Die Regeln der Nacht

Sie begegneten sich in der Regel zwei mal täglich. Einmal gegen sechs Uhr Morgens, dass andere mal gegen zehn Uhr Abends.
Hätte man ihn gefragt, hätte er im Scherz gesagt „Eher sechs Uhr Abends und zehn Uhr Morgens.“ Aber es kam selten vor, dass ihn jemand nach so etwas fragte, also schwieg er.

Über Monate liefen diese Treffen still ab. Im Nachhinein betrachtet musste es sogar lange so gewesen sein, dass sie sich schon getroffen hatten ohne je einander zu bemerken. Ganz so wie eine Spinne lange in einer Zimmerecke vor sich hinleben kann ohne entdeckt zu werden. Der Mensch und die Spinne existieren beide, doch existiert der eine für den anderen erst ab dem Punkt, an dem er in das bewusste Wahrnehmen eindringt. Maximal eine vage Ahnung um das Sein des Anderen besteht in uns, bis es eine Bestätigung durch unsere restlichen Sinne erfährt und dadurch als Teil unser eigenen Welt aufgenommen wird.
So hatten wie sich oft gesehen, jedoch nie aneinander Interesse gezeigt. Wann genau sich das geändert hatte, wusste später keiner der beiden zu bestimmen. Es war eine jene Entwicklungen, bei denen man sich irgendwann nur daran erinnern kann, dass es schon immer so war und halt irgendwann begonnen hatte.
Etwas, so natürlich in seiner Natur, dass es zu einem integralen Bestandteil des eigenen Lebens wird und damit, so wie die frühe Kindheit, in einem generellen Gefühl untergeht.

So lernten sie sich kennen. In den kurzen Momenten um sechs und zehn, an seinem Abend, ihrem Morgen; ihrem Abend, seinem Morgen.

Eigentlich – so sagten alle ihre Freunde und auch die Handvoll jener Menschen, die er als Bekannte bezeichnen würde – war ihre Bekanntschaft von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Niemand – so sagten die Menschen die sie gut kannten und jene, die ihn schon lange begleitet hatten – kann so leben und glücklich sein.
Es ist wahrlich ein gutes Ding, dass sie beide wenig auf das gaben, was andere sagten, sonst wäre Ihnen beiden etwas entgangen, was sie später als die schönsten Zeiten ihres Lebens bezeichnen würden.

Es waren die Gespräche, in die beide sich verliebten; es waren die kurzen Momente – Morgens um sechs und Abends um zehn – in denen beide die Kraft für den Tag und die Ruhe für die Nacht fanden.
Einige Minuten mit ihm reichten ihr, dem trostlosen Moloch ihres Alltags zu widerstehen; angefüllt mit den kleinlichen Widrigkeiten einer Normalsterblichen, den anekelnden Gerüchen eines Lebens, an einem Ort, den Sie nicht als Zuhause, wohl aber als Endstation bezeichnen würde. Es war weniger seine Lebendigkeit – die er bei genauerem hinsehen sehr wohl besaß – welche Sie inspirierte, sondern vielmehr die Ruhe, die er in seinen Worten und seiner Art versteckte.
Ein Blick auf Ihr rotgoldenes Haar, durchzogen von einigen grauen Strähnen, die sie im Laufe der Zeit nicht mehr zu verstecken versuchte; eine Brise ihres Geruchs, müde vom aufstehen oder den langen Stunden eines Arbeitstag, reichten ihm um die Ruhe in seinen Gedanken zu finden, nach der er stets suchte um in einem ruhigen Schlaf zu fallen. Es war weniger ihre ruhige Art – der alle verfielen, die sie umgaben – sondern die brodelnde Lebendigkeit, gefesselt durch ihre Ängste und ihr Leben, die darunter lag und durch nichts zu ersticken war, die ihm half sich auf ein neues Morgen zu freuen.

