Blauer Frosch im Kulturwald

Ich liege auf einer Wiese in Berlin Mitte.
Genauer gesagt auf der Wiese in Innenhof der Humboldt Universität Berlin.
In der Luft liegt die Schwere eines Tages, der mit seinen gefühlten 50 Grad noch für ein paar Stunden vor sich hinsiechen will und sich mit dem Sterben bis spät in die Nacht Zeit lassen wird.
Im Hintergrund ist das Gemurmel der – in Berlin Mitte zu erwartenden – Touristenmassen zu hören, die auch in solchen Temperaturen die profitabelste aller Berliner Geldmühlen am laufen halten.
Untermalt wird das Ganze von an- und abfahrenden Trams, Bussen und dem, warum ich in diesem Moloch aus Lebensart, versuchter Freikörperkultur und angestrengter Betriebsamkeit überhaupt anzufinden bin.

Es läuft Klassik.
In live und wenn ich hinschauen würde auch in Farbe.
Irgendeine Symphonie.
Eine neunte, wenn mein Kleinigkeitengedächtnis sich das richtig gemerkt hat.
Von wem, von wann oder warum die gespielt wird… es könnt mir nicht egaler sein.

Mich beschäftigen andere, wesentlichere Fragen!
Zum Beispiel wüsste ich gerne, ob es unhöflich ist, wenn mein Kind (welches nicht meines ist, aber es geht hier ja um Hypothesen) schreit und den epischen Moment der Stille nach den Pauken zerstört.
Oder ob ich klatschen muss,  weil die Musiker ihre Instrumente einstimmen… dem Bauarbeiter gratuliere ich auch nicht, wenn er seinen Presslufthammer schon um sieben Uhr morgens „einstimmt“ um in dann erst nach seinem Frühstück  wieder in aller Ausführlichkeit zu benutzen; natürlich erst kurz nachdem ich wieder eingeschlafen bin.
Was interessiert mich die Musik, die meine Ohren sehr wohl vernehmen, wenn ich dabei nicht mit den Menschen reden darf, die mich umgeben, da das ja unkultiviert und störend wäre. Generell ist ein Gespräch ja meist sowieso und überhaupt störend wenn Musik läuft. Zumindest wenn die Musik alt ist. Vermutlich ist das eine Art Altersstarrsinn der Branche.

Während ich hier liege, merke ich jedoch auch, dass mir der Hipsterkerl vor mir –  der seine Freundin mit gekonnt verkacktem Sarkasmus beeindrucken will und sich ununterbrochen über die Musik lustig macht – gehörig auf den Zeiger geht.
Es ist eine Kunst mit der Kunst.
Eine Kunst kultiviert, aber nicht gekünstelt zu sein.
Eine Kunst, die ich definitiv nicht mein Eigen nenne.

Eine andere Frage beschäftigt mich so sehr, so dass ich wieder verpasse, den Künstlern Applaus zu spenden: wenn ich hier sitze, in einem knallblauen Tshirt, mit aufgedruckter, knatschigen gelben Zitrone und normaler Jeans, umgeben von Mädels in Tanktop und Hotpants… ist das alles hier dann noch Kultur oder schon ein Happening?
Bin ich Opfer eines geschickt eingefädelten Hipsterkonglomerats geworden die die Klassikszene revolutionieren wollen?
Der Hipsterfreund des vor mir sitzenden Hipsternervsacks legt es zumindest nah. Zwar kennt er sich nicht mit einem Bügeleisen oder den Grundregeln von Kleidungsstils aus, aber immerhin er kennt das Stück.

Ich liege auf einer Wiese in Berlin Mitte.
Genauer gesagt auf der Wiese in Innenhof der Humboldt Universität Berlin.
Und mir ist klar… ein Frosch auf einem Baum wäre besser aufgehoben.

Vergangenes

„Dich gab es doch schonmal!“
Sagte die dunkle Nacht zum strahlenden Tag, als er gerade anbrach.
„Das stimmt, aber zum einen ist das doch kein Grund aufzuhören und zum anderen gibt es heute vielleicht jemanden, der mich noch nicht kennt, mich schon wieder vergessen hat oder mich schlichtweg einfach noch einmal sehen will.“
Antwortete der Tag und nahm seinen Lauf.

Ich würde gerne sagen, dass irgendein altes, weises Volk oder ein alter, weiser Mensch dieses Gleichnis einmal gesagt hat und es daher stimmen muss. Doch ich stehe mit meinen Worten alleine da, kann mich auf nicht viel mehr als meine eigene Lebenserfahrung berufen.

