Nichts bleibt

Stetig weht der Wind,
Doch merk ich’s kaum.
Dort, wo meine Gedanken
Zur Ruhe kommen
Sollten.

Stetig knirscht das Hirn,
Doch schert mich’s kaum.
Dort, wo meine Sorgen
Urlaub nehmen
Könnten. 

Ich verträume mein Leben;
Vergesse meine Gedanken.
Lebe zerstreut durch den Tag,
Zersprungen in der Nacht.
Sternenlicht auf meiner Haut. 

Sammle mich auf und ein;
Suche den Behälter.
Im stetigen Wind,
Mit stetigem Knirschen.
Sand zwischen meinen Fingern.

Geschichten blühen im Kopf
Wehen davon; zerfetzte Stücke 
Dessen, was ich erträumte.
Bilder ohne Farben,  
halb geschlossene Konturen.

Nichts bleibt 
Oder doch
Alles bleibt 
Nicht gleich
Oder hier 

Wer bin ich, über sie zu richten?

Ein Wollpulliglatzkopf, 0,25 Liter Cabernet-Sauvignon im Plastikglas, ein Laptop und sein Smartphone;  eingepfercht auf einen der sterilen Beinhocker der Deutschen Bahn. Es scheint ein langer Tag – oder nicht der erste Wein – gewesen zu sein, denn nach dem Glas kippt sein Kopf nach hinten und gibt den Blick auf das gefleckte Innenleben seines Gaumens frei.
Vor ihm, auf einem „Vierer“ ein Dreiergespann von Verkäufern. Einer alt genug um zu sehen, dass er sich die Haare möglichst effizient über die samtig anmutende Schädelhaut verteilt. Er trägt den Schal zwischen seinen Halsfalten im perfekten Juppiknoten und während er seine Edeldesignkopfhörer in sein blitzendes iPad mini steckt und ich vage klassische Musik höre,  Wende ich mich von diesem wandelnden Statussymbol ab.
Neben der Konsumikone sitzt sein Kollege, an und für sich unspektakulär, doch ich kann mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen,  als ich den indischen Einschlag in seiner Sprache höre. Das war jetzt rassistisch schießt es mir durch den Kopf, ganz der politisch korrekt getrimmte Mensch, der ich sein soll. Als er aber seinem Gegenüber mitteilt, er habe zehntausend Matratzen verkauft, sind diese Gedanken passé. Soviel Klischee muss anerkannt werden.
Anerkennung sucht der jungsche, gegeelte Kollege scheinbar vergebens. Zumindest sehe ich einen grünen Schimmer um seine Nase und ein loderndes Feuer in seinen Augen, als er kritisch zu hinterfragen beginnt. Später sehe ich ihn mehrfach seinen Status bei Xing bearbeiten,  verzweifelt nach Aufbesserung seines Egos suchend.
Vorerst wende ich mich jedoch ab – zu meiner Erleichterung endlich meinen geliehenen, unscheinbaren Standardkopfhörern habhaft geworden – und lasse meinen Blick von der müden, traurigen Gruppe abgleiten.
Er bleibt kurz danach – oder auch zwei Sitze weiter – an den mürrischen Dobermannbacken einer Frau hängen, die früher einmal so etwas wie Charme oder Ausstrahlung besessen haben mochte, heute immerhin noch ein wenig Mittelstandsklasse aufweisen kann. Was in Ihrem Leben so frustrierend gewesen sein mag, entzieht sich ein wenig meinem Verständnis, denn der pummelige Mann neben ihr – der auch als gut rasierte Variante des  Weihnachtsmanns durchgehen könnte – wirkt sympathisch und lebensfroh.
Auf meiner langen Reise wechseln die beiden dennoch kein Wort miteinander. Wahrscheinlich betrügt er sie und sie weiss es. Vielleicht mit dem Haarschopf, von dem ich durch die Rückenlehne nicht mehr erkennen kann als den nachgetönten  Haaransatz.
Zumindest redet er mit ihr.
Sie nicht.

Die Reise ist lang und auf einmal merke ich…

Der junge Mann schlägt auf Xing den Kontakt eines gemeinsamen Kollegen nach, weil er und der Inder festgestellt haben, den selben Schulweg hinter sich zu haben und sich so über eine oder zwei Ecken schon seit zwanzig Jahren kennen.
Im Telefonat mit seiner Frau erklärt der Juppi verzweifelt, dass er beim nächsten Trip wieder seinen alten CD-Player mitnimmt, denn mit dem iPad-Ding kommt er gar nicht klar und habe es ja nur mit um seine drei Kinder nicht zu enttäuschen, die es ihm geschenkt haben.

