Life in silent mode

Sie redet und redet und redet.

Unauffällige Hinweise, dass ich gerade eigentlich nicht an dem unfreiwillig aufgedrückten Gespräch teilnehmen will ignoriert sie ebenso gekonnt wie alle Grenzen der Privatsphäre.
Ich kenne sie nicht einmal. Bis eben hatte ich nicht einmal eine Ahnung, dass es sie gibt. Bis eben saß ich noch gelassen in meiner  Lieblingsbäckerei, hatte mir einen Tee bestellt und wollte in der Atmosphäre dieser kleinen ruhigen Insel ein wenig treiben und schreiben.
Nun ist sie da, Kundin der Bäckerei und wie auch ich scheint sie sich wohl zu fühlen. Zumindest wirkt sie als sei sie in ihrem Wohnzimmer und alle Anwesenden ihre Papageien mit denen sie redet. Und redet. Und redet.

Kurzerhand entschlossen flüchte ich mich zumindest teilweise in Musik und stecke mir den Kopfhörer ins rechte Ohr. Das hindert sie zumindest daran mich direkt anzusprechen. Was jedoch ihren generellen Redefluss nur unmerklich reduziert. Während der Sänger von „The Parlor Mob“ mich vollseiert, dass er mich sehen will, betritt eine andere Kundin die Bäckerei und ergeht sich in minutenlangem lautem Überlegen, was nun zu tun sei, wo doch das geplante Brot nicht erhältlich sei.
Ich beschließe den zweiten Knopf ins Ohr zu schieben.
Die Welt wird Musik, ich kann schweigen.
Dabei fällt mir auf, dass ich trotz der vielen Worte, die in dem Raum gesprochen wurden und noch immer wie stickiger Smog die Luft in der Bäckerei schwängern, von meiner Seite und auch der der Bäckerin kaum etwas gesagt wurde.  Sie hat die Pflicht als Angestellte die Kundin zu unterhalten, doch ich konnte mich (relativ) unbemerkt aus dem anstrengenden Smalltalk ausklinken.
Losgelöst von der Situation betrachte ich die sich bewegenden, lautlosen Münder und lausche dem Auf und Ab von „God is an Astronaut“. So wie die Musik, verzettele auch ich mich in Gedanken und Tagträumen; die gedämpften Geräusche meine Umgebung scheinen in einem See aus Stille zu ertrinken.

Murakami schreibt:
„Ist man mit einem Toten in einen Raum, verstummen allmählich alle Laute.
Die Geräusche der Wirklichkeit draußen verlieren immer mehr an Realität.
Auch bedeutsame Geräusche verwandeln sich bald in Stille.
Eine Stille, die allmählich tiefer wird,wie Schlamm sich auf dem Meeresgrund sammelt.“

Wenn ich Musik höre, geht es mir oft so.
Die Welt verliert an Substanz,  ich höre auf ein Teil von ihr zu sein.
Und als erstes verflüchtigt sich meine Stimme. So kann es vorkommen, dass ich zu einem Treffen komme und keine Lust mehr habe zu reden. Nicht weil ich keine Lust auf Menschen habe – ich habe aufgehört mich mit Menschen zu treffen, wenn ich es nicht will (was mein Leben sehr vereinfacht hat) – sondern weil ich meine Stimme noch nicht wiedergefunden habe. Es ist als wäre ich auf stumm geschaltet worden und jemand hat die Fernbedienung versteckt.

Die Musik wird mir mit einem Mal zu laut.
„Rise against“ ist eine jener Bands, die ich immer hören kann und die es eigentlich nicht verdient auf leiser Lautstärke gehört zu werden; doch gerade ist alles zu laut. Ich drehe die Lautstärke runter.
Die Musik wird ausgetauscht vom Lärm der Straße, die Wirklichkeit legt sich wie ein Mantel um mich und empfängt mich auf ihre raue kalte Art gleich einmal mit einem Presslufthammer.

Mein Leben wirkt immer wieder wie ein schlecht verfasstes Skript voller Klischees und schlechten Pointen.