Was vergangen ist, ist meist vergangen.
So banal das klingen mag, so schwer fällt es doch vielen Menschen die Vergangenheit auch vergehen zu lassen.

Was bringt dem „Jetzt“ oder dem „Morgen“ die Aussage „das gab’s schon!“?
So an sich sind die Worte eigentlich nicht viel mehr als eine verblassende Reminiszenz alter Ergebnisse.
Ein Statement, geboren aus dem Wunsch das Vergangene wieder zu beleben.
Der Versuch vergangenen Glanz, angegrauten Ruhm neu aufblitzen zu lassen.

Bedauerlicherweise ist der verjährte Lorbeerkranz über die Jahre oft zu einem Büschel vertrocknetem Unkraut verkümmert.
Doch es ist wichtig, den Kopf zu sehen, der den Kranz trug und so gerne noch tragen will.
Denn der Kopf ist – das bleibt ja doch zu hoffen – nicht vertrocknet.

„Das gab es schon“… Ja.
Bestimmt.
Doch können wir nicht darum um so besser Neues schaffen?
Uns nicht um so besser mit den Erfahrungen des Vergangenen an die Herausforderungen des Kommenden setzen?
Lösungen finden, die auch dem Morgen zu demselben strahlen wie gestern zu verhelfen.

Bestimmt gab es alles schon einmal, aber für mich ist das bestimmt kein Grund alles als geschaffen anzusehen.

One Company2Go, grande, no CEO and de-ltd.

Facebook, der große Guru unserer Jugend, hat WhatsApp gekauft. Für knapp 42 Dollar pro Nutzer.

Jetzt bin ich allerdings kein großer Fan dieses Unternehmens. Ehrlich gesagt habe ich weder Account noch Interesse an der hippen Kommune aus den Niederungen des weltweiten Fallnetzes. Da liegt schnell die Vermutung nah hier wäre wieder so ein elitärer Kerl am Werke,  der meint seine Daten schützen zu können.“ Aber so einfach ist das  bei mir nicht.
Mir ist seit meinem ersten Emailkonto klar, dass ich mich gläsern mache, wenn ich das Internet nutze. Gut, es mag schwierig sein mich direkt über Google zu finden, aber unsichtbar bin ich nicht. Will ich auch garnicht sein. Es wäre naiv anzunehmen, ich könnte bei meinem Internethabitus und generell als Teil unserer modernen Datengesellschaft meine Daten für mich behalten.

Nein, meine Ablehnung ist eine rein subjektive!
Ich will mich nicht in den Trend eines für mich oberflächlichen „Kontakthaltens“ einreihen. Wer mich kennt und kennen will, der hat meine Telefonnummer. Und den Rest vermisse ich nicht, also brauche ich ihn auch nicht.
Ich will nicht Teil einer Gemeinde sein, in der das unreflektiert Wiederkäuen hip und geistiger Dünnschiss salonfähig ist. Gewiss gibt es Nutzer, die es anders halten. Aber auch da gilt: die haben dann meine Nummer oder sind mir nicht wichtig.

Nach Skype durch Windows ist es nun ein weiterer riesiger Einkauf in der mich umgebenden Lebenswelt. Und das Aufkäufe anderer Firmen mittlerweile in immer größeren Maßstäben passieren ist wahrscheinlich keine reine Einbildung meinerseits.
Ich fühle mich ein wenig an die Anfänge dessen erinnert, was ich einmal im Setting eines postapokalyptischen Pen&Paper Rollenspiels gefunden habe:
Die Welt wird von 4 Megakonzernen regiert. Diese führen einen erbitterten Krieg gegeneinander im Kampf um Ressourcen. Eine Macht ist deutsch und heißt Bauhaus… aber das nur am Rande. Verrücktes Setting,eigentlich aber ganz nett.

Was dahinter steht ist die Frage: wo führt das uns hin und wo hört es auf?!

