Du weißt es noch nicht VIII

Ich will schreiben!
Über dich,
Dein Feuer,
Deine Lust.
Das Leben, das du bist.

Ich will schreiben!
Über uns,
Unser Leben,
Unsere Zeit,
Das Glück, das wir sind.

Ich will schreiben!
Über mich,
Mein Glück,
Meine Kraft,
Das Feuer, dass ich bin.

Ich will schreiben!
Über mich, dich, uns.
Was war, ist, sein wird.

Du weißt es noch nicht,
Aber du wirst es wissen.

Bis dahin.

Du weißt es noch nicht VII

Dein Blick
Verspricht es mir
Schon lange,
Lange bevor du
Es sehen willst
Oder kannst.

Ich bin kein Mensch
Den dein erster,
Gehetzter Blick
Erfassen kann.
Ich bin die Ruhe,
Die dich auffängt.

Dein Körper
Verrät es mir
Schon lange,
Lange bevor du
Es fühlen willst
Oder kannst.

Ich bin kein Mensch
Den deine dunklen,
Lähmenden Sorgen
Verjagen können.
Ich bin der Schutz,
Der dich hält.

Dein Sein
Gehört zu mir
Schon lange,
Lange bevor du
Es verstehen willst
Oder kannst.

Ich bin kein Mensch,
Den deine klare,
Reine Liebe
erschrecken kann.
Ich bin der Ort,
Der dich erfüllt.

Ich bin dein.
Mensch in dir.

Du weißt es noch nicht,
Aber du wirst es wissen.

Bis dahin.

mit Dank für Hilfe und Muse an die richtige Stelle

Jenseits des Lichts

Flackernd gehen die Lichter aus, und der Zug verliert seine Stellung als leuchtender Speer, mit dem wir die Zivilisation in die Welt hinausschmeißen.

Das Licht geht aus und ich denke: schön. Nicht mehr. Einfach nur: schön.
Da geht es wieder an und zurück ist der strahlende Käfig, mit dem die wundervolle, düstere Welt der nahezu-Nacht ausgesperrt wird; schnappt das Lichtgefängnis wieder zu.
Sichtschutz vor der Natur. Vor dem Himmel, in dem heut keine Plätzchen gebacken werden, sondern eine Lammkeule auf Niedertemparatur zu schmoren scheint. Nicht richtig Abenddämmerung, aber auch noch nicht ganz Nacht.
Das Dunkel, fast ein Eintritt in eine Reise ins Ungewisse. Im Licht nur eine Strecke die neu, weil nie gefahren; im Dunkel ein Wagnis. Ein kleiner Schritt für mich, ein gänzlich unbedeutender für den Rest der Welt. Dort, zwischen den Schatten einer verblassenden Maschinerie, finde ich einen Einblick in die Dunkelheit, die mich umgibt inmitten der Lichtgestalt meines Alltags.

Ich verbleibe den Rest der Fahrt daher in Erwartung neuer Stromverluste, um weitere Seinsgewinne zu erhaschen.
Wenn es ausgeht ist kurz Schwärze, in die sich zartes Blau, Rot und ein paar letzte Fäden Gelb mischen. Das Licht flackert dann meist direkt schon wieder, als bräuchte es nur eine kleine Starthilfe. Kleine Männchen (und Frauchen) laufen laut meiner Vorstellung im Inneren der Lampe umher und kurbeln an den Drähten der Hallogenleuchten. Das erste Aufleuchten ist samtig. Warm. Verspielt. Dann jedoch explodiert das Gas und kaltes, brutales Neonlicht ballert in den Wagon, schnappt sich mein Spiegelbild und das des Wageninnenlebens und verhängt die Scheiben damit.

Mein Haar sitzt nicht. Es war ein hektischer Tag. Nicht mega lang, aber hektisch. Sieht man. An mir, an meine Haltung, dem trüben Schwurbel meiner Augen.
Draußen ist im Dunkel Natur, Entrückung und eine düstre Freiheit verreckt. Raum um zu verschwinden und zu fliegen. Hier drinnen wird jedoch jeder noch so kleine Schatten ausgeleuchtet und verhungert. Die Welt dort draußen verschwindet hinter dem grellen Schild, in das sich der Zug duckt.
Jeder Wechsel meines Blickes von Hier nach Außen endet in der Spiegelung meiner Welt im Fenster. Würde ich die Seite wechseln,  ich würde doch nur wieder im selben Leben enden und nach draußen schauen. Oder drinnen. Beides gleich.

