So kommt und geht es eben

Ich sitze am Hauptbahnhof auf dem Platz der nicht der Europaplatz ist, sondern der andere, der dessen Namen ich mir nie… Washingtonplatz! So heißt der… glaub ich. Könnte auch ‚Betonwüste mit dahingesprenkelten Betonklötzen‘ heissen, aber da er nun einmal (vermeintlich) Washingtonplatz heißt bleibt nichts als sich zu wundern woher der Name kommt. Bis zum nächsten Vergessen und Erinnern. So geht es eben.

Ich sitze in der Sonne – im Schneidersitz, mit krummem Rücken, in schwerem Wintermantel, mit Mütze – auf einem Kubus aus Beton und verweigere es mich zu entblößen. Viel zu angenehm ist das wohlig warme Kribbeln unter dem dicken, schwarzen Stoff meiner Kleidung, viel zu kurz die Zeit die ich in Zwiesprache mit jedem einzelnen Sonnenstrahl gehen kann. Es ist ein bewegter Platz, hektisch in seinem Treiben, an jeder Ecke gefüllt mit sich sonnenden Menschen. Ströme von Koffern und dazugehörigen Leibern hasten an mir vorbei; ein wenig erinnert es mich an eine Robbenkolonie. So kommt und geht es eben.

Da ich Musik im Ohr habe, dem Drumherum das zugehörige Getöse, Gemurmel und Raunen nehme, versickert diese Lebendigkeit im grauen Hintergrund meiner Wahrnehmung und eine merkwürdig andächtige Stille tritt ein.
Ich springe gedanklich in den Hochsommer 2015 zurück: das Fez-Gelände, auf einer Parkbank am Wasserbecken. Es ist später Nachmittag und die Sonne hat allem Lebendigen und Unbelebten die Motivation aus dem Leib geballert. Die Eltern sind mit ihren Bälgern geflohen, es sind gefühlt 40 Grad oder mehr aber da der naheliegende Badesee wegen Bauarbeiten nicht geöffnet hat sind sie selig weit weg. Ein Wetter, dass einem der Schweiß schon bei der Erinnerung aus allen Poren läuft. Ich saß bestimmt eine halbe Stunde unbewegt auf der Bank und hielt auch so einen stummes Gespräch. Die Sonne in ihrer gnadenlosen Wucht, die Luft in ihrer dumpfen Abgebrühtheit und ich in der Stoik eines Menschen nach einem anstrengenden Arbeitstag. Seit jenem Tag ist mir nicht mehr zu heiß, wenn ich in der Sonne sitze. So kommt es eben.

Hinter mir wabern kalte Schwaden aus dem Gebäude, die jenen Bauwerken zu Eigen sind die tief in Erdschichten eingegraben wurden. Kalte Luft, geboren in einer Umgebung bar jeglicher natürlicher Wärme und aufgewachsen in Hallen und Tunneln die sich im Dunkel der Welt verlieren. Höchstens die Wärme der Menschen die zu ihren Zügen rennen lässt sie erahnen was das Konzept von Wärme sein soll. Im übertragenen Sinn wird ihr nicht einmal die herzliche Wärme der Menschen zuteil, die Wiedersehen oder Abschied zelebrieren; ist ein Bahnhof doch in seiner Sache – so las ich einmal – einer jener Nicht-Orte, den Menschen betreten um ihn zu verlassen. Mitleid überkommt mich mit jenen unschuldigen Luftschwaden, die aus der platon’schen Höhle treten und von der strahlenden Wirklichkeit der Wärme zerfetzt werden. Doch so kommt und geht es eben.

Ich denke an den Mitbewohner, der mir mehr Familie ist als die meisten meiner Familie. Die Mitbewohnerin die mehr Katze ist als Mitmensch und mich mit ihren unzähligen Schlafpositionen stets zum Lächeln bringt. Der Kater unserer Gemeinschaft der mehr Charakter besitzt als die angepassten Fleischhülsen mit denen ich vorher lebte. „…vielleicht ist es ja wie bei einer Auster mit dem Öffnen und dem Schließen und am ende kommt eine Perle raus.“ Sagte er. „Eine Perle ist nicht mehr als mit Glanz überzogener Dreck.“ Entgegnete ich. Er nennt mich meist nur noch Rabe; Recht hat er. Später wird er berichten: es wird keine Perle werden. Ich bin nicht überrascht, denn eine Sache die von andauernden Hoffnung genähert wird ist meist eine Suche nach dem Goldtopf am Ende des Regenbogens. So kommt es eben nur selten und geht dann doch anders.