„Welche Konfession haben Sie? Römisch-katholisch, islamisch, Apple oder Windows?“

„Es tut mir leid, aber ohne gültigen Facebookaccount ist die Einreise in Google-Mitgliedstaaten nur mit Nachweis einer gültigen Kreditkarte von Amazon und durchschnittlichem Umsatz von 500 Euro pro Monat möglich.“

„…Am heutigen Nachmittag haben militante Konsumverweigerer in blutigen Straßenkämpfen für Ihr Recht auf ein medienfreies Leben  demonstriert. Laut Augenzeugenberichten flogen nicht nur Mäuse und Tastaturen, auch Fahrräder wurden in Band gesteckt. Ein Sprecher der Polizei kommentierte die Vorgänge als ’sinnlose, terroristische Versuche, die öffentliche Gleichschaltung zu unterbrechen‘ und kündigte ein rabiates Vorgehen an. Derweil werden im gesamten RTL-Empfangsgebiet Stimmen laut,  die von Politik, vor allem aber von den Konzernchefs schärfere Bestimmungen gegen solche Ausschreitungen fordern. Und nun zurück zur Werbung.“

Ich bin kein feiger Mensch. Und ich habe auch keine Angst vor dem Verlust meiner Anonymität…

…aber irgendwie gruselt es mich vor dem Potential der Wirtschaft.

Commitment Pussies

Pussy, Unterart Commitment Pussy:
„Die gemeine Commitment Pussy (Im folgenden mit CP abgekürzt) hat ihren Lebensraum in allen Ländern dieser Welt, wobei jedoch eine erhöhte Häufung in dichtbevölkerten Teilen der Erde festzustellen ist. Ursachen werden hierfür in der erhöhten Auswahl an Mitgliedern gleicher Spezies und draus resultierend einer verringerten Zwanglage gesehen.
Die gemeine CP zeichnet sich durch ein erhöhtes Maß an ausweichendem Verhalten aus, was nahelegt, dass sie seit frühester Kindheit einer erhöhten, unverhältnismäßig großen Bedrohung durch Andere seiner Spezies ausgesetzt sein muss. Ein infolgedessen zu erwartender Populationsrückgang ist eine naheliegende Annahme, jedoch kann aufgrund eingehender Studien festgehalten werden, dass ein Anstieg der CPbevölkerung innerhalb der letzten 20 Jahre um mindestens 500% zu verzeichnen ist. Genaue Ursachen hierfür sind unklar, Theorien reichen hierbei von o.G. verringerter Zwangslage, genetischer Fehlbildung und hierdurch überhöhter Reproduktion bis hin zu Theorien, nach denen sich CPs von Menschen ernähren, was den Anteil selbiger prozentual erhöht.
Im allgemeinen ist eine CP jedoch meist harmlos. Bewährte Abschreckungsmittel sind sämtliche Zeichen ehrlicher Zuneigung oder Vertrauensbeweise.“

Nun, nachdem wir über unser aller Bibel, den Duden, geklärt haben, was ungefähr unter einer CP zu verstehen ist, möchte ich Ihnen heute meine – ganz eigene und wahrscheinlich für viele Ohren unglaubwürdig klingende – Meinung zum weltübergreifenden Phänomen der CP schildern.

„Sich commiten“. Neudeutsch für den veralteten Begriff „sich einlassen“.
„Sich an etwas binden“.
„Sich voll für etwas einsetzen“.
Heutzutage kennen wir das alle. Immerhin commiten wir uns in der Firma bis zum erbrechen, damit das große Bosswesen über uns unser Commitment bemerkt und sich denkt: „Joa. Den. Den will ich behalten. Der commitet sich.“ Wir commiten uns in unseren Sportvereinen, wir commiten uns in unseren Skatclubs, wir commiten uns bei der Wahl von Deutschlands nächster Superstimme. Wir lassen uns ein auf alles was nicht Niet und Nagelfest ist, ständig bedacht offen, empathisch und möglichst „Gefühlsecht“ zu sein.
Denn zu fühlen ist Hip.
Mit sich selbst in Kontakt treten, auch einmal Tränen zulassen und ganz offen und ehrlich über unsere unglaublich tragische Liebe zur ersten Katze im Alter von 6 Jahren zu reden… das ist In. Darauf fliegen die Männer (bzw. Frauen).

