Über-schreiben

Ich sollte schreiben. Will es eigentlich auch. Mein Finger schwebt über dem Display, zuckt kurz in Richtung Neuer-Beitrag-Knopf und schließt anschließend – fast schon panisch – WordPress. Es wird wohl doch wieder eine Runde „verbinde die Farben und sie platzen“ – Nur die eine Runde noch.

Immerhin bekomme ich dann doch noch diese Zeilen geschrieben. Aber ein Schreiberling, der beim schreiben übers Schreiben angekommen ist, hat vor allem eins: die Klappe zu halten.

Also lenken wir ab. Gehen wir ins Allgemeine. Die generelle Stasis, die unser ganzes Sein im Griff hat, und lässig zwischen uns und dem „wahren Leben“ einen zeitlosen und dadurch unbeweglichen Vorhang webt. Die mit heiterer Gelassenheit in unsere Gedanken greift, alle Farben wegradiert, sämtliche Details verwischt und breiige, unbestimmbare Masse zurücklässt. Was bleibt ist dieses Gefühl: da war noch was zu tun. Was wichtiges. Aber meh. Her mit Ablenkung. Denn das geht noch. Das Hirn durchschleifen – no man’s left behind – bis es Morgen ist. Und wenn wir beim Morgen angekommen sind ist es ja Heute; also weiterschleifen. Sollten wir zurückwollen, müssen wir nur den blutigen Schlieren auf dem Boden folgen und hoffen unsere Innereien sind nicht bereits abgeschliffen oder geplatzt.

Ein „uns“, dass mich meint aber verallgemeinern soll, denn das ist Hip und gebildet. Exzentrisch sogar, wenn man das innere Team damit meint aber letztlich doch nur ein Konstrukt, denn ich bin nicht einmal Besonders genug um wirklich im „uns“ denken zu müssen.

Brummkreisel – warum heißt der eigentlich so, der surrt doch eher – sein und im Drehen um die eigene Achse Erfüllung finden. So müsste man sein. Wie kann es nicht wider der Natur sein, in andauernder Vorwärtsbewegung sein zu wollen und in beständiger Veränderung (ist Veränderung noch Veränderung, wenn sie nach Plan verläuft?) die Quintessenz des eigenen Sinns zu finden.
Verharren, verweilen; Absturz und Ruin.
Und doch: ist nicht auch in der selbstumkreisenden Pirouette der Drang nach vorne elementar? Eben immer um einen kleinen Winkel versetzt und damit im Kreis; nicht voran zu immer neue Orten. Von außen statisch scheinend und schöne Bilder werfend, in sich selbst jedoch hoffnungslos übereifrig und nur mit bunten Schlieren vor den Augen.

Das Leben speichern und nur dann überschreiben, wenn die Entscheidungen gefallen. Verwerfen und neu laden; game not really over. Hosen nähen mit unzähligen Hosenbeinen und doch immer in die beiden einzig richtigen schlüpfen. Mit jener unbedachten Gelassenheit und Sicherheit, wie sie einem zuteil wird, wenn das Selbst gefestigt ist und seinen Raum einnimmt ohne lange darüber verhandeln zu müssen.

Ich sollte schreiben. Will es eigentlich auch…
Ende. – Gut jetzt.

Momente der Unendlichkeit

„What are you thinking?“
Fragt sie, als wir danach nebeneinander liegen und das Licht der Sterne ihre Silouette in mattes Leuchten hüllt. Sand besprenkelt die leicht gebräunte Haut, funkelnd im Schein ferner Laternen. Ich streiche ihn sacht von ihren Beinen und ihre Härchen richten sich mit einem leichten Schauern auf, strecken sich der vorsichtigen Bewegung entgegen und schmiegen sich an. Meine Finger wandern weiter nach oben, dem verführerischen Schwung ihrer Hüfte folgend, verweilen kurz an der Taille und finden an ihrem Hals, genau dort wo der Handballen auf der Schulter ruhen und meine Fingerspitzen den Ansatz ihrer langen Haare berühren können, eine nie gekannnte und doch vermisste Heimat.

