Nichts bleibt

Stetig weht der Wind,
Doch merk ich’s kaum.
Dort, wo meine Gedanken
Zur Ruhe kommen
Sollten.

Stetig knirscht das Hirn,
Doch schert mich’s kaum.
Dort, wo meine Sorgen
Urlaub nehmen
Könnten. 

Ich verträume mein Leben;
Vergesse meine Gedanken.
Lebe zerstreut durch den Tag,
Zersprungen in der Nacht.
Sternenlicht auf meiner Haut. 

Sammle mich auf und ein;
Suche den Behälter.
Im stetigen Wind,
Mit stetigem Knirschen.
Sand zwischen meinen Fingern.

Geschichten blühen im Kopf
Wehen davon; zerfetzte Stücke 
Dessen, was ich erträumte.
Bilder ohne Farben,  
halb geschlossene Konturen.

Nichts bleibt 
Oder doch
Alles bleibt 
Nicht gleich
Oder hier 

Sei.

Ich will so ein Mensch sein,
Der umarmen kann und umarmt;
Nicht mit dem Körper -nicht nur –
Sondern dem Herzen.

Doch mit jedem vielleicht
Begraben wir -Stück für Stück –
Viel der Leichtigkeit in uns.
Zwischen uns.

Ich will so ein Mensch sein,
Der geben kann und gibt;
Nicht weil er muss,
Sondern weil er will – wirklich will.

Doch mit jedem irgendwann
verpassen wir – wieder und wieder –
Ein Jetzt.

Resilienz im Alltag

Ich Bus verpasst; gleich zwei.
Entspannt, aber doch mich über mich belustigend/ärgernd zur Haltestelle.
In Ruhe Überblick verschaffen.
Zu spät zum Termin von Arbeit.
Bei einem Menschen den das sehr ärgert.

Sie schon dort, „übersieht“ den hinteren Bus und kollabiert.
Nach außen gezeigt und tränenreich.
Vermutlich zu spät zu Hause.
Nichts schlimmes aber für sie der Weltuntergang.

Ich erkenne mich selbst darin.
Wie ich früher war.
Wie ich heute manchmal noch bin.
Die einzigen Unterschiede sind die mir antrainierte Gelassenheit,
Die fehlende Mitteilung an die Umgebung.

Reduziert sich der Mensch mit zunehmender Jugend auf das Ursprüngliche?
Ist er vorher einfach unfertig?
Menschen unter Alter X als Beta-Menschen.
Halbfertige Konstrukte im Stresstest?

Wann bin ich fertig?
Wann resilient?
Bricht für das Mädel eine Welt zusammen oder ist das alles gleich vergessen?
Wird sie irgendwann hier stehen und lächeln
über die Exzesse eines kleinen Jungen, dessen Welt gerade hämisch lacht?

Sonderling

Es ist ein ziemlich bunter Haufen mit dem ich hier unterwegs bin. Zwischen turbulenten 24, gemäßigten 31 und grauen 50+ (hier bin ich zur Vorsicht mal nett) Jahren sitze ich als einziger „nicht IT-ler“ und erkunde acht andere, unterschiedlichste Charaktere in einem fünf Tage währenden Mikrokosmos.

Vielleicht ist es, weil ich nicht mitzeche. Vielleicht weil ich nicht in der selben Firma arbeite und teilweise für Stunden aus den Themen raus bin. Oder es ist was in mir drin, dass ich mitgenommen habe aus dem (laut Hörensagen) verschneiten Deutschland.
Bestimme ich selbst mich zum Sonderling oder nehme ich einen Platz ein, der mir von außen zugeschrieben wird? Setze ich mich an den Rand oder kann ich gerade noch so Platz nehmen an einem bereits überfüllten Tisch?

Ich gehe im Moment vermehrt bewusst meine eigenen Wege und merke, dass mir den Anschluß fehlt. Also… fehlt im Sinne eines faktischen „nicht vorhanden Seins“. Emotional ist da kein Sehnen. Kein gesteigerter Wunsch um Gemeinsamkeit. Ich bin dabei, aber für mich und wenn mir danach ist, verlasse ich die gemeinschaftlicher Pfade um auf unbestimmte Zeit für mich zu sein. Manchmal eine Minute, dann wieder einen halben Tag; innerlich ungebunden an meine Umgebung, äußerlich gelassen und flexibel.