Ich drehte an der Lautstärke der Welt und der Musik, um einen Mittelweg zu finden; doch es ist alles zu laut. Über den Lärm der Welt beginne ich meine Gedanken in krasser Deutlichkeit wahrzunehmen. Sie hallen von meinen Schläfen wider, turnen hinter meinen Augen herum und rauschten durch die Trommelfelle.

Viel zu laut. Alles viel zu laut.

Und mir wird mir klar,
dass ICH zu laut bin.
Mein Reden,
mein Handeln;
alles ist übertrieben,
gestellt,
laut.

Ich raste aus.
Schreie mich an, zerschlage mein Ich in ungezählten Spiegeln, bis mir das Blut in Strömen über die Knöchel fließt. Die Scherben der zerschellenden Spiegel haben zudem meine Kleidung zerfetzt und aus einer Vielzahl Schnitte tropft klebrig dicker, roter Sud.
Doch meine Raserei ist noch nicht besänftigt.
Ich drücke die blutigen Ruinen dessen, was ich einmal Körper nannte auf die Trümmer um mich herum.
Das Glas schneidet mich weiter auf und ich schreie.
Vor Schmerz.
Vor Wut.
Vor Angst, Angst vor mir selbst.

Ich drehe die Lautstärke ganz auf. Rise Against wieder. Die Bässe vibrieren spürbar auf meinen Trommelfellen, während die einzelnen Schläge des Schlagzeugs zu stechenden Messern in meinem Kopf werden.

Although we have no obligation
to stay alive
On broken backs we beg for mercy
We will survive
I won’t be left here
behind closed doors

…schreit es mich an und meine Welt erbebt unter der Macht der Worte und der Stimme.

Der Lärm in meinem Kopf, aus meinen Kopfhörern und von außen verschmiert miteinander und wird zu einem bunten Rauschen. Der Schmerz in meinen Ohren betäubt mein Hirn und dort – in diesem zerstörerischen Strudel – gelange ich in das Auge des Sturms. Ruhe erfasst mich, Stille umgibt mein Herz, ganz so wie Murakami es geschrieben hat. Alles andere verblasst. Nur das es ausser mir in diesem Raum niemanden gab der sterben konnte.
Es wird still und ich erkenne, dass es sich nicht anders anfühlt als der Lärm davor. Die Grenzen sind verwischt. Ob ich noch im Auge stehe oder es nie eins gab kann ich nicht mehr sagen.

Ich stehe auf – in meiner stillen Welt – stelle meine Teetasse ab.
Meine Bäckerin schaut mich an, nickt nur leicht lächelnd und räumt das Geschirr weg.

Sie spricht nicht; ich auch nicht.

Es ist ja alles gesagt.

Steine und Menschen

Ich fühle mich schwer, plump und kalt. Ganz so als sei mein Körper aus Stein.

Meine Gedanken beginnen zu erstarren und mein Körper scheint Risse zu bekommen, aus denen das Leben in feinem, klebrigen Staub herausrinnt. Jede Bewegung, jede Erschütterung, ja sogar jeder Windstoß wirbelt eine dichte Wolke auf, die mich schleift, mir die Sicht nimmt und über meinem Kopf in unerreichbare Ferne entschwindet. Einzig der Hauch dessen, was von mir gegangen ist bleibt auf der wunden Hülle zurück.

Ich sollte schreien. Schreien ob der Risse, des schleifenden Saubs, der klaffenden Wunden die er zurücklässt. Doch mein Mund bleibt stumm. Wo Schmerzen sein sollten, ist nichts als Leere. Wo mich Verzweiflung überkommen sollte herrscht Apathie.

Mein Leben verlässt mich in einem beständigen Strom und ich zerstöre mich selbt, doch weigert sich alles in mir, den Verfall aufzuhalten. Wut auf mich selbst blockiert wie eine lodernde Wand, dass ich meine steinerne Hülle zerschmettere und von mir streife.

Ich fühle mich wie ein Stein an einem Berghang. Durch mein eigenes abschleifen nehme ich mir selbst den Halt, rutsche ich – oder vielmehr die Reste von mir – hilflos den Hang herab.