Der Weihnachtsmann und der Haarschopf stehen auf und lassen die Doberfrau und mich allein zurück, während sie Händchen haltend aus dem Abteil schwanken.

Die Doberfrau schaut mich an, ich schaue zurück. Und durch die Spiegelung ihrer Augen sehe ich mich selbst, mit hängenden Mundwinkeln, kritischer Miene und strengem Blick. Ob sie auch sich sieht? Oder sieht sie nur einen hippen, unnützen Studenten, ständig auf sein Smartphone schauend, zu laut Musik hörend und ignorant der Umwelt gegenüber?

Irgendwann geht auch sie und ich reise alleine durch das dunkle Deutschland. Ich will hinausschauen, aber auch dort sehe ich nur meine eigene Spiegelung. Es sind noch zwei Stunden und es gibt niemand zu richten, als mich selbst.

Nur ein grauer Himmel

Ich liege auf dem Rücken im sterbenden Gras eines schneelosen, tristen Wintertages und schaue in den grauen, eiligen Himmel. Es ist einer jener Tage, an denen es leicht fällt, sich seine Stimmung bildlich vorzustellen. Denn sie umgibt einen unmittelbar.

Der Winter, der nicht wirklich einer sein kann oder will und lediglich halbherzig versucht sein Programm durchzuziehen.
Der Himmel, zielstrebig einem Ziel hinterherhetzend, von dem er eigentlich nicht einmal weiß welches es ist.
Das allgegenwärtige Grau, das der Welt einen surrealen Film-Noir-Hauch gibt und nur einzelne Farben als Kunstelement zulässt.
Und ich – mittendrin – auf dem Köpfen des sterbenden Grases.

Er wiegt ja nicht besonders viel.
Zumindest nicht gemessen an seiner Größe und im Unterschied zu anderen seiner Art.
Aber ein wenig unbequem ist es dann doch schon.
Eigentlich habe ich auch überhaupt keinen Kopf für so etwas.
Ich sterbe.
Langsam nur, nicht heute und wahrscheinlich auch nicht bald.
Es ist ein unentrinnbares Verwesen.
Ein stetiger Niedergang, von nichts und niemand aufgehalten, unterstützt oder überhaupt bemerkt.
Der Tod macht mir keine Angst.
Nicht mehr.
Zuerst vielleicht, aber nach einer Weile gewöhnt man sich ja an alles.
Die Gewissheit des Sterbens ist, nach einem ersten verstörenden Schock, für mich ein Trost.
All mein Streben, meine Wünsche und meine Gedanken bekommen mittlerweile einen klar zu erfassenden Rahmen.
Fragen nach dem Leben und nach dem Tod stelle ich mir nicht.
Ich bin nicht gefangen von dem was irgendwann nicht mehr ist, sondern lebe in dem was ich gestalten kann.
Und auch wenn ich zugrunde gehe – unbeachtet bis es zu spät sein wird – so ist mir doch die Zeit und die Kraft gegeben in dieser Zeit zu schaffen.
Denn noch ist meine Zeit nicht gekommen.
Nicht in einem derart mickrigen Versuch eines Winters.
Nicht durch dieses schwere Ding auf meinen Schultern.
Ich lebe – Bis zu meinem Ende – auch wenn mich die Würmer zerlöchern.

Grabengrabengraben obs nun schmeckt bei so nem kränklichen Boden oder nicht ist egal einfach weiterweiterimmerheiter und das Ganze dabei wieder ausscheissen um weiter zu grabengrabengraben dabei ist es doch kein Leben wenn man einfach nur so gräbtundgräbtundgräbt ohne ein Ziel vor sich zu haben und immer weiter ins Ungewisse kringeltringelttingelt als ob es kein Morgen gäbe oder man fliehtfliehtimmerweiterzieht immer der Nase nach und dabei grabengrabengraben ob nun nach obenuntenlinksrechts ist auch egal solang es nur nicht die Oberfläche ist, sonst ist man ganz schnell