Mein Zug fährt bald und ich mit ihm, wenn ich es schaffe mich von meiner kleinen Insel der Wärme zu lösen. Mich fröstelt es bereits bei der Vorstellung an die Minuten auf dem Bahnsteig, denn es wird mir niemals vergönnt sein so zum Bahnsteig zu kommen wie der Zug. Es scheint ein kosmisches Gesetz zu sein, dass ich auf den Zug warte. Ähnlich dem Symptom in dem ein Arzt niemals leserlich schreiben kann wenn er etwas verschreibt, oder in dem die Garantie eines Geräts stets in der Woche zuvor anlief. Ich werde fahren, für eine Weile noch, denn so kommt und so geht es im Leben.

Sommertag

„Auf, Sohnemann. Genug auf der faulen Haut gelegen. Wir gehen heute wandern. Also pack deine Sachen, ich will in einer Stunde los!“

Müde grunzt Paul seine Abneigung unter der Decke hervor,  aber das hört sein Vater schon nicht mehr, da er bereits wieder aus dem Zimmer gepoltert ist. Natürlich nicht ohne vorher die Vorhänge zur Seite gezogen zu haben und damit das Zimmer dem gleißenden Licht und der flirrenden Hitze preis zu geben.
Wie sein Vater so früh am Morgen, dazu noch mitten im Hochsommer, an einem Tag wo es schon zum Nichtstun zu heiß ist, auf die bescheuerte Idee kommt, wandern zu gehen… darüber denkt Paul nach, während aus der Küche der kaum zu überhörende Lärm der Frühstücksvorbereitungen herüberschallt. Paul schafft es dennoch und schläft noch einmal ein, nur um kurz danach von seinem Vater erneut geweckt zu werden.

„…und dann könnten wir uns ja eine kleine Pause in der Bergalm gönnen. Was meinst du, eh, Paule? Sag mal… schläfst du etwa immer noch? So haben wir nicht gewettet Freundchen! Schaff‘ dich aus dem Bett oder ich mach dir Beine! Is‘ ja nicht zu fassen mit dir. Einfach so…“

Paul versucht noch den letzten Zipfel seiner Bettdecke festzuhalten, aber er ist zu langsam und so segelt sie zur anderen Seite des Zimmers. In unerreichbare Ferne. Müde blinzelt Paul seinen Vater an, der sich in gespielter Empörung vor ihm aufgebaut hat wie ein Walross. Die Hände hat er in die Seiten gestemmt, das Kinn kampfeslustig vorgereckt, seinen Sohn herausfordernd anfunkelnd. Nur seine Augen verraten den Schalk in der Situation und als Paul den Pfannenwender sieht, der sich aufgrund der Pose auf dem Hemd seines Vaters verewigt, prustet er los, bald gefolgt von seinem Vater.

Und so sind die beiden wenig später, nach einem langen Frühstück mit viel Schabernack und Frohsinn, dann auch unterwegs. Jeder hat einen Rucksack geschultert, der Vater hat es sich sogar nicht nehmen lassen, Hut und Spazierstock zu wählen. Sie wandern durch den dichten Wald, welcher das gemeinsame Haus umgibt und die Sonne zwickt Paul in den, noch immer müden, Augen. Unter den Bäumen nimmt die drückende Hitze des Tages ein wenig ab, wird jedoch bald von einer beengenden schwüle ersetzt, sodass Paul froh ist, als der wald lichter wird und Platz schafft für den Fuß des Berges, den sich sein Vater heute als Ziel gesetzt hat. Erwartungsvoll steht er schon da, wie immer im beherzten Gang schneller als sein Sohn vorangeschritten.

Als sie beide dann am Fuß des Berges stehen, legt der Vater seinen Kopf in den Nacken, schiebt sich den Hut aus der Stirn und schaut eine Weile zum Gipfel. Paul, jetzt schon müde von der Wanderung, graust es ein wenig vor dem anstieg, doch da er seinen Vater kennt, erhebt er keine Einwände, auch wenn er viel lieber nichts getan hätte als das Ende des Tages in seinem bett abzuwarten.

„Weisst du, Paul… letzten Endes sind wir alle ersetzbar. Ich, Du, ein jeder Mensch der dir je wichtig war, wichtig ist und wichtig sein wird. Du magst ein Gefühl von Ihnen mögen und als unersetzbar empfinden… aber die Person die es dir vermittelt ist austauschbar. Denk‘ mal drüber nach. Wir sehen uns oben.“

Und mit diesen Worten stiefelt er davon, während Paul fassungslos seinem Vater hinterherstarrt.