Das Leben ist nicht mehr so wie mit 16. Das ist den meisten von uns klar, die Redewendung „Jeder trägt sein Päckchen“ wahrscheinlich nach „Scheiße“ in der Top 10 der meistgesagten Floskeln. In unserem Leben haben wir alle genug erlebt um zu wissen, dass wir niemandem auch nur den Ansatz von Vertrauen entgegenbringen dürfen, wenn wir nicht unweigerlich erleben wollen, wie es den Sozialdemokraten nach dem ersten Weltkrieg erging.
Die Welt ist böse.
Jeder da draußen will unserem Leib und unserer Seele größtmöglichen Schaden zufügen.
Immer und überall.
Aber auch weniger paranoide Menschen werden gewiss nicht über ein uneingeschränktes Vertrauen in ihre Umgebung verfügen. Nicht alle sind gewillt uns zu verletzen. Dennoch. . . Better safe than sorry. Denn enttäuscht worden sind wir alle schon. Und nachdem man einmal mehr gegeben hat, als man zurückbekommen hat lässt man sich doch am besten nie wieder ohne fünffache Absicherung auf irgendwen ein. Man is ja nicht blöd.

Kafka inszenierte in „Der Prozeß“ seinen – meiner Meinung nach – gelungensten Antihelden. Alles was „er“ tut kann und wird gegen ihn verwendet werden. All sein Streben führt letztendlich doch nur zum Sterben.
Es kommt mir so vor, sls ob in uns allen ein Josef K. steckt. Denn so wie Kafkas Hauptcharakter letzten Endes dann doch sein Schicksal akzeptiert, so haben wir akzeptiert, dass wir letzten Endes immer verletzt werden. Unweigerlich und unerbittlich läuft „sich einlassen“ auf Verletzung hinaus. Und darum bewahren wir kühlen Kopf. Halten wir uns eine Hintertür offen, durch die wir abhauen können, wenn die Prozeshelfer vorne klopfen.

„Man muss sich interessant machen. Lass sie zappeln, dann klappt das besser.“ Sagte man mir. Und behielt Recht. Warum? Ich kann es nicht genau sagen. Wir alle kennen die Regeln dieses Spiels nicht wirklich. Hier gibt es regionale Hausregeln, dort saisonale Ausnahmen. Doch wir alle wissen um die Existenz dieser Regeln und des Spiels, dass sie umreissen. Dabei ist uns eigentlich ja noch nicht mal das Ziel des Ganzen klar. Aber mitspielen müssen wir.
Oder verlieren.
Doch eine Regel scheint dann doch allen bewusst: wer sich zuerst offenbahrt, wer sich zuerst outet… der hat verloren. Also tanzen wie umeinander her, mit geradem Rücken, ernster Mine und korrekt sitzender Kleidung. Die Wahrung des eigenen Gesichts ist Messlatte für Erfolg im Spiel. Ernste Gefühle der supergau. Der Blackout. Die Kaper auf der Pizza (niemand mag die Dinger!).

Aber kommen wir zu dem, was Joint Venture als „die ernste Viertelstunde“ bezeichnet. Einem Abschnitt, der vielleicht von vorne beginnt, redundant erscheint aber vor allem eins sein soll: ehrlich und in keiner Weise zynisch.

Das Spiel der Spiele – das Spiel um Beziehungen – ist ein sehr schwieriges Thema für mich. Wie ich sehen konnte ist es eines, dessen Regeln ich durchaus beherrsche und beeinflussen kann. Wie ich erleben konnte ist es ein Spiel, dessen Ziel für mich durchaus erreichbar ist. Und ich erkannte, dass ich es nicht verstehe. Also den Sinn des Ganzen. Es wurde mir nicht schlüssig, in erster Betrachtung, warum dieses Spiel überhaupt gespielt wird.

Ich sehe Menschen, offensichtlich hoffnungslos ineinander verliebt, darum kämpfen, niemals irgendjemand von diesen Gefühlen zu erzählen. Und wenn es doch mal passiert, weil die Person sich geschützt genug fühlt um einem Unbeteiligten gegenüber sich zu öffnen, so wird es zum Abschluss stets relativiert. „Mal schauen was wird“. „Abwarten“. Bis was? Worauf? Warum?

Was ist das für eine Art, dass wir Menschen verlernt haben, uns unsere Zuneigung, oder noch reduzierter, das Interesse aneinander nicht mehr mitteilen können? Warum ist es gleich der dating-Nackenschuss, wenn ich zugebe „Hey du. Du bist für mich gerade interessant.“
Ich spreche hier nicht von einem verzweifelten Hilferuf der Einsamkeit, wo ich durchaus eine abschreckende Wirkung nachempfinden kann. Ich meine hier eine klare, selbstbestimmte Haltung. Eine die klar und deutlich zu den eigenen Gefühlen steht. Die sich nicht hinter Mauern aus Coolness und Machtstrukturen versteckt.
Wieso ist es  Menschen schier unmöglich geworden, eine solche Meinung als Stärke wahrzunehmen? In meiner Erfahunrg bewirkt so etwas in der Regel Fluchtverhalten. Menschen die sich mit jemand konfrontiert sehen, der keine Lust auf das spielen hat, sondern seine Position offenbart, springen oft ab. Im Bild gesprochen ist es so, als ob man beim Schiffe versenken die Positionen gesagt bekommt. Man gewinnt zwar, aber Spaß macht es nicht.

