Du weißt es noch nicht XII

Ich gehe voraus; 
Nur ein kleines Stück.

Eil, renn, spring!
Fall, stürz, blute!
Forder das Leben heraus!

Fahr, segle, flieg!
Schwimm, tauch, atme!
Stürz dich ins Leben! 

Ich gehe voraus;
Warte nicht auf mich.

In den hellen und
Den dunklen Stunden:
Stell dich dem Leben!

In den zarten und
den harten Farben:
Zeichne du dein Leben!

Ich gehe voraus;
Bis wir uns wiedersehen. 

Ich bin
War
Werde
Immer bei dir sein.

Du weißt es noch nicht,
Aber du wirst es wissen.

Bis dahin.

Mein Weg

Ich gehe meinen Weg,
Denn höhnische Worte
Aus fremdem Mund
Klingen leise wider
in hohlen Knochen
Vergessener Gebeine

Ich gehe meinen Weg,
Denn dunkle Blicke
Aus leeren Augen
Sind bald erloschen
Auf kalten Haufen
Bleicher Schädel

Ich gehe meinen Weg,
Denn einzig mich
Will ich tragen
Pflegen und umsorgen
Ernten was ich
Selbst gesäht

Ich gehe meinen Weg,
Mein Tempo
Mein Stil
Mein Wunsch
Mein Befehl

Ich gehe meinen Weg,
Denn ich will
In mir
In meinem Ich
Suchen
Nach dem Ich

Steine und Menschen

Ich fühle mich schwer, plump und kalt. Ganz so als sei mein Körper aus Stein.

Meine Gedanken beginnen zu erstarren und mein Körper scheint Risse zu bekommen, aus denen das Leben in feinem, klebrigen Staub herausrinnt. Jede Bewegung, jede Erschütterung, ja sogar jeder Windstoß wirbelt eine dichte Wolke auf, die mich schleift, mir die Sicht nimmt und über meinem Kopf in unerreichbare Ferne entschwindet. Einzig der Hauch dessen, was von mir gegangen ist bleibt auf der wunden Hülle zurück.

Ich sollte schreien. Schreien ob der Risse, des schleifenden Saubs, der klaffenden Wunden die er zurücklässt. Doch mein Mund bleibt stumm. Wo Schmerzen sein sollten, ist nichts als Leere. Wo mich Verzweiflung überkommen sollte herrscht Apathie.

Mein Leben verlässt mich in einem beständigen Strom und ich zerstöre mich selbt, doch weigert sich alles in mir, den Verfall aufzuhalten. Wut auf mich selbst blockiert wie eine lodernde Wand, dass ich meine steinerne Hülle zerschmettere und von mir streife.

Ich fühle mich wie ein Stein an einem Berghang. Durch mein eigenes abschleifen nehme ich mir selbst den Halt, rutsche ich – oder vielmehr die Reste von mir – hilflos den Hang herab.

So sitze ich da, klein und kalt im Gefängnis meines Körpers, in vollem Bewusstsein meiner Selbst und hoffe darauf, aus einem Traum aufzuwachen der keiner ist.

Und ich…

Ihr, stolzgeschwellte Brust, eingezogener Arsch und dem Hirn entsagend.
Ihr, gebeutelt vom schweren Los des Testosteron.
Ihr, den Platz um euch herum ein- und wegnehmend.
Ihr, denen die Welt gehört, wäre sie nicht von Größeren besetzt.
Und ich, der ich lächle.

Ihr, verbittert im Ausbruch aus der Knechtschaft des Alltags.
Ihr, aufgedonnert in dem Versuch der Mittelmäßigkeit zu entkommen.
Ihr, so einzigartig, dass ihr alle gleich seid.
Ihr, die ihr so angestrengt gesehen werden wollt, aber niemals seht.
Und ich, der ich lächle.

Ihr, die ihr seid wer ihr seid.
Ihr, die ihr genießt was um euch und in euch passiert.
Ihr, die ihr seht und kopfschüttelnd lacht.
Ihr, die ihr ganz im Jetzt seid und darin aufgeht.
Und ich, der ich lächle.

Ihr, Wächter für erwachsene Kinder, behütend und verhätschelnd.
Ihr, deren Berufung es ist, aufzupassen und zu schützen.
Ihr, rastlos und immer auf der Hut.
Ihr, alle Verantwortung übernehmend, und das „Eigen“ vergessend.
Und ich, der ich lächle.

Ihr, kreischend und tobend.
Ihr, schubsend, rempelnd und trampelnd.
Ihr, mit verklebten Kleidern und Leibern.
Ihr, zerstörte, blutüberströmte Ruinen.

Und ich, der ich lächle.