Die Vögel zwitscherten an diesem Tag besonders deutlich, scheinbar hatte sich das Leben zu ihrem Gunsten entwickelt und sie fühlten sich heute besonders gut. Es wehte ein leichter Wind und das hohe Sommergras auf den Hängen verbeugte sich ein jedes Mal, wenn die Böen auf Besuch kamen. Roter Mohn, gelbe Arnika, blaue Glockenblumen und unzählige andere Blumen genossen mit voller Freude die Wärme der Sonne und wiegten sich im leichten Tanz mit dem Wind. Die ganze Welt strahlte eine besinnliche Ruhe aus, das es fast schmerzte in sie hineinzuhorchen. Kein Getier ließ sich vernehmen oder gar erspähen, es war die Mittagszeit und alles schien beschlossen zu haben zu ruhen. Dicke, weiße Wolken quollen über den Himmel; einer Herde Schafe, gut gesäubert für die Sommerschur, gleich zogen sie gemütlich über den Himmel und hielten nur kurz an den bergspitzen an, um ein wenig zu grasen. Einsam hallte der Schrei eines Adlers über den Berg, er selbst jedoch nur als dunkler Schemen am Himmel, mit bloßem Auge kaum mehr zu erkennen. Ganz als wäre die Welt von diesem geräusch aufgewacht, begann ringsumher auf den Wiesen ein wahres Brummkonzert, als sich ungezählte Bienen, Wespen, Hummeln, Brummer und anderes Insektentier in die Luft erhoben und ihrem Tagewerk erneut nachgingen. Salamander huschten über die sonnengewärmten Felsen, eilig Abstand suchend, Gemse sprangen davon und suchten ihre Herden. Alles geriet in Bewegung und Aufruhr, es war eine rechte Explosion des Lebens umher.

Lange sehen sich Vater und Sohn in die Augen, als Paul mit hochrotem Kopf an der Alm ankommt. Anschließend nimmt sein Vater ihn in die Arme und während sie so dastehen, sich selbst Halt gebend und Kraft aus dem anderen schöpfend, ist es Paul gleichgültig, ob er den Schweiß seines Vaters riecht, ob die Wärme ihrer Körper unangenehm klebrig ist… er ist glücklich.

„Ach Sohnemann. Das Leben geht immer weiter.“

Gezeter

Sonne. Tonnen davon. Stundenlang. Tagelang.
Sonne. Glücksbringer. Heilsbringer. Heiland des Sommers.
Sonne. Mutter allen Lebens. Erquicker dunkler Gemüter. Labsahl für die Seele.

Shut the fuck up.

Die Sonne, festgeklebt am Himmel, befreit von allen lindernden Wolken, brennt mit all ihrer Pracht und Herrlichkeit auf mich herunter und sagt mir, schon seit Stunden, damit ganz klar: mir ist schnuppe was du denkst, ich bringe dich heute zum platzen. Und ich denke mir… oder dachte mir, denn mittlerweile ist mein Hirn als zähflüssiger Schleim aus Ohren,Augen,Nase und Mund getröpfelt… whatever. Was ich mir also denken wollen würde, könnte ich noch klar denken ist:

Shut the fuck up!

Immer diese sonnenkultigen, Bockmistseiernden, gleichgeschalteten, lebensbewussten und daher ja so gesund lebenden Chimpansen, die meinen ein jeder Sonnenstrahl sei mt gewissen Pflichten gekoppelt.

1. Reisse dir alles vom Leib, das nicht unabdingbar zu deinem Körper gehört.
2. Jede Minute, die nicht der Wahrnehmung der gottgleichen Präsenz unseres geliebten Himmelskörpers gewidmet ist, erachte als verschwendet und damit einer aufrichtigen Verdammnis würdig.
3. Für jene armen Irren, welche sich unverständlicher- und wie aus 2. folgend verdammterweise NICHT an 1. und / oder 2. halten mögen, verwende 4.
4. KKnD

Zu 1. sei gesagt: wenn du hässlich bist… zieh dich nicht aus. Das meine ich jetzt nicht tiefsinnig oder so. Sondern komplett und ausschließlich sexistisch. Wirklich!
Zu 2. sei nur angemerkt, dass es ein verfickter Gaskörper ist, der nicht einmal klar „über“ uns steht.

Aber so sehr das nun verwirren mag: ich seh das nicht so negativ mit der Sonne.
Ich will nicht sagen, dass die Sonne der Feind ist, Vampire klasse sind und / oder sowieso Carpe Noctem! Ich bin keine 16 mehr. Ahaaber: Ich bin dennoch immer wieder ein wenig sprachlos, wen diese – öffentlich annerkannte und sich jährlich wiederholende- Hetzjagd auf alle beginnt, die nicht vor dem großen gelben Auge niederknien und ihm jene Ehrerbietung zuteil werden lassen, die doch so sebstverständlich gerechfertigt ist.

Ich bin irgendwo halt einfach kein Ork. Weder im niederknien, noch in der Sonnenaversion.

Sonne macht Spaß. Die Wärme kann auch sehr gut tun und sich im freien zu bewegen ist meist angenehmer, wenn man dabei nicht Angst um seine Extremitäten haben muss. Soweit bin ich ja einsichtig. Und auch mich wird man an Sommertagen eher auf einer Wiese als im Keller finden (auch wenn der Keller mit Wiese ausgelegt ist).

Sonne ist geil. Wirklich!

Nur halt kein Gott.