Re: Re: Woran glaubst du

Aus einem Dialog in den Kommentaren des vorherigen Posts (Re: Woran glaubst du?) ergab sich gleich noch ein Nachtrag zu dem Thema. Wie es meine große Kunst ist, habe ich mich so kurz fassen können, dass es in die Kommentare passte. Only it did not. 😉

Die grundlegenden Fragen diesmal: Doch steht der Glaube nicht irgendwie jenseits der Ratio? Was glaubst Du, woran Du glaubst? Ist denn aber der Glaube selbst nicht eben bedingungslos und dadurch dem Wissen verschlossen?

 

Da ich jetzt gerade am PC sitze eine etwas ausführlichere Beschreibung, denn diese Formulierung trifft irgendwie nicht meinen Kern des Interesse:

Wenn ich darüber nachdenke, ob es so etwas wie die Inhalte von Glaube gibt (also metaphysische Dinge wie „Gott“, „Geister“, transzendende Wesen/ Zustände etcetcetc.) dann bringt mich das recht schnell weg von genauen, definierten Inhalten und hin zu dem Gedanken:
Wieso sollte der Mensch in der Lage sein, alles zu verstehen und zu erfassen? Und selbst wenn er es schafft, dass was er verstehen KANN zu 100% zu verstehen… ist es nicht unmäßig arrogant anzunehmen „das ist alles was es zu verstehen GIBT!“?

Meine Antwort auf diesen Punkt ist ein klares: ja, es ist vermessen und genau darum kann ich, als rationaler und aufgeklärter Mensch dennoch „glauben“.
Weil eben nicht nur das zählt was ich weiss und gesehen habe. Ich bin ausgestattet mit Rezeptoren und Verarbeitungsmodulen, die bestenfalls als „rudimentär funktionsfähig“ bezeichnet werden können (Beispiel zur Verdeutlichung). Im Vergleich zu anderen vielleicht breiter aufgestellt und flexibler, aber dennoch recht unzulänglich. Wir können nicht die Spannungen in Bergen wahrnehmen, die sich über Millenia entfalten und in mikroskopisch kleinen Räumen stattfinden. Wir können so wenig sehen, so wenig riechen und noch viel weniger spüren von dem, was uns umgibt; geschweige denn diese Empfindungen bewusst verarbeiten.

Wieso also Glauben ablehnen?
Weil er unlogisch ist?
Weil wir eine Geschichte hinter uns haben, die uns lehrte Glauben mit Misstrauen zu begegnen?
Weil wir der Meinung sind, anzunehmen wir können ausschließen, was sich uns nicht erfassbar präsentiert?

Ich schrieb in den Kommentaren schon in Kürze „Auch wenn Glaube nicht logisch zu ergründen ist, kann man ihn rational sehr gut umreißen.“
Genauer formuliert heisst das für mich entsprechend, dass Mensch sehr gut (und immer besser) die Grenzen seines kognitiv erfassbaren Rahmens ausreizen kann. Wir wissen und sehen heute (mit Hilfsmitteln) Dinge, von denen Menschen nur wenige Jahrzehnte vor uns nicht einmal etwas ahnten. Und das wird stets weitergehen. Doch irgendwann einmal, so ist meine logische Schlussfolgerung aus den mir gegebenen Variablen, wird dies enden. Wir sind räumlich umrissene Wesen („Informationsanhäufungen“ in der entfremdetsten Formulierung) mit endlichen und räumlich begrenzten Möglichkeiten der Informationsverarbeitung. Es mag sein, dass es eine 27. Dimension gibt, aber wir haben bereits Schwierigkeiten damit, uns mehr als die drei vorzustellen, für die wir Rezeptoren haben.

Zusammengefasst ist es also für mich rational eine unberechtigte Annahme, der Mensch sei jemals in der Lage „Alles“ zu erfassen. Dafür müsste sich in der begrenzenden Variable (dem Menschen) sehr viel ändern und dann ist es fraglich ob wir das noch Mensch nennen können.

Warum also ist meine Antwort nun nicht ganz so wie oben vorgeschlagen, nämlich dass der Glaube in sich bedingungslos und dem Wissen verschlossen sei?