Ich denke an den Moment. Den Moment der Leidenschaft, der inneren Verbundenheit. Den kurzen, flüchtigen Moment eines Lebens in dem das Glück unendlich scheint und doch – oder gerade deshalb – nicht länger als einen Augenblick währen kann.
Verglichen zur Unendlichkeit kann ein jeder Zeitraum nur nichtig und klein wirken, ist er doch nicht viel mehr als ein Glitzern im Meer der Zeit. Wir leben – verglichen mit anderen Lebewesen – relativ lange. Verglichen mit dieser Welt ist unsere eigene Dauer schon sehr viel kleiner. Gehen wir noch einen Schritt weiter, dann…

Meine Gedanken verwirren sich für eine Weile, während der ich darin fortfahre leicht die Wölbung ihres Nackens zu massieren. Ihre Wärme dringt durch meine Fingerspitzen in mich ein und lässt mich schaudern. Wieder, nur für den Bruchteil eines Augenblicks, sind wir verbunden; eines Atems. Ihr Puls pocht an meiner Haut entlang und findet, unbeschwert wie ein Sommerwind, den direkten Weg in mein Herz. Unser Sein verschmilzt, wird zu einem gleichmäßigen Klopfen in der Weite des Universums. Wir teilen unsere Leben durch das winzige Nadelöhr meiner Finger und strömen in diesem einen Moment über, als unsere gemeinsame Kraft die Grenzen eines einzelnen Seins sprengt.

„What are you thinking?“
Ihre Stimme lässt mich aus meinen Gedanken auftauchen und als mein Blick wieder in diesen Welten aufflackert, sehe ich die Andeutung einer Falte auf ihrer Stirn. Nachdenklich vielleicht, nicht ungehalten. Verwirrt vielleicht, nicht fordernd. Ich muß eine Weile geschwiegen haben.

Ich könnte ihr erzählen von der Nichtigkeit unseres Seins, in der wir heller strahlen als alles Andere.
Der wundersamen Schwere des Moments, kostbar durch die Leichtigkeit in der er sich verliert.
Der unendlichen Glückseligkeit des Seins, begrenzt in seiner Hülle und befreit in seinem Tun.

Ich könnte ihr erzählen:
von ihr, von mir, von uns
und dem was dort ist,
in der Unendlichkeit des Jetzt.

Doch als ich Luft hole um mich zu erklären weiß ich, dass meine Worte nur verstümmeln könnten was auch immer ich mitteilen wollte.
Also folgen meine Finger, ganz unbewusst und langsam – wie in Zeitlupe – der zarten Linie ihres Gesichts und während ich von ihrem Kinn sanft den Hals hinabstreiche finden meine Lippen die ihren.
Kurz darauf vergehen wir in einem weiteren, unendlichen Moment, den keine Worte beschreiben können, wollten sie nicht die plumpe Blaupause einer Verbundenheit sein, wie sie nur in der Nähe zweiter Seelen entsteht.

Nuancen

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich beschäftigen.

Das große Ganze ist mir hingegen eigentlich zumeist recht wumpe. Griechenlandjedersagtwasdazukacke? Meh.
Eurokrise und Finanzprobleme?
Ich bin seit Jahren nicht richtig arm und nicht bestimmt nicht reich. Abgesehen davon: in einer Krise stecken wir alle. Eine Seinskrise vielleicht, es könnte aber auch das Ende der Welt sein. Des passt schon. Und wenn nicht, dann ist es mir genauso egal wie vorher.

Die kleinen Dinge allerdings… das, was zwischen dir und mir schwebt, was in der Luft bleibt, wenn zwischen Menschen jenes furchtbare, zum scheitern verurteilte Ungetüm namens Kommunikation schwebt. Oder eben gerade nicht. Wenn Schweigen zwischen Freunden ist, wo Antworten sein müssten. Diese Stille zwischen zwei Worten,  die eigentlich nur die Summe ihrer Dinge ergeben sollten, jedoch unzählige weitere Elemente ermöglicht. Der Lärm in meinem Kopf, wenn eigentlich Stille sein sollte und dafür passend die ohrenbetäubende Leere, wenn ich mitten in dem stehe, was manch einer als Leben bezeichnen wollen würde.