Hochzeitstanz

Der Tag neigt sich seinem Ende zu, doch schon lange ist es dunkel wie in tiefster Nacht. Gewitterwolken knechten den Himmel von Horizont zu Horizont und drücken ihn in die Knie, sodass es fast so wirkt als könne unser Boot hindurch stoßen wenn es auf einem der Wellenkämme reitet. Einzig das Licht der Laterne zu unseren Häuptern spendet tanzendes Licht, mit dem wir schemenhaft erkennen können was uns umgibt. Blitze durchbrechen wild zuckend die Dunkelheit hinter dem Schein der Lampe, in der sich Wasser und Himmel die Hand geben und ineinander verlieren.

Wir wohnen einer Hochzeit bei, einer wilden, stürmischen und gnadenlosen Hochzeit zwischen den tobenden Fluten unter uns und den brüllenden Wolken über uns. In einer irren Wut wirft uns das Meer umher, lässt uns auf Berge klettern um uns im nächsten Moment in bodenlose Schwärze stürzen zu lassen. Es wirft uns umher in seinem unbändigen Tanz, ringt mit unserem Boot und versucht uns in seinen eisigen Pranken zu zerschmettern. Der Himmel versucht Ihren herzlichsten Wunsch zu erfüllen, überschüttet unser Boot mit seinen endlosen Sturzbächen und drückt uns – mehr noch als die schweren, pechschwarzen, tief hängenden Wolkenmassen – in den Schoß seiner frisch angetrauten Braut.

Wir kämpfen um unsere kleine Hülle aus Holz und Tuch. Unermüdlich schöpfen wir die kalte Suppe aus Regen und Meerwasser zurück in die endlosen Wogen, Kälte lässt unsere Hände erstarren und aufplatzen, Salz frisst sich in die Wunden ein und beißt in den verkrusteten Wunden. Jeder Atemzug ist, als würde man Wasser atmen, so dicht fällt der Regen um uns herum. Doch wir kämpfen um unser kleines Boot, kämpfen um das Einzige, weshalb wir noch nicht am Grund des Ozeans liegen sondern weiterhin den rohen Gewalten um uns herum trotzen können. Wir schöpfen und schöpfen und schöpfen, stoisch, unentwegt, hartnäckig.

Während wir unseren Kampf bestreiten, ist das Licht unsere einzige Wärme, unsere einzige Hoffnung in der allumgebenden Dunkelheit. Einzig dieses unstete Flackern – jeden zweiten Herzschlag scheint es erlöschen zu wollen – ist geblieben von den Sonnenstrahlen des Tages, von den rauen Scherzen unserer Gruppe und dem Frohsinn auf baldige Rückkehr. Und doch begleitet es uns. Immer und immer wieder hat es genug Kraft aufzuzüngeln und sich selbst in sich selbst zu verzehren. Immer wieder stemmt es sich den fauchenden Winden entgegen, die jede Ritze der schützenden Laterne ausnutzen und wirft sich den erdrückenden Schatten um uns entgegen.

Es ist ein erbitterter, verbitternder Kampf, den wir alle führen. Der Kapitän mit dem Ruder, wir mit dem Wasser und die Lampe mit dem Wind, dem Wasser und dem Schwanken unseres Bootes. Es ist ein langes, endlos langsames Sterben und wenn ich innehalten würde und mir einen Moment Ruhe erbitten würde… Ich fürchte in diesem Moment würde unser Boot untergehen und mit ihm  meine Kameraden, der Kapitän und, zuletzt und mit leisem Zischen, die Laterne. Doch solange das Licht brennt schöpfen wir weiter; sterben wir weiter und hoffen auf ein Ende der Hochzeit, denn – so sind unsere Gebete – jede Nacht endet einmal.

Neulich, so nebenbei…

Neulich, so nebenbei habe ich über den Tod nachgedacht.
Und er hat mich nicht gestört.
Neulich, so nebenbei habe ich über das Leben nachgedacht.
Und es hat mich nicht gefreut.
Neulich, so nebenbei habe ich über die Ferne nachgedacht.
Und sie hat mich nicht gereizt.
Neulich, so nebenbei habe ich über die Nähe nachgedacht.
Und sie hat mich nicht berührt.

Neulich, so nebenbei habe ich über mich nachgedacht.
Und es kam mir komisch vor.

Ich dachte über den Tod nach. Er hat mir Respekt abverlangt.
Ich dachte über das Leben nach. Es hat mir Bewunderung abverlangt.
Ich dachte über die Ferne nach. Sie hat mir Sehnsucht abverlangt.
Ich dachte über die Nähe nach. Sie hat mir Rührung abverlangt.

Ich dachte über mich nach. Ich denke zuviel!