„FUTTER!“ Schnell wie es nur ein junger Spatz sein kann, hat sich Knut den kleinen Kriecher geschnappt und Ute stürzt hinter ihm her, eifrig piepend und keifend. „GIB MIR AUCH WAS!“ zetert sie, während Knut feixend vor ihr weghüpft, den Schnabel mal links, mal rechts schleudernd „MHMHMPF“ lachend und sich im Kreise drehend. Sie verpasst ihm mit ihrem Flügel eine Schelle, und mit einem „MHAAU“ fällt der Kriecher aus seinem Schnabel, Ute schnappt zu, schmeisst ihn in die Luft und schlingt ihn mit einem Haps runter. „UNFAIR!“ schreit Knut und flattert federnstiebend davon

Hinauf in die Luft.
Höher.
Der schlafende Riese wird klein und kleiner.
Höher.
Die sterbende Wiese wird klein und kleiner.
Höher.
Wind verfängt sich in seinem Gefieder und er fühlt sich frei.
Höher.

Sorgen haben im Spiel der Vögel keinen Platz. Er hat bestimmt schon vergessen, warum er sich gerade eben noch so aufgeregt hat. Aber darum sind sie ihm auch so lieb. Diese kleinen Viecher die sich so wild in seinen Armen tummeln und sich wahrlich darauf verstehen, ihm zuzuhören. Ihn wirklich fühlen. Ihm ist so viel begegnet auf seinen Reisen, doch immer und überall sind ihm die Kleinen die liebsten. Gewiss, das majestätische Gleiten der Großen hat für ihn auch etwas. Doch es ist behäbig. Zu stolz. Irgendwie abgenutzt. Die Kleinen hingegen sind stetig unverbraucht. Immer flink, fließend und vor allem – das ist ihm am liebsten – immer anders. Stetigkeit ist ihm noch nie bekommen. Ihm stand der Sinn meist nach Spontanität. Nach Neuem. und nun steht ihm der Sinn nach ein wenig Musik.

„Müd‘.
Was’n das für’n Pfeif’n.
Hrm.
Sohn’mann hat Tür nich‘ gut zu g’macht.
Werd’ch ‚hn schimpf’n.
Aba nich‘ jetz‘.
Jetz‘ müd‘.
‚m Frühling.
V’leich‘.
Jetz‘ schlaf’n!“
Dachte er sich, als er kurz aufwachte,
sich umdrehte
und wieder in das dumpfe Reich seiner Träume abglitt.
Den Eingang verschloß er
kurzerhand
mit seinem pelzigen Rücken.

Ich liege auf dem Rücken im sterbenden Gras eines schneelosen, tristen Wintertages und wache auf. Es ist einer jener Tage, an denen es leicht fällt, sich seine Stimmung bildlich vorzustellen. Denn ich erlebe sie unmittelbar.

Der Winter, mild genug mich in seinen Armen schlafen zu lassen und mit seiner ärgsten Kälte zu verschonen.
Der Himmel, klar und heiter, mit spielerischer Eleganz die Welt umspannend.
Das allgegenwärtige Grau, welches die Zeit auslöscht und dem Tag eine beruhigende Unbestimmtheit gibt.
Und ich – mittendrin – auf den Köpfen dessen was einmal ein frischer neuer Rasen werden wird.

Aufbrechen

Wie eine Wunde,
Verschorft an ihren Rändern.
Wie eine Blume,
Voller Kraft in hellen Farben.
Wie eine Reise,
Verschlungen in ihren Pfaden.
Wie der Himmel,
Die letzten Tropfen weinend.
Wie Gestein,
Zersprengt von Lavafluten.
Wie Gedanken,
Endlich frei von alten Lasten.

So breche auch ich auf.
Doch wohin der Weg mich trägt…
Oder ob es diesen Weg gibt…

Das werde ich sehen wenn ich unterwegs bin.

Briefe an mich – eine Reise im Land der Riesen

Aufbruch in Gedanken
Du bist raus, weg, auf und davon. Auch wenn es nur für eine Weile ist, freust du dich doch so sehr, ist es – genau zur richtigen Zeit – die perfekte Flucht. Ein Reisetagebuch wolltest du führen. Sagtest du zumindest allen. Aber schon im Flugzeug hattest du darauf keine Lust mehr. Tiefe, gründliche Sehnsucht hat dich erfasst und du hast dich an den gewandt, der dir am nächsten steht. An dich.
Du weißt schon, dass das unfair ist, oder? Das du damit Menschen ignorierst, die dir nahe sein könnten. Menschen die würden, wenn du sie nur lassen würdest. Aber dennoch bin ich neugierig, was und wie das hier wird. Diese Briefe an dich selbst.