Letztlich bleibt nichts anderes übrig als mitzufliegen. Teil der Speerspitze zu sein und am Ende versuchen nicht zu zerbrechen oder abgestumpft zu sein.

Wach auf!

Nie fühle ich Schmerz,
Sehnsucht und Sehnen,
Herausbrechen aus mir,
Aus Körper und Geist,
So sehr wie des Nachts
In der Stille meiner Welt.
Wenn alles, wirklich alles
schläft in weiter Ferne;
Meine Seele die Freiheit
Und Ruhe finden kann,
die des Tags stirbt
In der Raserei der Welt.

Nie fühle ich Reinheit,
Klarheit und Verstehen,
Sich einnisten in mir,
In Herz und Verstand,
So sehr wie des Nachts
In meiner Einsamkeit.
Wenn jeder, wirklich jeder
Fort ist von hier/mir;
Meine Gedanken die Bahn
Und Struktur finden,
Die des Tags flieht
Vor dem Wahnsinn.

Und doch… und doch.
Was mich bewegt
Des Nachts zwischen
Schlaf und Leben
Ist vergebens im
Angesicht eines Lebens,
Welches nunmal des Tags
Und nicht im Dunkel
Gelebt werden muss.
Geht verloren in
Hitze und Staub
Des täglichen Sein.

Also dann:
Du kennst den Weg.
Wach auf!
Also jetzt:
Du weißt die Lösung.
Wach auf!

Warum Tinder Zeitverschwendung ist

Zuerst muss es raus: ja, ich nutze es. Ich bin einer dieser unglaublichen, oberflächlichen, notgeilen YOLO-Kerle, der sich des „Wisch und weg verliebens“ bedient.  Only… I am not.

Tinder, dass ist in der Grundidee schon nicht ganz verkehrt. Zuerst siebe ich aus was mir beim angucken der bis zu 6 Bilder nicht gefällt und in den tiefgründigen 600, Zeichen die zur Verfügung stehen, etwas sagt was mich abschreckt.
Ich bin kein Mensch, der sich seiner Oberflächlichkeit verwehrt.  Mal ganz ehrlich… Oberfläche ist wichtig! Nicht das wichtigste auf diesem Planeten,  nicht einmal besonders ausschlaggebend für das funktionieren eines guten Miteinanders, aber keineswegs unwichtig. Zumindest für mich nicht. Was nicht heißt, dass ich oberflächlich bin. Aber ich HABE Oberfläche und ich nehme anderer Menschen Oberfläche wahr. Dort nicht stehen zu bleiben ist die Kunst. Aber wenn ich es mir aussuchen kann (und das kann ich nun mal Dank der Bestrebungen unserer Vorfahren), dann wähle ich etwas, das ich auch anschauen kann ohne mich ablenken zu müssen.

Aber allein in dieser Reduktion auf eine Handvoll Bilder und einen Brocken Informationen kommt schon das erste Problem zum tragen.  Noch viel stärker als im „vis-a-vis“ Kontakt ist das Heitei von Tinder geprägt durch Konstruktion. Wir bauen wer wir sind. Kein einziges meiner Bilder ist zufällig. Nicht ein Wort in meiner Beschreibung (die immer wieder wechselt, je nachdem was mein Ego gerade hergibt) ist unüberlegt hingeschrieben. Ich bastele seit einiger Zeit daran, es ist ein kleines geliebtes Wesen geworden,  denn ich so manche Stunde Aufmerksamkeit gegeben habe. Und es wächst und gedeiht so vor sich hin, ganz zufällig und total spontan natürlich.

Durch die Vermeidung von Kontakt bevor beide Seiten Interesse bekunden sollte ja eigentlich vermieden sein, dass Menschen in Kontakt kommen, die keine Lust auf miteinander sprechen haben. Aber hier haben die Entwickler von Tinder nicht mit dem Phänomen Mann gerechnet. Das erste bei einem Kontakt (oder auch tinderisch „Match“) ist somit, sich sorgsam beschnuppern zu lassen, stets darauf bedacht, nicht in Schubladen gesteckt zu werden die mir allerdings eh nicht passen. Ich bin kein Freund des kurzen Vergnügens undOne Night Stands ergeben für mich keinen Sinn, denn was gefällt möchte ich doch in der Regel wiederholen. Whatever, so sei es eben. Über den Tanz mit dem „einlassen und klar sein“ habe ich mich ja schon an anderer Stelle ausgelassen.