So sitze ich da, klein und kalt im Gefängnis meines Körpers, in vollem Bewusstsein meiner Selbst und hoffe darauf, aus einem Traum aufzuwachen der keiner ist.

Tall as a tree

„Wer Wurzeln schlägt, übersteht jeden Sturm.“

Diesen Satz predigte der Priester des kleinen Weilers, aus dem ich stamme, immer und immer wieder. Als ich noch sehr klein und jung war, erlebte ich danach immer die wildesten Abenteuer als Baummensch, meine Füße ein paar knorriger Wurzeln,  meine Finger gruselig flüsterndes Astwerk. Als ich dann nicht mehr so jung, aber noch immer klein war, verlor der Spruch für mich am Reiz. Wer Wurzeln schlug, der blieb stehen. Gefangen an einem Ort. Dabei gab die Welt so viel her, gab es so viel zu entdecken. Verschwendung, wer sich da lieber eingrub als losgelöst durch die Luft zu segeln.

Was dieser Satz wirklich heißt, wie wichtig er auch für mich geworden war,  dass wurde mir erst in späteren Jahren klar. Und wie die meisten der dauerhaften Erkenntnisse überkam sie mich urplötzlich,  ohne Vorwarnung und in vollem Lauf.

Ich ging durch den Wald, unterwegs zu einem Treffen romantischer Art an einem See. Es war ein sonniger Sommertag,  ganz so wie es sich für den Sommer gehört. Die Hitze wurde durch ein laues Lüftchen erträglich gestaltet,  einer der Gründe dafür, warum das Treffen am See stattfinden sollte. Nachdem mein Kutscher mich am Waldrand angesetzt hatte – mich hatte die Lust überkommen, den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen um mich vor dem Treffen noch ein wenig zu sammeln – ging ich somit also am diesem lauen Sommertag durch den lichten Sommerwald. Trotz der gedämpften Sonnenstrahlen war es unter dem Blätterdach keineswegs dunkel, höchstens ein wenig diesig. Gemütlich sickerte das Licht durch die in den Baumkronen und mache die staubige Luft im Wald sichtbar.

Wie ich also so vor mich hin ging,  kam es dass ich auch den Blick schweifen ließ. Dabei,  vielleicht hervorgerufen durch ein Glitzern in den Blättern oder eine Lücke in der Decke, lenkte sich mein Augenmerk auch nach oben. Wie es in einem Wald so passieren kann, war ich just in diesem Moment ganz in der Nähe eines riesigen Baums.

Und mit einem Schlag wurde mir die wahre Tragweite des alten, längst vergessen geglaubten Spruchs deutlich.

Dieser Baum war eine jener Bäume, die zu umfassen drei Menschen Schwierigkeiten gehabt hätten, dessen mächtige Arme einer kleinen Kompanie Schatten spenden könnten. Ein Blick auf dieses bombastische Monstrum genügte um mir klar zu machen: dieser Baum steht seit sehr langer Zeit und wird noch stehen, wenn du Geschichte geworden bist.

Neugierig geworden umrundete ich den Stamm und untersuchte den Verlauf der Pflanze. Stürme hatten seinen Wachstum das ein und andere mal rüde unterbrochen, Äste – von denen ein jeder so dick wie ein normaler Stamm gewesen sein mussten – waren abgeknickt worden und die Wucht des Windes hatte den Stamm seltsam verdreht zurückgelassen. Doch an jeder Stelle, an der ein Ast abgebrochen war, hatten zwei neue Leben gefunden. Trotz der verdrehten Hülle war der Stamm stetig weitergewachsen. Kleine schwarze Spuren verunstalteten die Rinde des Baums, doch waren sie das einzige Zeugnis vergangener Waldbrände.

Staunend wie ein kleines Kind lief ich mehrfach um den Waldriesen herum und legte mich schließlich in eine Mulde zwischen seinen Wurzeln an seinem Fuße. Vergessen waren Verabredungen, vergessen alle romantischen Absichten.

