganze Welt gesehen hat. Oder auch nicht.
Ich weiß es nicht.
Ich müsste ihn fragen ob er bereits genug oder noch nichts gesehen hat. Seine Welt beschränkt und mit Mauern umgibt um geliebte Erinnerungen zu schützen oder weil die Grenzen seines Geistes härter sind als Beton.
Dieses Ich, der aus mir entsprungene Gedanke, wird mir zunehmend fremd und ich blickte verwirrt, zugleich aber auch gespannt auf die nächste Szene die sich mir entfaltet.

Indem der Mensch die Dinge um sich herum benennt, schält er sie ins Bewusste, beraubt sie damit der Möglichkeiten die sie hätten sein können und presst sie in eine Form, die er nach seinem Willen formen kann. Ähnlich diesem Prinzip stehe ich zwischen mir selbst und dem Wesen meines Geistes, gebannt verharrend in einer bizarren Handlungsunfähigkeit. Unzählige Szenarien verlebt mein Gegenüber innerhalb kurzer Gedankenblitze, während ich gemächlich das Schampoo aus meinen Haaren reibe und damit beginne meinen Körper einzuseifen. ‚Es ist schon merkwürdig mit den Gedanken‘ denke ich, als der Schaum an meinem knorrigen Körper in den Tälern der Falten abläuft und dabei ein Flussdelta bildet. Ganz wie am Nil damals. Ah, ist das schon lange her. Aber schön war es damals und nicht so verworren, als er noch mehr hatte als dieses fremde Ich um sich selbst zu unterhalten.

Re: Re: Woran glaubst du

Aus einem Dialog in den Kommentaren des vorherigen Posts (Re: Woran glaubst du?) ergab sich gleich noch ein Nachtrag zu dem Thema. Wie es meine große Kunst ist, habe ich mich so kurz fassen können, dass es in die Kommentare passte. Only it did not. 😉

Die grundlegenden Fragen diesmal: Doch steht der Glaube nicht irgendwie jenseits der Ratio? Was glaubst Du, woran Du glaubst? Ist denn aber der Glaube selbst nicht eben bedingungslos und dadurch dem Wissen verschlossen?

 

Da ich jetzt gerade am PC sitze eine etwas ausführlichere Beschreibung, denn diese Formulierung trifft irgendwie nicht meinen Kern des Interesse:

Wenn ich darüber nachdenke, ob es so etwas wie die Inhalte von Glaube gibt (also metaphysische Dinge wie „Gott“, „Geister“, transzendende Wesen/ Zustände etcetcetc.) dann bringt mich das recht schnell weg von genauen, definierten Inhalten und hin zu dem Gedanken:
Wieso sollte der Mensch in der Lage sein, alles zu verstehen und zu erfassen? Und selbst wenn er es schafft, dass was er verstehen KANN zu 100% zu verstehen… ist es nicht unmäßig arrogant anzunehmen „das ist alles was es zu verstehen GIBT!“?

Meine Antwort auf diesen Punkt ist ein klares: ja, es ist vermessen und genau darum kann ich, als rationaler und aufgeklärter Mensch dennoch „glauben“.
Weil eben nicht nur das zählt was ich weiss und gesehen habe. Ich bin ausgestattet mit Rezeptoren und Verarbeitungsmodulen, die bestenfalls als „rudimentär funktionsfähig“ bezeichnet werden können (Beispiel zur Verdeutlichung). Im Vergleich zu anderen vielleicht breiter aufgestellt und flexibler, aber dennoch recht unzulänglich. Wir können nicht die Spannungen in Bergen wahrnehmen, die sich über Millenia entfalten und in mikroskopisch kleinen Räumen stattfinden. Wir können so wenig sehen, so wenig riechen und noch viel weniger spüren von dem, was uns umgibt; geschweige denn diese Empfindungen bewusst verarbeiten.

Wieso also Glauben ablehnen?
Weil er unlogisch ist?
Weil wir eine Geschichte hinter uns haben, die uns lehrte Glauben mit Misstrauen zu begegnen?
Weil wir der Meinung sind, anzunehmen wir können ausschließen, was sich uns nicht erfassbar präsentiert?

Ich schrieb in den Kommentaren schon in Kürze „Auch wenn Glaube nicht logisch zu ergründen ist, kann man ihn rational sehr gut umreißen.“
Genauer formuliert heisst das für mich entsprechend, dass Mensch sehr gut (und immer besser) die Grenzen seines kognitiv erfassbaren Rahmens ausreizen kann. Wir wissen und sehen heute (mit Hilfsmitteln) Dinge, von denen Menschen nur wenige Jahrzehnte vor uns nicht einmal etwas ahnten. Und das wird stets weitergehen. Doch irgendwann einmal, so ist meine logische Schlussfolgerung aus den mir gegebenen Variablen, wird dies enden. Wir sind räumlich umrissene Wesen („Informationsanhäufungen“ in der entfremdetsten Formulierung) mit endlichen und räumlich begrenzten Möglichkeiten der Informationsverarbeitung. Es mag sein, dass es eine 27. Dimension gibt, aber wir haben bereits Schwierigkeiten damit, uns mehr als die drei vorzustellen, für die wir Rezeptoren haben.