Wir alle haben unsere Zweifel, soweit gehe ich mit. Doch es fällt mir zunehmend schwer, dass wir alle Sklaven usnerer Zweifel sein sollen. Geade in wichtigen Themen wie Beziehung soltle doch auch die Hoffnung, unser Wollen und unsere Wünsche eine Macht bekommen. Denn wir wollen glücklich sein. Daran glaube ich mit aller Macht. Niemand MÖCHTE eine Beziehung, in der man sich bei jedem Schritt belauern muss, ob der andere nicht vielleicht doch gelogen hat und eigentlich woanders sein will. Das hoffe ich zumindest.

Es macht für mich keinen Unterschied, wie man das Kind nennt, während es aufwächst. Ob ich nun sage ich führe eine Beziehung, ob ich jetzt „mit jemand was hab“, ob ich sie/ihn mag, liebe, gern hab oder ob ich „mal schaue was kommt“. Für mich sind das verschieden mutige Aussagen für ein und die selbe Grundlage. Ob wir uns kennenlernen während wiruns Freund/in nennen, ob wir uns „erst mal“ kennenlernen und währenddessen jegliche Kosenamen meiden, alle Bindungen flach halten und uns schützen… Die Liste ist lang und ermüdend.

Mut.

Das ist das Wort, das für mich im Mittelpunkt der gesamten Charade um kennenlernen und Commitment steht. Wir haben den Mut verloren uns einzulassen, gepeinigt von der Angst uns auszuliefern. Eigentlich. Und insofern kann ich das auch gutheißen. Sich jedem interessanten Menschen gleich hinzugeben ist eine Art von Selbstteilung, die ich nicht befürworten will(nicht mehr jedenfalls). Das jedoch aus den Ängsten um unsere eigene Verletzlichkeit eine Angst um unseren Stolz wird, ist für mich schwerer verständlich.
„Ich will mich ja nicht zum Affen machen“. Mit dieser Aussage kann die Sorge vieler Menschen umrissen werden. Doch was steht dahinter? „Ich möchte nicht, dass ich an dem Punkt, an dem ich klar zu meiner Meinung stehe – welche im Moment beinhaltet dich/ihn/sie interessant zu finden – in den Augen anderer lächerlich zu sein.“ Vor wem mache ich mich denn dann lächerlich? Oder besser gefragt, wenn das als lächerlich aufgefasst wird… will ich dann nciht lieber so lächerlich sein wie ich kann? Warum ist es verkehrt, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen?

eine Antwort hierzu ist vermutlich, dass in unseren Köpfen hinter einem „Ich will…“ immer ein „…deshalb musst du.“ einprogrammiert ist. Nichts in dieser Welt ist umsonst, dass wird uns durch das Gesellschaftssystem in dem wir leben schon seit früher Kindheit eingetrichtert. Und wir alle scheinen es zu glauben.

Es ist meine Hoffnung, dass unsere Gesellschaft, in der es nun wieder Hip ist, sich emotional zu geben darüber hinwegwachsen kann. Denn wir sind keine 16 mehr, allerdings auch nicht alle alt und verbittert. Öko, Bio, kommunal, mehr Herz im Miteinander etcetc. All die hippen Bewegungen wie Bürgergärten, Volksentscheide, Kiezstammtische etc sind mir grundsätzlich zuwider. Aber sie könnten unseren Kindern eins zeigen, nämlich dass man manchmal auch Gefühle zeigen kann und dabei nicht der Volldepp sein muss. Dass wir nicht Sklaven unserer Zweifel und Ängste sein müssen. Dass wir unseren Mitmenschen vertrauen können, auch wenn wir enttäuscht wurden.

Und dann kann man vielleicht die Stärke haben und sagen:

Du.
Ich.
Wir beide.
Jetzt.