Im Grunde – so waren sich alle einig – band die beiden nichts aneinander, hatten sie nichts gemein. Sah man sie zusammen, also zumeist während jener kurzen Treffen, so schwiegen sie überwiegend.
Es ist müßig, darin fortzufahren, wieso die beiden nach allem Anschein nicht zusammenfinden hätten können oder sollen, warum die Sache nie etwas werden würde oder wann sie scheitern sollte. Denn auch nach Jahrzehnten, als beide alt geworden und die Sorgen des Lebens klein geworden waren, waren sie ein Paar.
Vielleicht nicht eines der gewöhnlichen Allerweltspaare, die ihre gemeinsame Zeit mit Aktivität füllen um nicht in die Gefahr zu gelangen, sich tatsächlich mit dem andren auseinander setzen zu müssen. Oder zu erkennen, dass in der Stille Fragen liegen.
Ich sprach nur einmal mit Ihnen persönlich. Damals, als ihrer beider Zeit nahezu gekommen war und nicht mehr viel blieb als die Erinnerungen an das Vergangene, da in der Zukunft schon bald das Ende drohte. Ich bin bis zum heutigen Tag keinem Paar begegnet, in dem ich deutlicher die Sage spüren konnte, nach welcher der Mensch einst beide Geschlechter vereinte und durch eine große Tragödie geteilt wird, nun beständig auf der Suche nach der anderen Hälfte.
Hier, so war es mir, hatten sich zwei Hälften gefunden und waren wieder eins geworden.

Zuletzt, nach einem spannenden aber eher belanglosem Report über ihr Leben – ich berichtete damals über lange Beziehungen und was sie zusammenhielt – stellte ich jene Frage, die immer gleich klang, jedoch niemals gleich beantwortet wurde.
Was ihre Antwort war, ist mir – ich muss es zu meiner Schande gestehen – zum größten Teil entfallen. Viel darin drehte sich um relative Gewichtungen, geteilte Lasten und Neuevaluierung der eigenen Sicht. Natürlich waren ihre Worte um ein vielfaches liebevoller und elaborater, doch wie schon bemerkt: ich habe das meiste vergessen.
Seine Worte jedoch blieben nur bis zum heutigen Tag im Kopf stecken, vermutlich deshalb, weil ich in ihnen einen Schlüssel für mein eigenes Leben fand und daher einen besseren Zugang zu Ihnen hatte als zu denen von ihr.

„Die Nacht hat ihre eigenen Regeln. Wenn du als Reisender in ihren Gefilden umherstreifst, wirst du durch die Fremdartigkeit dieser Regeln jedoch meist erschreckt. Darum fühlen wir uns des Nachts auch oft bedroht. Natürlich nicht nur deshalb; Fantasie und andere Spukgedanken tun oft ihr übriges um uns Angst zu bescheren.
Was ich sagen will ist… wer die Nacht als Besucher trifft, also hin und wieder nachts länger wach bleibt oder einmal ‚die Nacht zum Tage werden lässt‘, der wird sie niemals verstehen können. Die Nacht ist kein Tag. Will sie nicht sein. Die Nacht – ich sagte es ja schon – hat ihr eigenen Regeln. Und wer sie verstehen will, der muss sich Ihr hingeben. Mit all seinen Wesen und seinem Leben. Nur indem ich Teil der Nacht werde, kann ich Ihre Regeln beginnen zu erahnen.

Ich kann Ihnen erzählen, dass in der Nacht die Welt schlafen geht und Sie werden es erst verstehen, wenn Sie selbst mit dem ersten Morgengrauen den tiefen, klagenden Klang einer einsamen Klosterglocke hören, obwohl Sie inmitten einer Großstadt leben und sich weit und breit keine Kirchen oder Klöster befinden.
Ich kann Ihnen von der perfekten Ruhe einer Nacht erzählen, und doch werden Sie niemals die Nuancen der Stille erahnen können, wenn Sie nicht die allumfassende Stille der Nacht gewöhnt sind. Viel zu schnell nehmen Sie an, es sei still, so überreizt sind Sie von den Fluten des Tages.
Ich kann Ihnen erzählen, wie es sich anfühlt wenn die Welt zu Bett geht und jene Stille, von der ich sprach, unter Ihrer Bettdecke hervorkriecht. Doch können Sie die Ungeduld verstehen, mit der Sie dem Rückzug des täglichen Lebens zusieht, wenn Sie selbst gegen die Müdigkeit des Tages kämpfen? Was für die einmalig ist, ist für mich ein tägliches Ritual. Der Wunsch, den Tag fortzuführen macht Sie blind für den Beginn der Nacht und wenn Sie es dann endlich bemerken, dann ist sie bereits angezogen, geschminkt und geschmückt… Wenn Sie mir dieses plumpe Bild nachsehen wollen…
Ich kann Ihnen schildern, welche Klarheit die Nacht hat. Doch kann Ihr – von der Sonne des Tages geblendetes – Auge mehr sehen als die strahlende Leuchtkraft der Sterne? Sehen Sie die Farben des Schwarz? Schmecken Sie die Nuancen der Dunkelheit? Mal rauchig und verkatert, dann wieder so klar, dass nicht einmal ein geschultes Auge an ihr haften bleiben kann?
Die Nacht zu beschreiben ist, wie einem Tauben das Tanzen zu zeigen. Er wird Sie stets für verrückt halten. Erst wenn er die Musik hören – oder doch zumindest spüren – kann, wird er beginnen eine Ahnung davon zu entwickeln, was Ihnen das Tanzen ist. Doch wahrlich verstehen kann er sie nur, indem er sein Leben dem Studium Ihrer Meinung verschreibt. Und erst wenn er mit Ihnen verschmelzen kann, wird er einen Eindruck Ihrer Welt bekommen. Doch niemals erkennt er ihre Wahrheit, so sehr blendet in das Licht seines eigenen Lebens.