Aufbruch in Aktion
Ich bin heute aufgestanden, ziemlich nach Plan, aber wie so oft ganz knapp in der Zeit. Flug verlief unspektakulär, Landung und Transfer zum Hotel ohne Dinge von Interesse. Das Hostel ist amüsant, unser Zimmer wirkt so, als sei es letzte Woche gebaut worden. Der Boden ist allerdings besser verlegt worden, als du es getan hast. FYI. Amüsant war auch, dass meine Hotelierreflexe an der Rezeption direkt wieder geweckt wurden und ich gleich „alles abgecheckt habe“. Nun ist es aber spät und morgen geht es schon wieder los, wo ich normal „später“ ins Bett gehe. Daher wünsche ich dir eine gute Nacht.

Aufwachen
Sieben Stunden Zugfahrt, eine steht dir noch bevor und du bist immer noch nicht wach. Oder wieder nicht. Jedenfalls ist dein Hirn matsch. Ob jetzt vom Schlafmangel, der Reise oder dem Tumult in deinem Kopf geschuldet, kann ich dir nicht beantworten. Du dir wahrscheinlich aber auch nicht. Ich drücke dir die Daumen, dass das klappt mit den Plänen gleich. Für mich klingt das nach überflüssigem Stress.

Die Gleise gleiten fort und fort
Umi. Der Ozean. Im japanischen. Gerade ist er um mich herum erschienen, wir fahren auf einer schmalen Brücke Land weiter. Leider hat er aber die Sonne ertränkt oder so. Denn wo der graue Himmel aufhört und der graue Ozean anfängt ist schwer auszumachen. David, der eigentlich nette Hiker wird langsam gelangweilt. Und du weißt, wie ich bin, wenn man mich mit Smalltalk zumüllt. Die letzte Stunde ist immer die längste und langweiligste. Gut, dass ich da einen Brief schreiben kann.

Ankunft
So langsam komme ich an. Und so langsam fängt auch mein Kopf die mich umgebende Ruhe ein. Nicht im Zug, da daddelt irgendwo Musik, quatschen Leute und textet mich der Ir(r)e zu. Die Natur, auch wenn nur durch eine Scheibe gesehen, strahlt Ruhe aus. Ihr ist es egal, ob ich vorbeikomme. Ihr ist nicht wichtig, ob ich bleibe. Das des geht ihr mit allen Menschen so. Und in dieser Gleichgültigkeit liegt Akzeptanz. Ich kann hier sein. Ich darf hier sein. Stavanger. Ein Nest ein einem verlassenen Land. Ein guter Start.

Amusement on the Trial Trail
Es ist ein Tag, der beschlossen hat mich zu amüsieren. Zuerst, nachdem wie einen unaussprechlichen Gipfel bestiegen hatten, konnte ich Flugstunden ohne Flughilfen nehmen. Krasser Wind. Auf dem Preikestolen habe ich die schöne Aussicht genossen… und auch nebenbei den Blick auf die Natur. Viel zu viele Touristen. Aber eine interessante Sache habe ich gelernt und ich möchte sie dir mitteilen: Kaugummi + Klippe + Wind = Bumerang. Sehr amüsant anzuschauen.
Als wir fast an der Kreuzung Trekking / Pussies waren, haben wir den Iren wiedergetroffen. Er hat seinen Plan (welcher nicht wirklich einer war) verworfen und läuft nun denselben Weg wie wir. Wenn er also aufholt (was er wird bei unserem Tempo), wären wir dann zu viert. Wie C. schon sagte: „What are the odds?!“ Gerade hatten wir Mittagspause und das an einem Berg-in-Fjord-Bach. Sehr cool, sehr kalt und viele, viele Wasserfälle. Mal schauen, was noch kommt.
Ich fühle mich wie Mogli. Frei und lebendig.

Durst
Der Ire hat es nicht geschafft, zu uns aufzuschließen und drohende Nahrungsmittelknappheit lässt den Großteil der Gruppe unentspannt sein. Dabei haben wir unsere größte und drängendere Sorge (wasser) gestern lösen können. 2 Stunden Durst haben uns (nach Rücksprache mit quasi Einheimischen) alle Bedenken ignorieren lassen und nun haben wir alle kleine, norwegische Bergquellwasserbakterien im Bauch. Scheinen sich gut mit dem Rest zu verstehen, denn uns allen geht es gut.
Der Pfad ist – nett ausgedrückt – abenteuerlich. Eine Kette an einer schrägen Steinplatte, 2 gefällte Bäume und es darf sich Trekkingpfad nennen. GEIL. Abends saßen wir mit anderen Trekkingern zusammen und haben das wenige, das wir haben so gut es ging geteilt. Am nächsten Morgen dann früh weiter, gutes Tempo und viele Kilometer in vernünftiger Zeit. Long way to go!