Ich nehme mich nicht in dem Sinne heraus, als das ich bewusst blockiere. Und doch bin ich außen vor, auf jene unbewusste Art, in der bestimmte Themen manchmal einen der Teilnehmer für lange Zeit stumm zurücklassen können ohne dass es den Großteil der Diskussionsteilnehmer hindert oder überhaupt ins Gewicht fällt.

Kein Gewicht haben. Darum geht es! Sagt mein Herz, während mein Kopf schreibt. Und ich setze mich kurz hin um zuzuhören.

Du hast kein Gewicht in dieser Gruppe. Kein Gewicht für dich und kein Gewicht in dir selbst. Du bist gelöst von allem, von deiner Umgebung, den Menschen um dich herum und auch von dir selbst. Zumindest auf einer alltäglichen und körperlichen Basis.Teilweise bestimmt auch geistig, aber…
Du hast kein Gewicht und darum trifft dich nichts. Jeder Einschlag geht fehl oder trifft auf keinen Widerstand. Eine Zielscheibe, durch die der Pfeil einfach durchschlägt, verpufft oder geschluckt wird. Dir fehlt die Materie um wirklich Reize auslösen, wirklich zu spüren.

Du suchst deine Mitte und vielleicht bist du gerade auch näher als du es je gewesen bist. Gleichzeitig bist du weiter davon entfernt als jemals. Ein Sieg in Geist, Niederlage auf der Seinsebene.

TABULA RASA.

In goldenen Lettern, riesig groß und fahl glimmend stehen diese Worte seit Wochen vor deinen Augen. Immer mehr deine Gedanken gehen in diese Richtung und große Gedanken finden ihren Weg in dein Bewusstsein…

Meine Gedanken machen Sprünge und mein Herz tut ihnen den Gefallen und springt mit. (Ich tu ihm den Gefalln, tu ihm den Gefalln~)

Vier Doppelschlafzimmer, neun Personen und natürlich liege ich nun unter der Treppe auf einem Beistellbett in meiner Harry-Potter-Kammer. Einer muss ja und ich bin immerhin sozialwissenschaftlich unterwegs. Einer muss ja. Ich habe nachgegeben weil  ich groß im verzichten bin. Aber ist es so? Ist es das Selbstlose? Mein Koffer bleibt gepackt. Ich bin ungebunden. Kann jederzeit los und schulde niemand etwas. Muß nicht teilen. Muss nicht dazu gehören.
Das große Opfer, welches natürlich keine Anerkennung bekam, klingt super. Kotzt mich selbst aber schon im ausformulieren an.

„No man is an island“ (im englischen gender ich halt eben nicht).
Ich bin grade auf einer Insel und irgendwie lebt es sich hier recht gut. Auf Dauer vielleicht was eintönig, aber gerade eigentlich erst mal okay.
Maybe one can be… for a time.

Man kann nicht vor sich weglaufen. Doch man kann mit sich selbst vor allem anderen weglaufen.
Die Kunst ist also nicht einen Platz zu finden um sich festzukrallen, sondern die Reisegesellschaft zu optimieren. Allein unterwegs mit mir selbst, den Koffer voller Gedanken und wilde Tücher aus Erinnerungen um Hals und Kopf geschlungen springe ich auf die Metalltreppe des davonratternden Zugs. Lediglich ein kleiner Fetzen Papier flattert träge zu Boden während die Staubwolken in der Prärie zum Schein der untergehenden, blutroten Sonne zur Ruhe kommen.

TABULA RASA

Wach auf!

Nie fühle ich Schmerz,
Sehnsucht und Sehnen,
Herausbrechen aus mir,
Aus Körper und Geist,
So sehr wie des Nachts
In der Stille meiner Welt.
Wenn alles, wirklich alles
schläft in weiter Ferne;
Meine Seele die Freiheit
Und Ruhe finden kann,
die des Tags stirbt
In der Raserei der Welt.

Nie fühle ich Reinheit,
Klarheit und Verstehen,
Sich einnisten in mir,
In Herz und Verstand,
So sehr wie des Nachts
In meiner Einsamkeit.
Wenn jeder, wirklich jeder
Fort ist von hier/mir;
Meine Gedanken die Bahn
Und Struktur finden,
Die des Tags flieht
Vor dem Wahnsinn.

Und doch… und doch.
Was mich bewegt
Des Nachts zwischen
Schlaf und Leben
Ist vergebens im
Angesicht eines Lebens,
Welches nunmal des Tags
Und nicht im Dunkel
Gelebt werden muss.
Geht verloren in
Hitze und Staub
Des täglichen Sein.