Product Misplacement – Manifest einer verkannten Revolution

„Das Neue Flachbrot irgendwas“ stand glaube ich auf Ihrem Shirt. Woran ich dabei dachte hat allerdings wenig mit flach oder Brot zu tun. Nur wenn ich sehr weit in Euphemismen abschweifen würde. Aber das wäre nun wirklich abwegig.
Während ich der jungen Dame also auf die Brüste starre, krampfhaft bemüht die Werbung zu lesen – schließlich wird da irgend ein Sonderangebot beworben – beschleicht mich das Gefühl, Opfer einer sozialisierten Falle zu werden. Wie soll ich als Mann – der ich nun mal bin – vernünftig und in Ruhe die Anzeige lesen, die die Vorzüge des Ladens bewirbt, ohne nicht jederzeit mit einem gesellschaftlichen Regenschirm und der dazugehörigen Oma im Blümchenkleid rechnen zu müssen.

Verlegen, weil mein Blick nun doch bestimmt schon eine ungebührliche Dauer unterhalb der Augen der Frau ruht, bestelle ich also – fieberhaft um die schnelle Beseitigung dieser Situation bedacht – das Nächstbeste. Natürlich bin ich im Nachhinein mit dieser Wahl unzufrieden. Auch bin ich unzufrieden, weil ich immer noch nicht weiss, was nun da beworben wurde. Und nicht zuletzt, weil ich noch nicht einmal den Brüsten genügend die Ihnen zustehende Anerkennung gezollt habe. Zu sehr war ich damit beschäftigt die verknitterten, durch verschiedene Wölbungen hin und her springenden, Buchstaben zu einem sinnvollen Satz zusammenzubringen. Dass Teile der Buchstaben auch noch in Winkel gedrängt wurden, die mehr Fantasie als Brillenstärke brauchen ist hierbei wenig hilfreich.

Ich bin nicht chauvinistisch. Bestimmt nicht; zumindest will ich es nicht sein. Aber ich kann eine gewisse Wehmut nicht abstreiten, als mir – ergeben auf Etwas rumkauend, was ich eigentlich nicht haben wollte – klar wird, dass ich in einer Situation, in dem ich von außen betrachtet bereits am „Schielen“ war, nicht einmal wertschätzen konnte was sich mir geboten hat. Und das habe ich tatsächlich nicht einmal richtig angeschaut. Wenn man mal nicht von außen mit der Sioziobrille, sondern vom meiner Warte aus schaut.
Es ist quasi der Schmerz der doppelten Vergeudung, der mich in der Winterkälte zittern lässt und an meinem ungeliebten Mahl würgen lässt.

Wer entscheidet eigentlich, wo ein Werbespruch hinkommt? Und wo kann man eigentlich Werbung anbringen, ohne dass sie zu solchen Dilemmas führt? Richtet sich die Länge eines Werbespruchs nun nach der durchschnittlichen Körbchengröße der Mitarbeiterinnen? Oder der Spannweite X des Rückens Q, von Schulterblatt H1 zu Schulterblatt H2 gemessen, geteilt durch Schriftgöße Y in Schriftart Z?
Ich seh die Werbefuzzies vor mir, wie sie aus Neukölln Jugendliche einladen, da ihnen nicht einfällt, wie man „weniger zahlen ist sehr zu beführworten“ kürzen kann. Um anschließend – nach einem arbeitsreichen aber produktiven Projektwochenende im Seminarhaus Wuhlheide – mit der genialen Formel „Geiz ist Geil!“ aufzuwarten. Ok, der Spruch ist schlecht. Aber er passt auf jedes T-Shirt. Hinten UND Vorne. Egal ob Größe S oder XXL.

Welchen Preis bezahlt eine Firma für geeignetes Product Placement? Euro oder IQ-Punkte? Gibt es Prämien für Mottos unter 5 Worten? Wenn ich den Spruch mit einer Druckerpatrone mehr als einhundert Mal auf eine A4 Seite bekomme (Schriftgröße 8), bekomme ich dann eine Beförderung?
Es ist schwerlich vorstellbar, sich Menschen als einen wandelnden Produktstandort vorzustellen, ohne nicht gleich eine Degradierung hineinzuinterpretieren. Die wenigsten Menschen möchten als ein großes Würstchen durch die Welt laufen. Und die wenigen die das möchten, führen ein wohl behütetes Leben in ihren speziellen Clubs, wo sie sich ausgiebig Senf auf die Wurst schmieren können, das Ganze in ein knusprig warmes Brötchen packen und es dann aneinander verfüttern. Manch einer macht daraus ja sogar einen Wettkampf; dabei schamlos auf Senf, Brötchen oder gar Röstzwiebeln verzichtend.