Ich hatte Ruhe gefunden. Mein neues Leben begann.

Hochzeitstanz

Der Tag neigt sich seinem Ende zu, doch schon lange ist es dunkel wie in tiefster Nacht. Gewitterwolken knechten den Himmel von Horizont zu Horizont und drücken ihn in die Knie, sodass es fast so wirkt als könne unser Boot hindurch stoßen wenn es auf einem der Wellenkämme reitet. Einzig das Licht der Laterne zu unseren Häuptern spendet tanzendes Licht, mit dem wir schemenhaft erkennen können was uns umgibt. Blitze durchbrechen wild zuckend die Dunkelheit hinter dem Schein der Lampe, in der sich Wasser und Himmel die Hand geben und ineinander verlieren.

Wir wohnen einer Hochzeit bei, einer wilden, stürmischen und gnadenlosen Hochzeit zwischen den tobenden Fluten unter uns und den brüllenden Wolken über uns. In einer irren Wut wirft uns das Meer umher, lässt uns auf Berge klettern um uns im nächsten Moment in bodenlose Schwärze stürzen zu lassen. Es wirft uns umher in seinem unbändigen Tanz, ringt mit unserem Boot und versucht uns in seinen eisigen Pranken zu zerschmettern. Der Himmel versucht Ihren herzlichsten Wunsch zu erfüllen, überschüttet unser Boot mit seinen endlosen Sturzbächen und drückt uns – mehr noch als die schweren, pechschwarzen, tief hängenden Wolkenmassen – in den Schoß seiner frisch angetrauten Braut.

Wir kämpfen um unsere kleine Hülle aus Holz und Tuch. Unermüdlich schöpfen wir die kalte Suppe aus Regen und Meerwasser zurück in die endlosen Wogen, Kälte lässt unsere Hände erstarren und aufplatzen, Salz frisst sich in die Wunden ein und beißt in den verkrusteten Wunden. Jeder Atemzug ist, als würde man Wasser atmen, so dicht fällt der Regen um uns herum. Doch wir kämpfen um unser kleines Boot, kämpfen um das Einzige, weshalb wir noch nicht am Grund des Ozeans liegen sondern weiterhin den rohen Gewalten um uns herum trotzen können. Wir schöpfen und schöpfen und schöpfen, stoisch, unentwegt, hartnäckig.

Während wir unseren Kampf bestreiten, ist das Licht unsere einzige Wärme, unsere einzige Hoffnung in der allumgebenden Dunkelheit. Einzig dieses unstete Flackern – jeden zweiten Herzschlag scheint es erlöschen zu wollen – ist geblieben von den Sonnenstrahlen des Tages, von den rauen Scherzen unserer Gruppe und dem Frohsinn auf baldige Rückkehr. Und doch begleitet es uns. Immer und immer wieder hat es genug Kraft aufzuzüngeln und sich selbst in sich selbst zu verzehren. Immer wieder stemmt es sich den fauchenden Winden entgegen, die jede Ritze der schützenden Laterne ausnutzen und wirft sich den erdrückenden Schatten um uns entgegen.

Es ist ein erbitterter, verbitternder Kampf, den wir alle führen. Der Kapitän mit dem Ruder, wir mit dem Wasser und die Lampe mit dem Wind, dem Wasser und dem Schwanken unseres Bootes. Es ist ein langes, endlos langsames Sterben und wenn ich innehalten würde und mir einen Moment Ruhe erbitten würde… Ich fürchte in diesem Moment würde unser Boot untergehen und mit ihm  meine Kameraden, der Kapitän und, zuletzt und mit leisem Zischen, die Laterne. Doch solange das Licht brennt schöpfen wir weiter; sterben wir weiter und hoffen auf ein Ende der Hochzeit, denn – so sind unsere Gebete – jede Nacht endet einmal.