Also dann:
Du kennst den Weg.
Wach auf!
Also jetzt:
Du weißt die Lösung.
Wach auf!

Meister der Ablenkung

Freitag Morgen Elf Uhr Fünfundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den Zug. In fünf Minuten habe ich einen Termin, wie mir ein kleiner, wacher Teil meines Gehirns mitteilt, doch für den Rest meines Geistes ist Alles immer noch ein Aufwachen und damit eine ganze Traumwelt weit weg. Mein Körper hat noch den Abdruck der Matratze im Gefühl, der zurückgekehrte Winter noch nicht gänzlich die Wärme der Bettdecke vertrieben und ich stehe mit einem mehr schlecht als recht sitzendem Wrack von Frisur in der letzten Leere, kurz bevor die Massen der hungrigen Mittagspausierenden aus den stumpfen Bürogebäuden ausgespuckt werden.
Entsprechend meiner Verfassung lasse ich meine Augen ziellos umherwandern und schon bald sehe ich keine Konturen mehr, sondern mit jenem unscharfen Blick den jeder Brillenträger kennt. Jene Art von schauen, die für 3D-Bilderbücher benötigt ist – wo wir mit ihr kämpfen – und die bei exessiver Müdigkeit eintritt – ganz egal ob wir das wollen.
Ich muss kurz komplett weggetreten sein, denn mit einem Mal wird mir bewusst, dass ich nun schon eine Weile auf den schwarz-weiss marmotisierten Boden starre. Ich kann nicht genau bestimmen wann ich anfing dorthin zu starren, noch wie mein Blick dorthin gewandert ist; dazwischen ist eine Lücke, gefüllt mit wattiger, klebriger Unbestimmtheit.
Ich befinde mich in jenem Schwebezustand zwischen Wachsein und Abwesenheit, in dem meine Gedanken eine unrealistische Schärfe erreichen, mein Körper jedoch nicht mehr als eine flüchtige Erinnerung ist und mir wird mit einem Mal deutlich, was meine Augen mir zeigen:
Der Boden unter mir atmet, pulsiert und scheint sich wegen irgendwelcher Schmerzen zu winden. Ich stehe im Schacht einer Ubahn und unter mir räkelt sich das Gestein – welches Menschen vor mir zerschnitten, gesprengt, transportiert und in einer anderen Form wieder zusammengestückelt haben – und es lebt mehr als ich. Es atmet und lebt in einem derart starken Puls, dass es mich durch die gesamten Schichten meiner Gedankenwelten erbeben lässt, packt und aus meiner körperlichen Hülle hinausschleudert.
„Was ist Leben? Wie lebe ich? Lebe ich überhaupt?“ fragt Etwas, dort angekommen, unbestimmt in Fleischlichkeit, einzig definiert über die zarte Bindung  der Gedanken an eine weit entfernte Puppe.
„Ist das mein Leben? Bin ich der den ich lebe?“ denkt Etwas und die Bindung wird zu einem schmalen Pfad, während rings um mich her eine stille Schwärze lauert.

Ist es mein Leben, welches ich lebe? Eine sehr interessante Frage. Auch wenn du sie dir nicht das erste Mal stellst. Interessant auch deshalb, weil du einer Antwort noch immer nicht näher gekommen bist, wie ich annehmen darf. Nicht? War zu vermuten. Es würde mich auch überraschen, wenn du…

Während er mit sich selbst in eine uralte Diskussion einsteigt, schlüpft er unbemerkt aus sich heraus und geht den schmalen Pfad entlang, weg von dem Streit. Immer weiter läuft er, bis er sicher ist, dass sie ihn nicht mehr bemerken. Da hält er auf einmal inne, schaut zurück in die Richtung in der sie verweilen, lässt seinen Blick an dem Weg entlanggleiten. Wie er auf ihn zukommt, unter ihm entlangläuft und in der anderen Richtung im Nichts verschwindet. Dort wo jene – vage erinnerte – Hülle hätte sein sollen erstreckte sich nichts außer einer dämmrigen, grauen Ungewissheit. Unsicherheit verzerrt sein Gesicht, als er Hin und Her schaut auf jenem Pfad. Unsicherheit macht sich in seinem Herzen breit, breitet sich in ihm aus, raubt ihm die Kraft und hätte er einen Körper gehabt: er wäre erschöpft zusammengebrochen. So blieb er eine Weile, unbewegt und formlos, bis er letztlich einen Entschluss fasste und zurücklief.