Aber die meisten Menschen wollen nicht so rumlaufen.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass solche Situationen, wie mein dramatisches Sozialdilemma im ersten Akt, nicht bedacht werden. Solche Sprüche könnten doch auch ein wenig höher angebracht werden. Dann hätte man zumindest schon einmal allen Frauen, deren Brüste dem Joch der Gravitation ein wenig nachgegeben haben, geholfen. Und nicht jeder stellt ausschließlich junge Dinger ein.
Oder eine kurze Nachricht unterhalb des Werbespruchs im Sinne von „nach dem Lesen bitte wieder Blickkontakt mit Träger herstellen“. Damit wäre allen geholfen. Frauen insbesondere, aber auch Hühnerbrüstigen Jungen, bebrusteten dicken Männern und all jenen, die von der durchschnittlichen Blickhöhe des Standardkunden abweichen.
Quasi Win-Win.

Aber an wen wende ich, wenn ich mich derart belästigt fühle? Meine Hoffnung, dass das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf meinen empörten Brief reagiert, in dem ich Ihnen meine unglaubliche Notlage eindringlich schildere… ist klein. Soviel Realismus habe ich ja noch, mir bewusst zu sein, dass in einem echten Ministerium nicht gearbeitet wird. Egal wie berechtigt eine Beschwerde ist.
Und das ist sie.
Die Beschwerde.
Berechtigt.
Es erscheint mir schwierig, mich direkt an die Polizei zu wenden, denn anzeigen kann ich eigentlich nur diejenigen, die diese widerlichen Fallen des Sozialisation tragen müssen. Nicht jene, die sie erzeugen. „Hallo liebe Polizei, bitte verhaften Sie den Erfinder des Spruches da auf dem T-Shirt. Aber schauen Sie nicht zu genau hin, sonst bekommen Sie noch eine Anzeige wegen sexueller Belästigung während der Arbeitszeit!“
Es ist fast bewundernswert, wie ein simpler Werbespruch einen rechtsfreien Raum schaffen kann. Niemand kann den Spruch lesen, ohne sich nicht im gleichen Zuge eines üblen Vergehens strafbar zu machen. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man als Abschluss eines jeden Spruchs liest „…treue Kunden unserer Filiale werden nicht verklagt. Tüdelü!“

Und ohne es zu wollen bin ich Ihnen auf die Schliche gekommen. Mein Leben hat damit wahrscheinlich eine erhebliche Verkürzung seiner Halbwertszeit erfahren, aber ich bin gewillt der erste einer internationalen Revolutionsbewegung zu sein. Wir werden die Fesseln des implizierten Sexismus sprengen und Werbesprüche auf politisch korrekte Orte verbannen. Vielleicht über Retinatatoos, in denen der Werbespruch auf die Innenhaut der Augen der Verkäufer_innen gebrannt wird. So schauen wir allen in die Augen, bekommen aber dennoch unseren Newsflash unbedingt notwendiger Informationen zu den neuesten Angeboten. Da wir hier lediglich von der Verletzung der Menschenrechte sprechen, sollte das in spätestens 5 Jahren überhaupt kein Problem mehr darstellen. Solange es nicht sexistisch ist.

Interessanter Zwischengedanke: Was, wenn ich Brustimplantate bewerbe? Wird dann nicht ein bewerben in den Augen zu einem Widerspruch? „Sie schauen mir ja auf die Brüste?!“ „ICH SCHAUE IHNEN IN DIE AUGEN!“ „SAG ICH DOCH!“….. Ein paar Handschellen, eine gründliche Durchsuchung des Devianten inklusive Gummihandschuh und eine populärjounalistische Verhandlung später (es gab Popkorn) endet Man(n) gebrochen und allein in der Gosse, von nun an nichts anderes als die Schuhe seiner Gegenüber anschauend. Auf der wahrscheinlich bald auch Schuhwichse beworben wird und somit das arme Opfer sich im Versuch der Flucht selbst blendet.

Es ist ein Teufelkreis. Eine Verschwörung von ganz oben, um die kleinen Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Denn damit wird es nicht aufhören. Kurz danach wird es vor Apfelwerbung auf Jeanshintern, Gurkenabbildungen auf Hosentaschen für Männershorts und anderen juristisch ausschlachtbaren, sexualklagefähigen Inhalten wimmeln. Dieser Spirale gilt es schon heute Einhalt zu gebieten! Die einzigen Gewinner des Ganzen sind letztendlich eben nur die da Oben und die Popkornhersteller. Und die stecken wahrscheinlich unter einer Decke! Aus Mais.