Die Nacht hat ihre eigenen Regeln. Damit habe ich begonnen und damit will ich diesen Exkurs beenden.
Ich habe mich dem Studium der Nacht verschrieben, habe in meinen Gedanken die Klarheit der Nacht gefunden, meine Zunge kennt den Geschmack der Dunkelheit besser als den des Essens von gestrigen Tag. Meine Ohren hören mehr in einer Minute Schweigen als im stundenlangem Geplapper der Menschen.
Aber in ihr… in IHR fand ich das eine Licht, dass mich nicht blendet.“

Vergangenes

„Dich gab es doch schonmal!“
Sagte die dunkle Nacht zum strahlenden Tag, als er gerade anbrach.
„Das stimmt, aber zum einen ist das doch kein Grund aufzuhören und zum anderen gibt es heute vielleicht jemanden, der mich noch nicht kennt, mich schon wieder vergessen hat oder mich schlichtweg einfach noch einmal sehen will.“
Antwortete der Tag und nahm seinen Lauf.

Ich würde gerne sagen, dass irgendein altes, weises Volk oder ein alter, weiser Mensch dieses Gleichnis einmal gesagt hat und es daher stimmen muss. Doch ich stehe mit meinen Worten alleine da, kann mich auf nicht viel mehr als meine eigene Lebenserfahrung berufen.

Was vergangen ist, ist meist vergangen.
So banal das klingen mag, so schwer fällt es doch vielen Menschen die Vergangenheit auch vergehen zu lassen.

Was bringt dem „Jetzt“ oder dem „Morgen“ die Aussage „das gab’s schon!“?
So an sich sind die Worte eigentlich nicht viel mehr als eine verblassende Reminiszenz alter Ergebnisse.
Ein Statement, geboren aus dem Wunsch das Vergangene wieder zu beleben.
Der Versuch vergangenen Glanz, angegrauten Ruhm neu aufblitzen zu lassen.

Bedauerlicherweise ist der verjährte Lorbeerkranz über die Jahre oft zu einem Büschel vertrocknetem Unkraut verkümmert.
Doch es ist wichtig, den Kopf zu sehen, der den Kranz trug und so gerne noch tragen will.
Denn der Kopf ist – das bleibt ja doch zu hoffen – nicht vertrocknet.

„Das gab es schon“… Ja.
Bestimmt.
Doch können wir nicht darum um so besser Neues schaffen?
Uns nicht um so besser mit den Erfahrungen des Vergangenen an die Herausforderungen des Kommenden setzen?
Lösungen finden, die auch dem Morgen zu demselben strahlen wie gestern zu verhelfen.

Bestimmt gab es alles schon einmal, aber für mich ist das bestimmt kein Grund alles als geschaffen anzusehen.

Weite

Im Grunde kann ich wirklich nicht einmal mit schlechtem Gewissen behaupten, dass ich hoch hinauf gekommen bin.

Der Bahnübergang, auf dem ich die letzten, matten Sonnenstrahlen eines eher frischen Tages einatme, ist gerade einmal siebenunddreißig Stufen hoch. Genug um einen Zug und vielleicht noch einen Surfer auf diesem Zug durchzulassen; aber nicht mehr als unbedingt nötig. Wahrlich kein Bauwerk, dass den Erbauer bis ans Limit seiner Baukunst oder mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit getrieben hat.
Immerhin komme ich bis an die Baumkronen um mich herum ran und als die Wipfel vor mir in einem zittrigen Gruß auf mich zuschawanken, bin ich auf den kalten Wind – der mir dennoch eine kleine Träne ins Auge treibt – vorbereitet.