Es ist lästig, sich jetzt über die einzelnen Schritte auslassen… rumschreiben, interessant wirken, sich rar machen, mit der Antwort warten, dann vielleicht irgendwann doch ein erstes Treffen, dann weiterschreiben,  dann blablabla. Wir kennen das an dem Punkt vermutlich alle, gedatet hat jeder schon (und wenn nicht, dann ist weiterlesen eh sehr überflüssig).

Was macht Tinder also, der Titel war ja schon ein Versprechen,  zur Zeitverschwendung. Nun, das ist eigentlich recht simpel:

Sucht.

Tinder ist schnell. Es spielt uns vor, immer neue Menschen in unmittelbarer Nähe haben zu können; immer noch was Besseres finden zu können und mit einem Wisch, einem Klick oder Nasenschnauben das lästige Alte loszuwerden. Und unter uns… es gibt viele schöne Menschen. Immer wieder findet sich ein Profil, das reizt und Lust auf neuen Kontakt macht.
Aber was wenn ich dort anhalte?! Was, wenn Mister/Miss 100% erst noch kommt? Und danach Mister/Miss 101%?! Die Suche nach Betty Blue.

Tinder ist wie ein Spiel, in dem wir uns selbst des Spielziels berauben.  Als Genre beschrieben wäre das „Sandboxdating“, daten ohne Grenzen. Und auch wenn das manchen Menschen am Computer Spaß macht (man schlage im Internet die Worte „sandbox game“ oder „idle game“ nach), ist für mich das Ganze sinnbefreit. Wie machen den ganzen Shit um Kontakte zu knüpfen,  die wir nicht haben wollen weil was anderes lockt. Da kann ich auch nichts unternehmen und bin vermutlich gleichauf.

Was vermutlich auch die meisten kennen: die ganze Scheiße ist Streß! Der Balanceakt, den man geht um zu gefallen, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ego, der Kampf um Souveränität undundund. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass es eine Begleiterscheinung von dating ist,  sich selbst zu hinterfragen. Und das tut einem Tinder ständig an. Seit der Überwachungsstaat die Ausrede des verbundenen Menschen gefunden hat, sind wir alle zu kleinen Spitzeln geworden. Es ist fast ein Wunder, dass der Online-Status diverser Programme (wie zum Beispiel Tinder) nicht bereits die Kamera anzapfen und Beweisfotos machen kann, aber mit zuletzt online und „hat gelesen und befunden nicht zu antworten, denk man drüber nach“ sind wir auf gutem Wege.

Doch wenn wir einmal, alle  Statistiken, Vermutungen und Überzeugungen weglassen… wie sind sich Tinderpaare ihrer selbst sicher?  Zeremonielle Löschung beider Accounts? Das Versprechen des Verzichts? „Das ist schon okay“?

Tinder ist nicht per se  Zeitverschwendung. Es ist nicht einmal wirklich zu verurteilen. Es hat ein riesiges Potential, entspannte Kontakte zu erzeugen und sogar Beziehungen, die einem modernen und lockerem Miteinander entsprechen könnten. Das Problem ist nur, dass meiner Vermutung nach die wenigsten Menschen dort wissen was sie im Ansatz wollen und daher den Menschen, denen sie begegnen von vornherein keine Chance geben. Und in dieser Ungewissheit überspitzt sich die Abneigung zu alten und überdauerten Formen von Beziehung (z.b. Partnerschaft weil es muß) derart, dass jegliche Bemühung nur im gelegentlichen Sex enden DARF.

Da bin ich allerdings nicht scharf drauf. Klar mach ich das mit. Sex ist nicht zu verachten, besonders wenn es Spaß macht. Aber es ist halt Zeitverschwendung, wenn nichts folgen kann. Und auch wenn ich gerne mal Zeit vergeude… beim Thema „Liebe“ ist mir das schnell zu langweilig. Tinder kann etwas sein, was seine Benutzer allerdings nicht hingekommen, denn dafür fehlt ihnen vor allem eines: „Vertrauen“.

Du weißt es noch nicht

Ich werde dir gut tun,
So wie du mir gut tust.
Ich weiß wie du aussiehst,
Ohne dein Gesicht zu kennen.
Ich werde dich finden,
Ohne dich bewußt zu suchen.

Wir kennen uns noch nicht,
Und spüren einander schon.
Wir sind uns noch fremd,
Und sind uns bereits vertraut.

Du weißt es noch nicht,
Aber du wirst es wissen.

Bis dahin.