Was uns das Leben lehrt

„Ich wusste, das war `ne Scheiß` Idee.“
Mir bleibt kaum die Zeit, diesen Gedanken klar zu formulieren, als schon der erste Wurfdolch an mir vorbeizischt und ich vollauf damit beschäftigt bin mein Leben zu retten. Ich werfe mich unter den Tisch und pralle hart auf dem Boden auf als der Tisch mehrfach heftig erbebt und eine Vielzahl Bolzen die Tischplatte unweit von mir durchhämmern. Ich sehe die zitternden Eisenbolzen neben mir vibrieren als einer von links gerannt kommt, ich höre ein Klimpern wie von Metall auf Glas und als der Heranstürmende anfängt zu brüllen reagiert mein Körper.
Ich rolle nach vorne, rein in den Wust aus Beinen um den Tisch, als dieser zu explodieren scheint. In dem Versuch den Schwung meiner Rolle auszunutzen komme ich, leicht strauchelnd, auf die Füße während hinter mir ein herabfallender Leuchter am Boden zerspringt und dabei den ersten Angreifer samt seiner riesigen Axt niederreißt. Ziellos ziehe ich meinen Dolch und nutze den Widerstand, den er trifft als Bremse. Blöderweise verhakt sich die Klinge und während mir brennender Schmerz den Arm empor lodert verliere ich meine einzige Waffe.
„Bei den Göttern… DUCK…“
Keine Pause. Mein Arm und ich schreien auf, als ich erneut auf den Boden pralle. Ich belaste die andere Seite, während ich meine Beine blindlings in eine Richtung schleudere. Als meine Füße zwischen ein Paar Beine geraten, ziehe ich sie schnell an mich heran und werde mit dem überraschten Schrei eines Angreifers belohnt. Ich kauere mich, noch seitlich liegend, zusammen, rolle dann auf die Knie und springe den nächst besten Widersacher vor mir an.
Wir, vielmehr sie, taumelt kurz und geht, wild rudernd, mit mir zu Boden. Ich schmecke Blut auf meinen Lippen, als mir die Stirn der Frau gegen den Mund haut und entfernt höre ich ein Knirschen, ob von meinen Zähnen oder ihrem Nasenbein kann ich nicht ausmachen. Wummernde Schmerzen im Kiefer und Tränen in den Augen begleiten mich, als ich die Schultern und den Gürtel der Frau als Steigbügel nutze und weiter springe.
Ich lande an den Beinen eines glücklicherweise eher schmächtigen Kerls, dessen Knie mit einem widerlichen Bersten meiner Masse nachgeben. Ich würde kotzen wenn ich innehalten könnte und mir bewusst machen könnte, was ich in den letzten Sekunden alles zerstückelt, zermalmt und durchbohrt werden sehen musste. Aber so wie mein Körper unter Spannung steht, bestehe ich nur aus Reflexen. Als ich wieder einmal in die Horizontale stürze und unter dem zuckenden Körper meines Opfers begraben werde, durchfahren mehrere dumpfe Stöße den Körper des nun schnell erschlaffenden Mannes. Einer der Bolzen ist scheinbar durch die Brust und die Rüstung der Leiche gedrungen, denn mein Rücken wird in siedenden Schmerz getaucht. Es gelingt mir, die Schmerzen in Kraft umzuwandeln und brüllend hieve ich mein Fleischschild von mir. Ich sehe rechts von mir Holz und krabbele schon in die Richtung, bevor mir klar wird, dass es Stufen sind.
„Weiter, immer weiter. Weiter“