Tiefgründig sein
Du wolltest dich schon seit Tagen hinsetzen und das hier schreiben. Schreiben von der Ruhe, die dir das Land nahezu aufzwingt. Aber die Worte fehlen dir, du hast wieder zu viele davon bei Nichtigkeiten verloren. Du wolltest schreien. Auf dem Berg, wo der Wind dir die Worte aus dem Leib pressen wollte. Auf dem Stein am Hang, wo die Weite danach schrie, gefüllt zu werden. Immer und immer wieder wollte dieser Matsch aus Kummer, Hass, Freude und Freiheit heraus, hattest du ihn auf den Lippen. Aber dieses Land ist zu groß für deine kleine Vorstellung von Größe. Zu frei für diene Idee von Freiheit. Und so bist du still von der Bergspitze gegangen, hast du dich still auf den Stein gesetzt und geschaut. Oder all die anderen Male innegehalten. Die Ruhe in diesem Land steht über den Sorgen der Menschen. Es erschien falsch, überflüssig und störend. Die Befreiung lag nicht im Herausbrechen, in der Kanalisation. Sie lag im Frieden deiner Umgebung und kam zu dir.

Die Fesseln des Reisens
Es ist einige Tage her, seit ich geschrieben habe. Nicht, weil zu wenig passiert wäre… Wir sind meist früh los, lange gewandert und wenn dann alles fertig war, war es zu spät um noch sehen zu können, was ich schreiben würde. Und dazwischen war ich einfach zu erschöpft. Ein erzwungener Umweg mit einem langen Abstieg, krasse eintausendnochwas Meter Anstieg in knapp 5 Stunden, 20+ Kilometer Hochmoor… jeder Tag hatte etwas, das neu gefordert hat, das neue Belastungsgrenzen gesetzt hat.

Die Fesseln eines Landes
Ich wollte immer wieder in Dialog mit mir treten. Dialog über die Dinge, die mich zuhause erwarten und Entscheidungen/Klarheiten brauchen. Aber weder das Land (du hast ja schon darüber geschrieben), noch der Weg haben es dir gestattet. Und so kreisen mir ein halbes Dutzend Gedanken immer und immer wieder im Hinterkopf herum. Doch konkreter werden gelingt mir hier nicht. Zu sehr bin ich gefesselt im Jetzt und Hier das mich umgibt. Der Tod meines analysierenden Zwiegesprächs. Erfrischend wie ich finde.