Zusammengefasst ist es also für mich rational eine unberechtigte Annahme, der Mensch sei jemals in der Lage „Alles“ zu erfassen. Dafür müsste sich in der begrenzenden Variable (dem Menschen) sehr viel ändern und dann ist es fraglich ob wir das noch Mensch nennen können.

Warum also ist meine Antwort nun nicht ganz so wie oben vorgeschlagen, nämlich dass der Glaube in sich bedingungslos und dem Wissen verschlossen sei?

Hier nehme ich einmal einen Freund aus dem quasi zu meinem Studium artverwandten Fach der Physik (Sozial-, Geistes-, Naturwissenschaften.. Schmissenschaften. Alles das selbe) als Grundlage: „Wenn eine Sache unabdingbar gilt, kann ich sie für die Betrachtung meines Problems ausklammern, da sie ebenso wegfallen kann.“ Im  Beispiel seiner Aussage ging es um Altruismus und eine recht rationale Beendung des Nietz’schen Arguments „alles sei letzten Endes egoistisch“. Runtergebrochen war seine Argumentation: Ok, dann ist das so. Wir definieren also dass in letzter Instanz alles egoistisch ist, was aber für eine messbare Untersuchung keinen Einfluss mehr ausübt. Denn es GIBT Größen die voneinander abweichen (Handlungen sind unterschiedlich egoistisch in der Intention etc.) und dadurch ergibt es keinen Sinn diese eine Konstante beizubehalten. Wir klammern sie aus und messen den Rest, werten ihn aus und schließen daraus eine Hypothese.
Vermutlich falsch wiedergegeben, aber aus seinem Munde klang es sehr schlüssig.

Ähnlich verhält es sich nun für mich mit dem Glauben. Wenn ich die Inhalte nicht beschreiben, die Grenzen aber sehr wohl bestimmen kann… habe ich ihn dann nicht bereits eine Definition erzeugt? So unterschiedlich sie im Individuum auch sein mag.
Beispiel: da oben am Laubbaum, da hängt etwas. Es nährt mich, ist saftig und meist grün, gelb oder rot. Ein Forscher nutze es (angeblich) um die Gravitationstheorien zu beginnen. Kann man super Kuchen draus machen.
Vermutlich sind die Deutungen der Kategorie des gesuchten Gegenstands recht ähnlich. Das genau inhaltliche Objekt mag noch unscharf sein; die Form und Kategorie wird bestimmt sein.

Zurück zum Glauben: Ich denke mich stört an der o.g. Aussage, dass sie eine genaue Kenntnis der Inhalte als „Wissen“ und ein Gefühl darüber als „abseits der Ratio“ stehen lässt. Nur indem ich genau ergründe, was etwas ist (und das auch herausfinde), „weiss“ ich darum? Da könnten wir wieder anfangen zu fragen, was denn uns bekannt ist? Wir nennen einen Apfel Apfel, weil man das so tut. Wir benennen ihn als etwas, das im Groß der Menschheit als Obst und sprachlich verschiedene Version von „Apfel“ bekannt ist. Aber woraus besteht er? Weiss ich das? und noch weiter reingeschaut – hinter Atome, Quarks, Quantenzustände und Energie? Sicher dass da ein Ende ist? Wie sieht es da aus mit dem Wissen? Ich muss kein schlauer Mensch sein, um zu wissen dass hier der Spruch „ich weiss, dass ich nichts weiss“ passt. Socki is eben immer wieder hipstermäßig modern.

Führe ich nun alle genannten Punkte zusammen, kann ich letztlich antworten: Ja, der Glaube (im Verständnis des metaphysischen) ist der Ratio, so wie sie heute verstanden wird, nicht zugänglich. Ebensowenig ist jedoch eine klare Grenze zu finden, an der irgendetwas der Ratio noch oder nicht mehr zugänglich ist. Elektrizität. Crazy Stuff und auch wenn ichs oft erklärt bekommen hab immer noch ein wenig magisch.
Da wir also annehmen können, dass nichts und damit auch alles der Ratio unzugänglich ist, können wir diesen Gedankenstrang fallenlassen und den Fall anschauen, in dem es eine Grenze zwischen Ratio und Rest gibt – gemeinhin Glaube genannt.

Ja, die Inhalte werden sich dem logischen Geist selten erschließen (er kann sie verstehen, aber kein Verständnis haben und lehnt sie als „unlogisch“ ab). Ja, dadurch ergibt sich ein unbestimmter Raum, der in sich geschlossen ist und von „außen“ nicht zu betreten scheint. Da gabs mal irgendjemand an Philosophen der das sagte (fällt mir da auf), muss also stimmen.
Dennoch finde ich, dass durch die genau Beschäftigung mit dem „Umriss“ des Glauben sehr wohl eine rationale Antwort darauf gefunden werden kann. Und wenn es eben eine negativ formulierte Antwort ist: „Glaube ist alles das, wo die Logik scheitert“. Immerhin weiss Mensch dann ja recht genau was es ist. Oder?

Hm, finde ich einen kurzen abschließenden Satz?

„Ich glaube, dass ich an einen wissenschaftlichen Glauben glaube, der es möglich macht die Ungereimtheiten unseres Lebens erst einmal auf später zu vertagen und den Menschen in seiner gottgegebenen natürlichen Arroganz in seine Schranken weist.“