Ich werde von hinten am Fuß gepackt, zwei Stufen zurückgezogen und als ich ungebremst mit dem Kinn auf die Kante knalle beiße ich mir ein Stück der Zunge ab. Ich strampele mich frei und schaffe es weiter die Treppe hoch. Ein Arm schießt von links heran, durch die Sprossen des Geländers und gnadenlos werfe ich mich dagegen. Erneut höre ich das Brechen von Knochen und lasse den Arm in unnatürlichem Winkel zurück.
Ich haste die Treppe hinauf, wie ein wildes Tier auf allen Vieren laufend, doch als ich auf der Balustrade ankomme muss ich erkennen, dass die Schützen mich schon erwarten. Ich kann nicht bremsen und vor Todesangst wild schreiend stürme auf die blitzenden Spitzen der Schussbereiten Bolzen zu. Ich kann trotz des Lärms um mich herum das Klicken hören, als die erste Armbrust ihre tödliche Fracht abschießt. Wahllos werfe ich mich von einer Seite zur anderen des Ganges und tatsächlich gelingt es mir den ersten Bolzen auszuweichen. Doch noch bevor sich das Triumphgefühl ausbreiten kann, spritzt mir Blut ins Gesicht. Mein Blut wie ich schmecke. Mein Bein gibt nach und ich sehe, das der letzte Bolzen glatt durch den Oberschenkel geschlagen ist.
„Der Letzte!“
Taumelnd krache ich gegen das Geländer der Balustrade und während mir die Luft aus den brennenden Lungen getrieben wird, gibt der Teil des Holzes nach, über den ich hänge. Getrieben von meinem eigenen Schwung überschlage ich mich ein halbes Mal in der Luft und falle in einem Splitterregen in den, merkwürdigerweise noch immer überfüllten, Schankraum zurück.
Ich knalle auf einen Tisch, der meinem Gewicht berstend nachgibt und noch im ohrenbetäubenden Lärm meines Sturzes bohrt sich ein handlanger Span der Tischplatte in mein rechtes Auge. Ich schlage dann – endlich – auf dem Boden auf und diesmal geben einige meiner Rippen dem Widerstand des wesentlich festeren Lehmbodens nach. Blut taucht mein Gesicht in klebrige Nässe und verstopft meinen Rachen als ich wimmernd auf den Rücken rolle und gerade noch den massigen Balken des Geländers auf mich herabfallen sehe.
Die Schmerzen in meiner Brust übertönen alle Gedanken und Geräusche als die wenigen intakten meiner Rippen gnadenlos eingedrückt werden und meine Lunge zerfetzen. Blut blubbert durch die Wunden und noch während mir der Atem schwindet dreht sich mein verbliebenes Auge mir einem krampfhaften Ruck nach hinten und mein Herz versagt mit einem letzten, den ganzen Körper durchzuckenden Schlag.Schreiend schrecke ich hoch, wild nach meinem Auge, meiner Brust fassend, verzweifelt nach Luft schnappend. Die Schankmaid, die hinter mir gerade abräumt zuckt mit einem hellen Schrei zusammen und lässt drei Krüge zu Boden fallen.
Während um mich herum ein kleiner Tumult entsteht, breitet sich in mir unsägliche Erleichterung aus, als ich feststelle, dass ich unversehrt und lebend auf meinem Stuhl sitze. Ich beginne zu grinsen, fast von Sinnen über mein Glück, als die Tür aufgeht und mein Kontaktmann reinkommt. Mein Grinsen erstarrt.
„Ich wusste, das war `ne Scheiß` Idee.“