Ein Tag ohne Zeit
Ich wache auf und es ist bereits hell. Gelblich-grünlich… eigentlich beige ist das Licht im Zelt; irgendwie ist es eine seltsame, unbestimmte Farbe, die es hier drinnen fast heller erscheinen lässt, als es dann wirklich ist. Draußen ist es grau. Jenes Grau, dass den Himmel komplett umschließt und es so erscheinen lässt, als wäre ich unter einer Betondecke. Keine Ahnung, welche Uhrzeit es ist als ich aufwache. Keine Ahnung wie lange ich noch herumlag und abwechselnd, durch eine Lücke im Zelt, den Betonhimmel und, direkt daneben, den Zelthimmel anstarrte. Minuten, Stunden, Sekunden; An einem Tag wie diesem wird mir wieder sehr deutlich bewusst, dass Zeit sehr unwirklich ist. Im Grunde ist sie nur ein Gerüst, an dem wir Menschen uns entlang hangeln um nicht der Ungewissheit ausgesetzt zu sein.
Einzig durch Beginn und Ende des Regens, Vogelgezwitscher und das niederbrennen des knisternden, knackenden Feuers merke ich, dass der Tag seinen Lauf zu nehmen scheint. Sonne sehe ich keine. Ebenso wenig ein Loch in der grauen Suppe über mir. Alles gerinnt um mich her, wird zu demselben klebrigen Schleim, der mein Frühstück ist. Meine Gedanken passen sich dem grauen Einerlei an, werden ziellos, trist und zähflüssig. Mein Buch endet und damit auch das, was sich wie „Morgens“ anfühlt.
„Mittags“ – wann auch immer das ist – gehe ich ein wenig spazieren, obwohl mir das dunklere Grau am Himmel Regen versprechen will. Während ich in Richtung des Fjords schlendere – zu einem höheren Tempo sehe ich mich nicht in der Lage – beginnt es dann auch zaghaft zu nieseln. Doch auch als aus dem zaghaften Nieseln ein leichter Regen wird, verlässt mich die Gelassenheit nicht und in gleichmäßigem Tempo geht es weiter durch den kleinen Ort.
Ich sauge die Welt in mich ein, den Himmel, das Meer, Vögel, ein Seehund, Fische, der Boden; alles scheint von einem grauen Schleier überzogen zu sein. Einzig die menschlichen Einflüsse bekleckern farbenfroh die Gegend. Ein gelbes Boot schwankt langsam an seinem Ankerplatz hin und her; ein rotes Auto fährt scheppernd an mir vorbei; blaue Jacken stürmen an mir vorbei, eilig bedacht dem Regen zu entkommen.
Auf halbem Weg zurück zu meinem Zelt verlässt die Sohle meines linken Schuhs endgültig den Rest. Es war abzusehen, seit Tagen hatte sich der Halt zwischen den Beiden der Belastung von außen mehr und mehr gebeugt. Doch jetzt, inmitten des Regens, trennen sie sich und ich spüre, wie der feuchte Boden zu Besuch bei meinen Socken klingelt.
Zurück im Zelt liege ich erneut in einem Gewölbe fremdartigen Lichts und sehe den Regentropen dabei zu, wie sie auf den Zeltplanen entlang rinnen, an Falten kleine Pfützen bilden und nach einer Weile – nachdem immer mehr Wasser dazukam – die Plane umformen und zu Boden fließen, nur um das selbe Spiel von neuem beginnen zu lassen.
Wieder vergeht eine Zeit (lang? Kurz?) in der die Welt an Gewicht verliert und ich nur aus dem Kreiseln meiner Gedanken und den Geräuschen um mich her bestehe. Irgendwann höre ich dann Stimmen und mit den Stimmen kehren Wirklichkeit, Zeit und Sonne zurück.

So endet, was ich als meinen Tag ohne Zeit sehe.

Zurück zu dem Ort an dem es begann
Es ist früh. Sehr früh. Wieder einmal und vor einer Woche wäre das Frühstück ein sehr spätes Abendessen gewesen- So leicht ändert sich der Lebensrhythmus scheinbar mit der Zeit. Oder eher innerhalb einer Strecke von knapp ca. 100 Kilometer. Morgen wird noch früher. So früh, dass ich versucht bin wachzubleiben. Andererseits brennt der Chlor vom gestrigen schwimmen im „Forsand’schen Kulturhus“ noch in den Augen und wirklich wach fühle ich mich nicht. Zudem ist in Stavanger /wie zu Beginn der Reise erwähnt) kein Bär zum gemeinsamen steppen, was die Wachbleibepläne erschlaffen lässt. Der morgendliche Kai ist so wie gestern grau und verlassen, doch die Ruhe fehlt. Gemütlich frühstückend folgen wir dem geschäftigen hin und her der Fähren, bis endlich unsere heranschwimmt.
Auf der Fähre bleiben wir diesmal unter Deck; es ist zu kalt und die Sensation des Fahrtwinds nach der ersten Fahrt auch ein wenig verbraucht. Das hübsche Lächeln der hübschen Fahrkartenkontrolleurin erhellt den tristen Morgen ein wenig und mit den –typisch norwegisch- blonden Haaren ersetzt sie für eine kurze Weile die fehlende Sonne. In Stavanger zwingt uns dann die Lage des Bahnhofs (mitten drin) dazu, den kostenlosen/günstigen  Übernachtungsmöglichkeiten zu entsagen und ein Zimmer in einem B&B zu buchen. Irgendwie überrascht es mich nicht sehr, an der Rezeption des kleinen schnuckeligen Hostels von einer Deutschen empfangen zu werden. Ich glaube die Hälfte aller Hotels auf der Welt hat eine/n Deutsche/n an der Rezeption… Was mich allerdings überrascht ist, dass die beiden einzigen Rezeptionistinnen beide die Namen von Exfreundinnen von C. und mir tragen…
Stavanger ist für mich ein wenig langweilig und so bin ich schon bald in unserem Zimmer und lese noch ein wenig in Ruhe für den restlichen Tag. Abends stauben wir noch kostenlose Waffeln mit Marmelade und Jogurt ab (JUMMY) und gehen zeitig schlafen. Es wird früh werden, die Nacht ist kurz. Verblüffender weise stecke ich das aufstehen um 4 Uhr morgens sehr gut weg. Die Woche Anstrengung hat mich wieder aktiver werden lassen und macht Strapazen wie diese zu Kleinigkeiten. Im Zug gibt es nicht viel mehr zu tun (Ich hätte das Buch mitgehen lassen sollen) als dem Verrinnen der Zeit zuzuschauen oder durch Schlaf zu entfliehen. Seit dem schwimmen ist jedoch mein rechtes Ohr fast taub, was die Welt zwar ganz angenehm runter dämpft, aber es auch schwer macht, Gesprächen oder anderem zu folgen. Von daher klinke ich mich, meist unbewusst, aus dem meisten aus und schwebe in meiner eigenen gedankenleeren Blase, in der ein ganz merkwürdiges Gemisch aus gedämpften Tönen und verstärkt wirkenden leisen Melodien miteinander Kaffee trinkt. Hin und wieder ist es, als würde ich in meinem Hinterkopf das Gesagt noch einmal vorgespielt bekommen, was es zusätzlich erschwert, Gesprächen zu folgen.