Der Tag hat komische Farben, fällt mir dabei auf. Fast scheint es so, als seien der Welt heute die Farben ausgegangen und nur noch Pastelltöne übriggeblieben. Alles wirkt schwammig und ineinander übergehend. Der zartgrüne Wald verschwimmt mit dem blassen Grau des Bahnsteigs, huscht kurz über einen hellbraunen Gehweg, ausgetreten und verwaschen wie die Farben um mich her. Mein Blick gleitet weiter, stürzt sich über die ebenfalls blassgraue Bahnsteigkante und während mir der Wind in den Ohren pfeift, knallt mein Blick mit einem saftigen Klatschen im rostbraunen Steinbett des Gleises auf. Meine Augen folgen der schnurgeraden Bresche, die das Bahngleis in den Pastellwald schlägt und in der Weite glitzert eine der abgenutzten Schwellen im letzten trüben Licht des Tages. Würde jetzt ein Fisch aus den schlammigen Wellen des Gleisbettes springen… ich wäre wahrscheinlich nicht im mindesten erstaunt, so sehr drängt sich mir der Eindruck eines schmutzigen, zäh hinfließenden Flusses auf.

Die Schienen, ein stetig parallel verlaufender Gedanke ohne sichtbares Ende, scheint sich am fernen Horizont mit dem milichg grauen Himmel zu vereinen. Dort hinten in der Weite hat die Farbe endgültig kapituliert. Während hier um micht herum das Pastell unbemerkt von den meisten die letzte Schlacht um die Grenze zwischen den Dingen führt, ist in der Weite nichts weiter als übrig als eine ausgelaufene, verschmierte Ruine der Formen meiner Welt. Blau ist Braun ist Grün ist Rot und so ist nichts voneinander zu trennen. Baum ist Wolke ist Vogel ist Gleis und in diesem Brei wird alles eins um seine Gestalt zu verlieren.

Im Grunde kann ich wirklich nicht einmal mit schlechtem Gewissen behaupten, dass ich hoch hinauf gekommen bin…
doch es reicht um zu sehen wie sich die Welt in der Weite krümmt.

Product Misplacement – Manifest einer verkannten Revolution

„Das Neue Flachbrot irgendwas“ stand glaube ich auf Ihrem Shirt. Woran ich dabei dachte hat allerdings wenig mit flach oder Brot zu tun. Nur wenn ich sehr weit in Euphemismen abschweifen würde. Aber das wäre nun wirklich abwegig.
Während ich der jungen Dame also auf die Brüste starre, krampfhaft bemüht die Werbung zu lesen – schließlich wird da irgend ein Sonderangebot beworben – beschleicht mich das Gefühl, Opfer einer sozialisierten Falle zu werden. Wie soll ich als Mann – der ich nun mal bin – vernünftig und in Ruhe die Anzeige lesen, die die Vorzüge des Ladens bewirbt, ohne nicht jederzeit mit einem gesellschaftlichen Regenschirm und der dazugehörigen Oma im Blümchenkleid rechnen zu müssen.

Verlegen, weil mein Blick nun doch bestimmt schon eine ungebührliche Dauer unterhalb der Augen der Frau ruht, bestelle ich also – fieberhaft um die schnelle Beseitigung dieser Situation bedacht – das Nächstbeste. Natürlich bin ich im Nachhinein mit dieser Wahl unzufrieden. Auch bin ich unzufrieden, weil ich immer noch nicht weiss, was nun da beworben wurde. Und nicht zuletzt, weil ich noch nicht einmal den Brüsten genügend die Ihnen zustehende Anerkennung gezollt habe. Zu sehr war ich damit beschäftigt die verknitterten, durch verschiedene Wölbungen hin und her springenden, Buchstaben zu einem sinnvollen Satz zusammenzubringen. Dass Teile der Buchstaben auch noch in Winkel gedrängt wurden, die mehr Fantasie als Brillenstärke brauchen ist hierbei wenig hilfreich.

Ich bin nicht chauvinistisch. Bestimmt nicht; zumindest will ich es nicht sein. Aber ich kann eine gewisse Wehmut nicht abstreiten, als mir – ergeben auf Etwas rumkauend, was ich eigentlich nicht haben wollte – klar wird, dass ich in einer Situation, in dem ich von außen betrachtet bereits am „Schielen“ war, nicht einmal wertschätzen konnte was sich mir geboten hat. Und das habe ich tatsächlich nicht einmal richtig angeschaut. Wenn man mal nicht von außen mit der Sioziobrille, sondern vom meiner Warte aus schaut.
Es ist quasi der Schmerz der doppelten Vergeudung, der mich in der Winterkälte zittern lässt und an meinem ungeliebten Mahl würgen lässt.