Antwortschreiben des Eremiten an Seine Heiligkeit

Meist ist der Geist leer. Eine Leere, so weiß wie gebleichte Knochen legt sich über alles, was der Geist zu erdenken vermag. Jede noch so kleine Klarheit, jedes Wissen wird verschlungen von dem Sog, den dieses weiße Loch erzeugt. Und so sitzen wir, unfähig uns zu rühren oder zu befreien da und harren der Zukunft, verspricht sie doch ein winziges schwarzes Pünktchen. Das dunkle Licht am Horizont, welches nicht Helligkeit, sondern Schatten, Konturen birgt.
Wir sind uns bewusst, dass wir falsch vorgehen, wenn wir versuchen, die kühlenden Schatten herbei zu zwingen, unseren Geist mit Konturen, Bildern und Gestalten zu füllen. Doch wir zwingen es herbei, in der Hoffnung, dies eine Mal doch Erfolg zu haben, wohl wissend, dass wir im Ende nicht mehr bewirken werden, als dies Licht in noch weitere Ferne zu rücken.
So manch einer sagt, durch Ruhe des Geistes sei es herbei zu rufen, herbei zu locken. Doch erlangen wir dann endlich, nach endlosen Anstrengungen und Bemühungen, die Ruhe, so stellen wir fest, dass diese Ruhe kaum von dem Sturm zu unterscheiden ist, der uns sonst von dieser Ruhe ablenkt. Kommt der Geist zur Ruhe, finden wir uns im Zentrum des Wirbelwindes unserer Ablenkungen wieder, nur um festzustellen, dass das Auge des Sturms ein ungleich heftigerer, da konzentrierter, Orkan ist. Es reißt uns herum, zeigt all jene Dinge, die in den verhältnismäßig lauen Böen der Zerstreuung untergingen und rüttelt an den Festen unseres Geistes.
Nur all zu gern flüchten wir uns dementsprechend, so schnell es unserem zerrütteten Geist möglich ist, wieder in die Feste, welche wir in den vertrauten Filden der Kurzweil gebaut haben. Dort bleiben wir, in der Verbitterung des Misserfolgs, ermattet liegen und verfluchen jene, die uns dazu brachten, die Ruhe in unserem Geist zu suchen. Während wir dort liegen und verschnaufen, kehrt unser Geist sich jedoch wieder der bleichen Ebene zu, die unser inneres Auge bestimmt. Unendlich weit entfernt können wir, wenn wir uns anstrengen und hoffen, noch den schwarzen, erlösenden Punkt ausmachen, der nun nicht mehr allein Schatten und Konturen verheißt, sondern zum Inbegriff für Bewegung, für Leben geworden ist. Oder sehen wir doch nur die Täuschung, die wir selbst uns dort hingesetzt haben?
Wir verschnaufen, wir verharren. Und in dieser Verharrung beginnt die Ebene um uns herum sich zu verändern. Wir merken, dass die vormals eher einladend, einlullend wirkende Ebene feindselig zu werden beginnt. Auch wenn wir sie nicht sehen, machen wir doch die tödlichen Gruben aus die dort draußen unser harren. Wir fühlen die Gefahren, die geboren werden und über uns herfallen werden, wenn wir uns erneut hinauswagen. Doch wenn wir bleiben, wird die blendende Helligkeit der Ebene uns endgültig erblinden lassen, alle Konturen mit sich reißen und uns auf ewig als formlosen Schemen zurücklassen. Und so raffen wir uns erneut auf, ohne Hoffnung auf Erlösung, erneut den Weg unserer vermeintlichen Erlösung beschreitend.
Die erwarteten Gefahren bleiben nicht aus. Wenn wir uns genau konzentrieren, können wir sie sehen, direkt hinter uns, vor uns, im Sand vergraben, hinter dem Flimmern der Luft versteckt. Anspannung befällt uns, denn wenn wir die Konzentration verlieren, verlieren wir sie aus den Augen. Dann ist der Sand nur mehr Sand, die Luft nur mehr Luft und hinter uns nichts als unsere, bereits nahezu ausgelöschten, Fußspuren. Doch dass dort etwas ist, dass wissen wir. Und so bleiben wir angespannt, gefasst auf das nahende Verderben, unfähig uns dagegen zur Wehr zu setzen. Endlos lange verkrampfen wir uns so in erzwungener Aufmerksamkeit, stets bemüht jenen Fehler zu vermeiden, der uns garantiert das Leben kosten wird. Und schließlich passiert es doch, genau wie wir vorausgesagt haben. Wir stolpern, erschlagen von der Last die wir tragen und sofort sind sie heran, fallen über uns her und zwingen uns zu Boden. Wir sinken herab, ohnmächtig gegenüber der Wucht unseres Gegenübers, außer Stande uns von dem zu überzeugen was wir letztendlich doch einsehen müssen, während wir in den Sand hineingezogen werden und verschwinden.
Das Gesicht, welches unser Feind, all jene lang gefürchteten Gefahren, tragen, ist unser.