To place a Product. Ein Erzeugnis auf einen Ort transferieren. Darin liegt die Wurzel des Widerstands. Ich befinde mich bereits in der Herstellung diverser „Werbeträger“, in denen die Perversion der Werbung in aller Deutlichkeit aufgezeigt werden wird. Ein Pullover (das T-Shirt hielt den Belastungen leider nicht statt; hierfür entschuldige ich mich noch einmal Mama!) an den ich Melonen angenäht habe bildet den Aufhänger meiner Kampagne für Frauen. Hosen, an deren Hosenbund ich ein Dutzend Wiener befestigt habe bildet den Stoßtrupp des Schlachtzugs für Männer.
Als weitere Maßnahme habe ich in verschiedene bekannte Werbesprüche provokante Worte eingestreut um auf die Problematik des Ganzen hinzuweisen. Beispiele wären: „Meika macht PENIS das Würstchen.“ oder „Think different BOOBIES“ und andere, dabei verlasse ich mich vor allem auf die aufrüttelnde Wirkung der Großbuchstaben. Denn wie wir alle wissen (und wie ihr auch in meinem Videokurs „Plakativ schreiben mit EINFACHEN Mitteln – Ein Tutorial (Anfängerkurs)“ lernen könnt – !!!! Like! me onYoutube!!!!) helfen Großbuchstaben darin, die Driglichkeit einer jeden Aussage BESSER und DEUTLICHER zu vermitteln. Ich will nicht lange auf die Inhalte des Kurses eingehen, aber weiterhin seien Ausrufezeigen und der Wechsel von Schriftgrößen erwähnt (Es lohnt sich also reinzuschauen!)!

Zum Schluss will ich mich an dich wenden, lieber Leser!
SEI DABEI! BEGINNE MIT MIR DIE REVOLUTION GEGEN DIE GNADENLOSE AUSNUTZUNG DER WERBEAGENTUREN DURCH SUBTIL EINGESTREUTE SEXUALERZIEHUNG!!!!!!!111

Die Macht von Diddl und Komparsen

Eigentlich sind es, nüchtern betrachtet, alles Zombies.
Halbtote, gammelige Wesen einer längst vergessenen Zeit, heute einem anderen Sinn zugeführt als sie haben sollten: tot zu sein.
Der ursprünglich veranschlagte Zweck, also die Belustigung und Verzückung kleiner Betamenschen (alles vor der Pubertät ist für mich in einer Testphase), ist bereits seit einer und einviertel Generation gestorben. Mindestens. Mehr wenn wir den Zuwachs frühreifer Mütter dazuziehen.

Wenn erwachsene Wesen beginnen kleine und große Plüschmäuse in Stiftform, Notizblöcken, Tassen und Karten zu sammeln,  weil es ja „ach so süß“ ist…
Wenn Menschen,  die in der Lage sind, sich selbst Gedanken zu machen einen jeden Einzeiler jedweden Kalender zu einem einzigartigen Zen-Satz erheben und als krisstaline Weisheit erachten…
Wenn Menschen, die gelernt haben Worte für das zu finden was sie denken, ihre Partner mit „ohne dich ist alles doof“ Merchandise überhäufen…

…fühle ich mich eines widerwilligen Respekts genötigt. Denn zu sehen, dass etwas derartig Banales wie eine Maus mit heftigen Missproportionen (der diesjährige Gewinner der „Miss Proportionen Wahl“ ist es bestimmt nicht) über Jahre, nachdem sie bereits fast vollkommen verschwunden war, doch irgendwo einen lebenden Wirt gefunden hat und ein fruchtbares, ertragreiches, wenn auch halbtotes Lehnen führen kann ist bemerkenswert.

Auf der einen Seite hat es etwas Makaberes, vor allem wenn man die inbrünstig infantile Art betrachtet, mit der die wunderbare Einzigartigkeit einer Massenware angebetet wird um ihr die verdiente letzte Ruhe zu verweigern.
Auf der anderen Seite ist es erhebend,  zu sehen mit welchem eiskalten Kalkül der Mensch den Sinn seiner Kreationen nehmen und verdrehen kann, damit sie seinem eigenen Zweck dienen.

Nahezu  Nekromantie.