Wer entscheidet eigentlich, wo ein Werbespruch hinkommt? Und wo kann man eigentlich Werbung anbringen, ohne dass sie zu solchen Dilemmas führt? Richtet sich die Länge eines Werbespruchs nun nach der durchschnittlichen Körbchengröße der Mitarbeiterinnen? Oder der Spannweite X des Rückens Q, von Schulterblatt H1 zu Schulterblatt H2 gemessen, geteilt durch Schriftgöße Y in Schriftart Z?
Ich seh die Werbefuzzies vor mir, wie sie aus Neukölln Jugendliche einladen, da ihnen nicht einfällt, wie man „weniger zahlen ist sehr zu beführworten“ kürzen kann. Um anschließend – nach einem arbeitsreichen aber produktiven Projektwochenende im Seminarhaus Wuhlheide – mit der genialen Formel „Geiz ist Geil!“ aufzuwarten. Ok, der Spruch ist schlecht. Aber er passt auf jedes T-Shirt. Hinten UND Vorne. Egal ob Größe S oder XXL.

Welchen Preis bezahlt eine Firma für geeignetes Product Placement? Euro oder IQ-Punkte? Gibt es Prämien für Mottos unter 5 Worten? Wenn ich den Spruch mit einer Druckerpatrone mehr als einhundert Mal auf eine A4 Seite bekomme (Schriftgröße 8), bekomme ich dann eine Beförderung?
Es ist schwerlich vorstellbar, sich Menschen als einen wandelnden Produktstandort vorzustellen, ohne nicht gleich eine Degradierung hineinzuinterpretieren. Die wenigsten Menschen möchten als ein großes Würstchen durch die Welt laufen. Und die wenigen die das möchten, führen ein wohl behütetes Leben in ihren speziellen Clubs, wo sie sich ausgiebig Senf auf die Wurst schmieren können, das Ganze in ein knusprig warmes Brötchen packen und es dann aneinander verfüttern. Manch einer macht daraus ja sogar einen Wettkampf; dabei schamlos auf Senf, Brötchen oder gar Röstzwiebeln verzichtend.

Aber die meisten Menschen wollen nicht so rumlaufen.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass solche Situationen, wie mein dramatisches Sozialdilemma im ersten Akt, nicht bedacht werden. Solche Sprüche könnten doch auch ein wenig höher angebracht werden. Dann hätte man zumindest schon einmal allen Frauen, deren Brüste dem Joch der Gravitation ein wenig nachgegeben haben, geholfen. Und nicht jeder stellt ausschließlich junge Dinger ein.
Oder eine kurze Nachricht unterhalb des Werbespruchs im Sinne von „nach dem Lesen bitte wieder Blickkontakt mit Träger herstellen“. Damit wäre allen geholfen. Frauen insbesondere, aber auch Hühnerbrüstigen Jungen, bebrusteten dicken Männern und all jenen, die von der durchschnittlichen Blickhöhe des Standardkunden abweichen.
Quasi Win-Win.

Aber an wen wende ich, wenn ich mich derart belästigt fühle? Meine Hoffnung, dass das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf meinen empörten Brief reagiert, in dem ich Ihnen meine unglaubliche Notlage eindringlich schildere… ist klein. Soviel Realismus habe ich ja noch, mir bewusst zu sein, dass in einem echten Ministerium nicht gearbeitet wird. Egal wie berechtigt eine Beschwerde ist.
Und das ist sie.
Die Beschwerde.
Berechtigt.
Es erscheint mir schwierig, mich direkt an die Polizei zu wenden, denn anzeigen kann ich eigentlich nur diejenigen, die diese widerlichen Fallen des Sozialisation tragen müssen. Nicht jene, die sie erzeugen. „Hallo liebe Polizei, bitte verhaften Sie den Erfinder des Spruches da auf dem T-Shirt. Aber schauen Sie nicht zu genau hin, sonst bekommen Sie noch eine Anzeige wegen sexueller Belästigung während der Arbeitszeit!“
Es ist fast bewundernswert, wie ein simpler Werbespruch einen rechtsfreien Raum schaffen kann. Niemand kann den Spruch lesen, ohne sich nicht im gleichen Zuge eines üblen Vergehens strafbar zu machen. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man als Abschluss eines jeden Spruchs liest „…treue Kunden unserer Filiale werden nicht verklagt. Tüdelü!“