Es sind diese ungelenken Kleinigkeiten – sozusagen der Schmierfilm zwischen den Dingen – die mir keine Ruhe lassen.

Das Miteinander – wenn es denn nicht ein Gegeneinander ist – gestaltet sich bedauerlicherweise in unserer Welt, die wir uns zumindest räumlich teilen, oft als… unklar.
Es gibt meistens Spielraum.
Nuancen.
Und das ist, wo wir alle gefickt werden.

Wir lernen vermutlich alle mehr oder weniger von Geburt (oder doch sehr bald danach) an, dass wir ein Ich haben. Etwas, das wir sind und das uns, je nach Ausprägung, auch ausmachen sollte. Was auch immer wir tun oder lassen, dass Ich ist mit dabei. Wer da anders denkt, kann ja mal versuchen eine Woche ohne das Wort „ich“ und seine Verwandten auszukommen. Unser Denken beginnt bei uns selbst, wir sind quasi das Zentrum unserer Welt. Zugegeben, nicht jeder von uns ist ein Zaphod Beeblebrox und hält sich für den Mittelpunkt des bekannten und vermutlich auch unbekannten Universums.
Davon spreche ich auch gar nicht. Zu verlangen, das wir uns von uns selbst loslösen und gänzlich ohne eigene Person denken ist nicht nur ein sehr hoher Anspruch, sondern ein unmöglicher. Wir können schlicht nicht anders denken, als wir selbst. Alles was außerhalb dessen liegt können wir uns einfach nicht denken.

Das ist nicht so wie die Herausforderung an ein Schwein (welches wohl nicht nach oben schauen kann), den Himmel zu betrachten. Dabei kann das Schein clever sein und sich einfach herumwälzen. Das ist vergleichbar mit dem Wunsch, in der siebzehnten Dimension Dinge zu tun, die außerhalb meines Sprachgebrauchs liegen. Denn sobald ich es beschreiben kann, entspringt es wieder meinen Kopf und ist damit von mir gedacht. Klar gibt es keine Garantie, dass ich nicht gerade in jener fernen Dimension jene Dinge tue die ich nicht beschreiben kann, aber davon weiß ich nichts; immerhin bin ich an meine 3-4 Dimensionen gebunden.

Wenn wir also jetzt annehmen, dass unser Denken unabdingbar mit unserem Ich verwoben ist wird vielleicht deutlich wieso wir am Arsch sind, wenn wir miteinander kommunizieren. Das muss doch schief gehen! Ich bin mir ja teilweise meines eigenen Denkens nicht sicher, wie soll ich dann auch nur im Ansatz behaupten können, ich würde verstehen was jemand anderes denkt?!
Und doch tun wir das immer wieder. Also es sagen. Zumindest öfter als wir es dann auch wirklich umsetzen. Also das Verstehen.

Irgendwo auf der Strecke zwischen uns und unserem Gegenüber ist ein Loch, welches wir zwar immer wieder versuchen zu füllen, was uns aber niemals gänzlich gelingen kann. Und so traurig das jetzt klingen mag, kann ich für meinen Teil darin sogar eine Befreiung finden. Nun ja. Teilweise. Befreit werde ich grundsätzlich von der Last des Versagens, wenn es mir nicht gänzlich gelingt mein Gegenüber zu verstehen. Oder der Angst, endlos narzisstisch zu sein, wenn mir wieder einmal auffällt, wie oft das Wort „ich“ in seinen Spielarten in diesem Text schon wieder auftaucht.

Wovon es mich allerdings nicht befreit, dass sind die Dämonen, die in diesem Loch schlummern. Die dunklen Gedanken, welche das Loch zu mehr machen als einer Strecke, die ich gerne überbrücken würde. Sie heizen darin Feuer an, schnappen sich spitze Metallforken, schnallen sich Hörner, Echsenschwanz und Hufe um und tanzen irre gackernd im flackernden Schein verbrennender Hoffnung.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich beschäftigen. Und es sind die kleinen Dinge, die meine ganz persönliche Hölle beschwören.