Dämmrige, graue Ungewissheit Nichts als diese ewige Suppe um mich herum und nichts verändert sich Müsste ich nicht schon längst angekommen sein bei Ja schon lang müsste ich daran vorbeigegangen sein Wo sind sie nur Und wieso verändert sich nichts in dieser elengen, dämmrigen widerlich grauen beschissenen Ungewissheit?

Später, als ich wieder zu mir kam und jenen dumpfen Zustand brütenden Gleichklangs hinter mir ließ, fand ich mich in einem riesigen Gewölbe wieder. Der Weg unter mir war, sehr zu meinem Schrecken, verschwunden und ich zuckte innerlich zusammen. Mein Magen rutschte mir in den Hals, als das Gefühl des Fallens einsetzte, ich schloß die Augen und ergab mich meinem Schicksal. Als nach einer Weile nichts passierte, öffnete ich die Augen vorsichtig und stellte fest, dass ich weiterhin fest stand. Der Pfad… er war noch da! Er war lediglich unsichtbar oder doch zumindest durchsichtig. Erleichtert ließ ich mich sinken – nur kurz verblüfft darüber meinen Körper wahrzunehmen – und atmete tief durch.

Während ich dort saß, noch immer befangen von dem unangenehmen, nicht abzuschüttelnden Gefühl im Nichts zu schweben, fiel mir auf, dass um mich herum Fackeln brannten. Unzählige vin ihnen säumten jeden Winkel des Gewölbes, und nachdem es mir erst einmal bewusst wurde stellte ich fest, dass sie überall waren. Ich war umgeben von flackerndem Licht, die letzten so weit entfernt, dass sie sich am Horizont zu treffen schienen. Noch während ich zu begreifen suchte, was um mich herum geschah, fiel mir auf, dass zu jeder Fackel ein kleiner Gang gehörte, welcher sich hinter dem Licht in eine kaum wahrzunehmende Dunkelheit wand.

Mein Weg, so wusste ich mit untrüglichen Gewissheit – jene die einen von Zeit zu Zeit ohne Vorwarnung überkommt – lag in exakt EINEM dieser Gänge. Doch in welchem, hierbei half jenes Gefühl nicht, dass – ähnlich einem Frühlingsduft – bereits verschwunden war und mich in meiner Unschlüssigkeit allein ließ. Ich starrte, grübelte, verharrte, lief auf und ab – denn schienbar war ich doch nicht zum Stillstand verdammt – und verharrte erneut, starrte erneut und grübelte weiter. Das Licht der Fackeln schien zuzunehmen, die einzelnen Lichtpunkte in der Ferne verschwammen zu einem wabernden orangeroten Leuchten und noch immer hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, wohin ich mich wenden sollte.

Verzweiflung rollte in einem rauschenden Grollen heran, umspülte mich und riss mich mit sich fort. Ich wirbelte herum, rang nach Luft, schrie lautlos und rang mit den Wellen. Sie drang in meine Lungen ein, umnebelte meinen Geist und erstickte meine Stimme. Sie war überall und ich.. ich verschwand.

Stille. Schwarze, kalte Stille. Stille in einem Ozean an fernen, unbekannten Ufern.
Ein Lichtpunk segelt herab und verlischt, noch bevor er begriffen werden kann. Noch einer folgt, verschwindet – ohne zu existieren – und entsteht erneut.
Ein ständiger Akt von Tod und Wiedergeburt, getanzt in völliger Stille.
Wasser brandet über stille Ufer ferner, unbekannter Ozeane und verrinnt lautlos im weißen Sand.

Wir sehen ihn, auf dem Pfad der keiner zu sein scheint.
Er steht dort, reglos und nahezu leblos.
Er öffnet die Augen, blicklos und entrückt.
Sein Mund öffnet sich, mechanisch und krotesk.
„Welchen Unterschied macht es also?“
Wir
hören ihn, als der Pfad in unzähligen Splittern zerspringt.
Er fällt, reglos und nahezu leblos.
Er schließt die Augen, blicklos und nahezu leblos.
Sein Mund schließt sich, mechanisch und krotekst.

„…zurückbleiben bitte!“ dröhnt es mir in die Ohren, begleitet vom widerlichen Tuten, dass Fahrgäste darauf hinweist das die Türen der Ubahn schließen. Ich starrte weiterhin stumpf auf den reglosen Boden.

Freitag Morgen Elf Uhr Sechsundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den nächsten Zug.