Und ohne es zu wollen bin ich Ihnen auf die Schliche gekommen. Mein Leben hat damit wahrscheinlich eine erhebliche Verkürzung seiner Halbwertszeit erfahren, aber ich bin gewillt der erste einer internationalen Revolutionsbewegung zu sein. Wir werden die Fesseln des implizierten Sexismus sprengen und Werbesprüche auf politisch korrekte Orte verbannen. Vielleicht über Retinatatoos, in denen der Werbespruch auf die Innenhaut der Augen der Verkäufer_innen gebrannt wird. So schauen wir allen in die Augen, bekommen aber dennoch unseren Newsflash unbedingt notwendiger Informationen zu den neuesten Angeboten. Da wir hier lediglich von der Verletzung der Menschenrechte sprechen, sollte das in spätestens 5 Jahren überhaupt kein Problem mehr darstellen. Solange es nicht sexistisch ist.

Interessanter Zwischengedanke: Was, wenn ich Brustimplantate bewerbe? Wird dann nicht ein bewerben in den Augen zu einem Widerspruch? „Sie schauen mir ja auf die Brüste?!“ „ICH SCHAUE IHNEN IN DIE AUGEN!“ „SAG ICH DOCH!“….. Ein paar Handschellen, eine gründliche Durchsuchung des Devianten inklusive Gummihandschuh und eine populärjounalistische Verhandlung später (es gab Popkorn) endet Man(n) gebrochen und allein in der Gosse, von nun an nichts anderes als die Schuhe seiner Gegenüber anschauend. Auf der wahrscheinlich bald auch Schuhwichse beworben wird und somit das arme Opfer sich im Versuch der Flucht selbst blendet.

Es ist ein Teufelkreis. Eine Verschwörung von ganz oben, um die kleinen Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Denn damit wird es nicht aufhören. Kurz danach wird es vor Apfelwerbung auf Jeanshintern, Gurkenabbildungen auf Hosentaschen für Männershorts und anderen juristisch ausschlachtbaren, sexualklagefähigen Inhalten wimmeln. Dieser Spirale gilt es schon heute Einhalt zu gebieten! Die einzigen Gewinner des Ganzen sind letztendlich eben nur die da Oben und die Popkornhersteller. Und die stecken wahrscheinlich unter einer Decke! Aus Mais.

To place a Product. Ein Erzeugnis auf einen Ort transferieren. Darin liegt die Wurzel des Widerstands. Ich befinde mich bereits in der Herstellung diverser „Werbeträger“, in denen die Perversion der Werbung in aller Deutlichkeit aufgezeigt werden wird. Ein Pullover (das T-Shirt hielt den Belastungen leider nicht statt; hierfür entschuldige ich mich noch einmal Mama!) an den ich Melonen angenäht habe bildet den Aufhänger meiner Kampagne für Frauen. Hosen, an deren Hosenbund ich ein Dutzend Wiener befestigt habe bildet den Stoßtrupp des Schlachtzugs für Männer.
Als weitere Maßnahme habe ich in verschiedene bekannte Werbesprüche provokante Worte eingestreut um auf die Problematik des Ganzen hinzuweisen. Beispiele wären: „Meika macht PENIS das Würstchen.“ oder „Think different BOOBIES“ und andere, dabei verlasse ich mich vor allem auf die aufrüttelnde Wirkung der Großbuchstaben. Denn wie wir alle wissen (und wie ihr auch in meinem Videokurs „Plakativ schreiben mit EINFACHEN Mitteln – Ein Tutorial (Anfängerkurs)“ lernen könnt – !!!! Like! me onYoutube!!!!) helfen Großbuchstaben darin, die Driglichkeit einer jeden Aussage BESSER und DEUTLICHER zu vermitteln. Ich will nicht lange auf die Inhalte des Kurses eingehen, aber weiterhin seien Ausrufezeigen und der Wechsel von Schriftgrößen erwähnt (Es lohnt sich also reinzuschauen!)!

Zum Schluss will ich mich an dich wenden, lieber Leser!
SEI DABEI! BEGINNE MIT MIR DIE REVOLUTION GEGEN DIE GNADENLOSE AUSNUTZUNG DER WERBEAGENTUREN DURCH SUBTIL EINGESTREUTE SEXUALERZIEHUNG!!!!!!!111