Mit Schrecken wachen wir dann auf, eingegraben in den Sand und unsere Augen sehen nichts. Schwärze umgibt uns, endlose, tief mit den Schatten verwurzelte Dunkelheit. Klarheit erfasst uns, tiefe, verstehende Klarheit. Doch wenn wir versuchen, sie zu greifen, sind unsere Arme gefesselt von der Masse des Sandes. So liegt die Klarheit kurz vor uns, wir erahnen sie auch, doch wir können sie nicht fassen. Kurz suhlen wir uns in dem Gefühl, dem Verstehen, dass uns umgibt. Wir fühlen das Spannen unserer Sehnen, die über die Fingerknöchel gleiten, das Schlagen unseres Herzens. Obwohl erblindet sehen wir mit einer Klarheit, die der Welt eine Maske der Kunst anzieht. Wir stehen außerhalb der Zeit, spüren mit all unseren Sinnen Wärme, Gefühle, Auren und verstehen. Wir verstehen.
Dann jedoch endet dieser Moment, die Klarheit verlässt uns und zurück bleibt nicht mehr als die dumpfe Gewissheit, von einer Wahrheit kaum mehr als eine Handbreit entfernt gewesen zu sein. Wir sehen uns noch danach, als uns die Ebene wieder ausspuckt, nun wieder die wohl gesonnene Leere, die sie zuvor war. Doch wir sind wieder dort, wo wir begonnen hatten, wieder endlos entfernt unseres Ziels. Hier mag manch einer verzweifeln, sich in Lethargie und Niedergeschlagenheit begeben, einzig beseelt von der Hoffnung, dies Unglück vergessen zu können, indem man es nicht beachte. Manch einer mag auch verzweifeln und ganz aufgeben, auf ewig gefangen in den Weiten der Leere. Meist wird man sich nun mit der Ebene arrangieren, auf Dauer feststellen, dass auch ohne die klaren Konturen dessen was wir in unserem Ziel erhofft hatten in dieser Ebene Formen zu finden sind
Manchmal, sehr selten, entflammt in uns jedoch der innige Wunsch, die Seeligkeit jenes Momentes unter dem Boden erneut herbeizuführen. Und so sinnen wir, wie es zu bewerkstelligen sei, welche Wagnisse von Nöten seien und was unser Lohn sei. Wir verharren einerseits in der Angst dessen, was wir noch all zu klar in Gedanken haben. Erinnern uns an die peitschenden Winde der Ruhe, als wir unseren Geist zur Ruhe kommen ließen. Lassen die peinigende Qual jener Zeit erneut an uns vorbei rinnen, als wir – in der Furcht vor Fehlern – endlose Zeiten aufs äußerste gespannt waren. Dann jedoch erinnern wir uns an diesen einen Moment. An jene Klarheit die uns umgab. Die Wärme, Geborgenheit. Es ist schwer, sich zu entscheiden, ob die Wagnisse jenen kurzen Moment wert sind. Doch wenn wir uns auf diesen Weg begeben, lernen wir, dass die kurzen Momente nicht herbei zu führen sind. Wir können sie nicht erzwingen, nicht herbei locken. Und schon sind wir erneut erinnert an unser damaliges Ziel, jenen dunklen, Formen versprechenden Punkt, der unser Dasein bestimmte. Angst umklammert das Herz in jenem Moment, Zweifel peitschen die Winde unseres Geistes auf und so wir in jenem Moment in Ruhe verweilten, so erfordert es all unsere Kraft, nicht herausgefegt zu werden aus den wirbelnden Wogen des ruhenden Sturms.
Doch wir können weiter schreiten. Können uns erneut zur Ruhe bringen, uns erneut fortbewegen. Doch abgesehen von jenen zufälligen, unverhofften Momenten der Klarheit, bleibt uns über lange Zeit die Klarheit verwehrt. Wir bewegen uns zwischen dem Zwang, die Klarheit zu erlangen und dem Druck, unter der stetig größer werdenden Anstrengung unterzugehen. So gehen wir, hin und her gerissen von den Winden unseres Geistes, der so manches mal auch die Leere der Ebene aufzupeitschen vermag, stets in der Hoffnung, jenen Punkt zu sehen, an dem kein Wind weht, an dem vollkommene Ruhe herrscht.