Civilisation, thou shall haveth I once again
Oslo an sich ist ein ziemlich spektakulärer Mix aus alten, schnuckeligen und vor allem kleinen Häusken und geradliniger, minimalistischer, moderner Baukunst. Zwei grundverschiedene Jahrtausende  treffen aufeinander und gehen eine Ehe ein, in der sich Backstein und Fiberglas die Hand reichen und auf Schieferplatte und Hartplastik Polka tanzen. Sehr stimmiges Konzept. Größtenteils.
Morgen dann geht es heim und schon heute werde ich die Sorgen nicht mehr los. Ich wünsche mich zurück an den Fjord, wo meine Sorgen dem nächsten Essen, der nächsten Zeltstatt oder sogar nur dem nächsten Schritt galten. Ich kehre zurück in die Welt der Hektik und Betriebsamkeit und ich merke vor allem eines:

Es ist keine Kraft entstanden in diesem Urlaub. Nicht direkt. Ich habe nicht die Motivation gefunden, meine Probleme jetzt und gründlich anzugehen. Doch mir ist klargeworden, dass ich nicht bereit bin. Ich gebe mir sehr wenig, bin meist sehr streng und ungnädig mit mir. Aber eins nehme ich schon jetzt mit. Ich brauche mehr Zeit.

Ich bin nicht in der Lage Sie zu sehen.

Begegnungen

Berit; Kjell; Sven, Christina, deren kleiner Sohn Jesse; Club 100 (Helge, Andreas und Karsten); George der Emigrant und seine australische Frau; David der Ire; die Tschechen Helena und Thomas, die namenlose Neuseeländerin auf Welttour im Bus.

Es war, trotz der einsamen Route, eine Reise der Begegnungen. Erstaunlich, dass wir auf dem so viele Begegnungen hatten, die so offen und herzlich verliefen. Fast scheint es mir so, als hätten die Menschen, denen wir begegnet sind gesammelt beschlossen ihre schlechte Laune oder den Wunsch nach „Privatsphäre“ ausgeschaltet. Es kann nicht am „Urlaubsmodus“ liegen, denn die schönsten Begegnungen waren mit den Menschen, die dort lebten. Dort in den stillen und bescheidenen Gefilden, in die wir hinein geschnuppert haben, ohne wirklich eine Spur zu hinterlassen.
Mir selbst waren die Begegnungen ein Wegweiser. Eine Selbstbestärkung in dem was mir wichtig ist:

Offen sein, aktiv auf interessante Menschen zugehen und das Interesse anderer an mir würdigen. Jeder der Menschen, die wir getroffen haben, war, wenn ich es mir „traditionell“ anschaue, nicht mein Typ. Die einen zu alt, die anderen zu prollig, zu elitär, zu einfach, zu… Und jedem habe ich gerne zugehört, bei jedem freute es mich, seine/ihre Geschichte zu hören. Vielleicht habe ich das aus meinem Schreiben gelernt: Eine Geschichte braucht keinen Beginn und auch kein Ende. Was zählt ist, wie du den Abschnitt aufnimmst, der sich dir bietet und das du ihn wertschätzt.