Hier nehme ich einmal einen Freund aus dem quasi zu meinem Studium artverwandten Fach der Physik (Sozial-, Geistes-, Naturwissenschaften.. Schmissenschaften. Alles das selbe) als Grundlage: „Wenn eine Sache unabdingbar gilt, kann ich sie für die Betrachtung meines Problems ausklammern, da sie ebenso wegfallen kann.“ Im  Beispiel seiner Aussage ging es um Altruismus und eine recht rationale Beendung des Nietz’schen Arguments „alles sei letzten Endes egoistisch“. Runtergebrochen war seine Argumentation: Ok, dann ist das so. Wir definieren also dass in letzter Instanz alles egoistisch ist, was aber für eine messbare Untersuchung keinen Einfluss mehr ausübt. Denn es GIBT Größen die voneinander abweichen (Handlungen sind unterschiedlich egoistisch in der Intention etc.) und dadurch ergibt es keinen Sinn diese eine Konstante beizubehalten. Wir klammern sie aus und messen den Rest, werten ihn aus und schließen daraus eine Hypothese.
Vermutlich falsch wiedergegeben, aber aus seinem Munde klang es sehr schlüssig.

Ähnlich verhält es sich nun für mich mit dem Glauben. Wenn ich die Inhalte nicht beschreiben, die Grenzen aber sehr wohl bestimmen kann… habe ich ihn dann nicht bereits eine Definition erzeugt? So unterschiedlich sie im Individuum auch sein mag.
Beispiel: da oben am Laubbaum, da hängt etwas. Es nährt mich, ist saftig und meist grün, gelb oder rot. Ein Forscher nutze es (angeblich) um die Gravitationstheorien zu beginnen. Kann man super Kuchen draus machen.
Vermutlich sind die Deutungen der Kategorie des gesuchten Gegenstands recht ähnlich. Das genau inhaltliche Objekt mag noch unscharf sein; die Form und Kategorie wird bestimmt sein.

Zurück zum Glauben: Ich denke mich stört an der o.g. Aussage, dass sie eine genaue Kenntnis der Inhalte als „Wissen“ und ein Gefühl darüber als „abseits der Ratio“ stehen lässt. Nur indem ich genau ergründe, was etwas ist (und das auch herausfinde), „weiss“ ich darum? Da könnten wir wieder anfangen zu fragen, was denn uns bekannt ist? Wir nennen einen Apfel Apfel, weil man das so tut. Wir benennen ihn als etwas, das im Groß der Menschheit als Obst und sprachlich verschiedene Version von „Apfel“ bekannt ist. Aber woraus besteht er? Weiss ich das? und noch weiter reingeschaut – hinter Atome, Quarks, Quantenzustände und Energie? Sicher dass da ein Ende ist? Wie sieht es da aus mit dem Wissen? Ich muss kein schlauer Mensch sein, um zu wissen dass hier der Spruch „ich weiss, dass ich nichts weiss“ passt. Socki is eben immer wieder hipstermäßig modern.

Führe ich nun alle genannten Punkte zusammen, kann ich letztlich antworten: Ja, der Glaube (im Verständnis des metaphysischen) ist der Ratio, so wie sie heute verstanden wird, nicht zugänglich. Ebensowenig ist jedoch eine klare Grenze zu finden, an der irgendetwas der Ratio noch oder nicht mehr zugänglich ist. Elektrizität. Crazy Stuff und auch wenn ichs oft erklärt bekommen hab immer noch ein wenig magisch.
Da wir also annehmen können, dass nichts und damit auch alles der Ratio unzugänglich ist, können wir diesen Gedankenstrang fallenlassen und den Fall anschauen, in dem es eine Grenze zwischen Ratio und Rest gibt – gemeinhin Glaube genannt.

Ja, die Inhalte werden sich dem logischen Geist selten erschließen (er kann sie verstehen, aber kein Verständnis haben und lehnt sie als „unlogisch“ ab). Ja, dadurch ergibt sich ein unbestimmter Raum, der in sich geschlossen ist und von „außen“ nicht zu betreten scheint. Da gabs mal irgendjemand an Philosophen der das sagte (fällt mir da auf), muss also stimmen.
Dennoch finde ich, dass durch die genau Beschäftigung mit dem „Umriss“ des Glauben sehr wohl eine rationale Antwort darauf gefunden werden kann. Und wenn es eben eine negativ formulierte Antwort ist: „Glaube ist alles das, wo die Logik scheitert“. Immerhin weiss Mensch dann ja recht genau was es ist. Oder?

Hm, finde ich einen kurzen abschließenden Satz?

„Ich glaube, dass ich an einen wissenschaftlichen Glauben glaube, der es möglich macht die Ungereimtheiten unseres Lebens erst einmal auf später zu vertagen und den Menschen in seiner gottgegebenen natürlichen Arroganz in seine Schranken weist.“