Doch diese Geschichte soll jetzt erst einmal enden.

Nach innen

Ich schließe die Augen, meine Reise beginnt.
Ich schließe die Augen und horche in mich hinein.

Doch wo beginnt meine Reise?

Sind die Augen geschlossen, herrscht keine Dunkelheit. Fahles, gedämpftes Licht dringt durch meine Augenlider und blendet mich sogar dort. Doch wenn ich warte, wird dieses Licht schwächer, bilden sich vor meinen Augen Bilder aus Licht und Schatten – einzig gefärbt durch die seltsame Struktur der Dunkelheit meiner Augenlider – die sich in einem wirbelnden, verschwommenen Tanz ergehen und mich ablenken.

Wohin soll meine Reise denn gehen?

Ich horche in mich hinein, Musik umgibt mich. Ebenso der Lärm der Menschen um mich herum. Gespräche werden klarer. Fetzen der Themen bedecken meinen Kopf, bilden eine immer dichere und weichere Decke und je mehr es auf mich eintönt, desto undeutlicher werden die Einzelheiten. So, gebettet unter einem wohligen Mantel ungezählter Satz-, Lärm- und Musikfetzen beginne ich der Stille zu lauschen. Blut rauscht in meinen Ohren, vermischt sich mit den Schatten vor meinen Augen und beginnt meinen Körper in einen einzigen, rauschenden, wirbelnden Gedanken zu verwandeln.
Während ich in mich hineinschaue und -horche, beginnen in meinem Kopf Stimmen klar und laut miteinander zu diskutieren. Ein Gedankengang jagt den nächsten, wird brüsk unterbrochen und verteidigt sich noch im Fallen gegen die Vorwürfe anderer Stimmen. Mein Kopf wir ein großes, blutiges Schlachtfeld, auf dem grenzenloser Lärm herrscht. Der Kampf geht so lange weiter, bis alle Gedanken ausgeschaltet sind und nur ein einziger siegreich besteht. Dieser beginnt jedoch sofort, sich selbst in Frage zu stellen,sich zu kritisieren und seinem eigenen Schwanz hinterherzujagen, um sich schlussendlich wieder selbst gegenüber zu stehen.

So beginnt meine Reise.

Meine Augen betrachten einen wirbelnden Tank, meine Ohren spielen dazu einen munteren Reigen, während meine Gedanken in ewiger Selbstbeschäftigung verharren. Es ist immer dann, dass ich meinen Körper als eine leere Hülle empfinde. Mein Kopf, noch immer in seinem bunten Theaterstück gefangen, ruht auf einer fleischigen, nuzlosen Masse und ich hier finde ich, inmitten dieser Falten, Muskeln und Haare, endlich das Ziel meiner Reise.
Ich tauche ab in meinen Köper, weg von dem Lärm, weg von den Farben, weg von allem. Ich durchbreche die eiskalte, erfrischende Oberfläche der Stille und tauche so tief ich es vermag. Endlich verblasst alles um mich herum. Endlich rinnen die letzten störenden Einflüsse wie Perlen aus mir heraus und steigen nach oben; fort von mir. In der Stille schwebe ich unbewegt, unberührt.
Es ist ein einziger, kurzer und kostbarer Moment, soviel ist mir stets klar. Für mich ist es aber auch eine kleine, wunderbare und perfekte Ewigkeit.

Stille.Ruhe.
Friede.
In mir.
Mit mir.

Aber dann höre ich eine kleinen, kurzen Ton. Wieder und wieder, bis mein Geist darauf zuschwebt, er lauter wird und bald schon mein ganzes Sein umfasst. Ich erkenne mein schlagendes Herz und mit der Erkenntnis sehe ich es vor mir. Unbeirrt, ewig präsent schlägt es vor sich hin und ich sehe, wie es Leben in meinen Körper pumpt. Ich beobachte das Spiel der Muskeln und verfolge das pulsieren der Adern. Weiter und weiter führen die Adern, hinauf in weite Ferne. Während ich schaue und versuche das Ende zu erkennen, schwimme ich den Adern hinterher, zurück nach oben. Und ehe ich mich versehe, tauche ich aus der Stille auf.
Mein Geist saugt gierig den Lärm, die Farben, alles um mich herum auf und ich kehre zurück in meine Umgebung.

Meine Reise ist zuende.
Ich bin ruhig.