Was uns das Leben lehrt

„Ich wusste, das war `ne Scheiß` Idee.“
Mir bleibt kaum die Zeit, diesen Gedanken klar zu formulieren, als schon der erste Wurfdolch an mir vorbeizischt und ich vollauf damit beschäftigt bin mein Leben zu retten. Ich werfe mich unter den Tisch und pralle hart auf dem Boden auf als der Tisch mehrfach heftig erbebt und eine Vielzahl Bolzen die Tischplatte unweit von mir durchhämmern. Ich sehe die zitternden Eisenbolzen neben mir vibrieren als einer von links gerannt kommt, ich höre ein Klimpern wie von Metall auf Glas und als der Heranstürmende anfängt zu brüllen reagiert mein Körper.
Ich rolle nach vorne, rein in den Wust aus Beinen um den Tisch, als dieser zu explodieren scheint. In dem Versuch den Schwung meiner Rolle auszunutzen komme ich, leicht strauchelnd, auf die Füße während hinter mir ein herabfallender Leuchter am Boden zerspringt und dabei den ersten Angreifer samt seiner riesigen Axt niederreißt. Ziellos ziehe ich meinen Dolch und nutze den Widerstand, den er trifft als Bremse. Blöderweise verhakt sich die Klinge und während mir brennender Schmerz den Arm empor lodert verliere ich meine einzige Waffe.
„Bei den Göttern… DUCK…“
Keine Pause. Mein Arm und ich schreien auf, als ich erneut auf den Boden pralle. Ich belaste die andere Seite, während ich meine Beine blindlings in eine Richtung schleudere. Als meine Füße zwischen ein Paar Beine geraten, ziehe ich sie schnell an mich heran und werde mit dem überraschten Schrei eines Angreifers belohnt. Ich kauere mich, noch seitlich liegend, zusammen, rolle dann auf die Knie und springe den nächst besten Widersacher vor mir an.
Wir, vielmehr sie, taumelt kurz und geht, wild rudernd, mit mir zu Boden. Ich schmecke Blut auf meinen Lippen, als mir die Stirn der Frau gegen den Mund haut und entfernt höre ich ein Knirschen, ob von meinen Zähnen oder ihrem Nasenbein kann ich nicht ausmachen. Wummernde Schmerzen im Kiefer und Tränen in den Augen begleiten mich, als ich die Schultern und den Gürtel der Frau als Steigbügel nutze und weiter springe.
Ich lande an den Beinen eines glücklicherweise eher schmächtigen Kerls, dessen Knie mit einem widerlichen Bersten meiner Masse nachgeben. Ich würde kotzen wenn ich innehalten könnte und mir bewusst machen könnte, was ich in den letzten Sekunden alles zerstückelt, zermalmt und durchbohrt werden sehen musste. Aber so wie mein Körper unter Spannung steht, bestehe ich nur aus Reflexen. Als ich wieder einmal in die Horizontale stürze und unter dem zuckenden Körper meines Opfers begraben werde, durchfahren mehrere dumpfe Stöße den Körper des nun schnell erschlaffenden Mannes. Einer der Bolzen ist scheinbar durch die Brust und die Rüstung der Leiche gedrungen, denn mein Rücken wird in siedenden Schmerz getaucht. Es gelingt mir, die Schmerzen in Kraft umzuwandeln und brüllend hieve ich mein Fleischschild von mir. Ich sehe rechts von mir Holz und krabbele schon in die Richtung, bevor mir klar wird, dass es Stufen sind.
„Weiter, immer weiter. Weiter“
Ich werde von hinten am Fuß gepackt, zwei Stufen zurückgezogen und als ich ungebremst mit dem Kinn auf die Kante knalle beiße ich mir ein Stück der Zunge ab. Ich strampele mich frei und schaffe es weiter die Treppe hoch. Ein Arm schießt von links heran, durch die Sprossen des Geländers und gnadenlos werfe ich mich dagegen. Erneut höre ich das Brechen von Knochen und lasse den Arm in unnatürlichem Winkel zurück.
Ich haste die Treppe hinauf, wie ein wildes Tier auf allen Vieren laufend, doch als ich auf der Balustrade ankomme muss ich erkennen, dass die Schützen mich schon erwarten. Ich kann nicht bremsen und vor Todesangst wild schreiend stürme auf die blitzenden Spitzen der Schussbereiten Bolzen zu. Ich kann trotz des Lärms um mich herum das Klicken hören, als die erste Armbrust ihre tödliche Fracht abschießt. Wahllos werfe ich mich von einer Seite zur anderen des Ganges und tatsächlich gelingt es mir den ersten Bolzen auszuweichen. Doch noch bevor sich das Triumphgefühl ausbreiten kann, spritzt mir Blut ins Gesicht. Mein Blut wie ich schmecke. Mein Bein gibt nach und ich sehe, das der letzte Bolzen glatt durch den Oberschenkel geschlagen ist.
„Der Letzte!“
Taumelnd krache ich gegen das Geländer der Balustrade und während mir die Luft aus den brennenden Lungen getrieben wird, gibt der Teil des Holzes nach, über den ich hänge. Getrieben von meinem eigenen Schwung überschlage ich mich ein halbes Mal in der Luft und falle in einem Splitterregen in den, merkwürdigerweise noch immer überfüllten, Schankraum zurück.
Ich knalle auf einen Tisch, der meinem Gewicht berstend nachgibt und noch im ohrenbetäubenden Lärm meines Sturzes bohrt sich ein handlanger Span der Tischplatte in mein rechtes Auge. Ich schlage dann – endlich – auf dem Boden auf und diesmal geben einige meiner Rippen dem Widerstand des wesentlich festeren Lehmbodens nach. Blut taucht mein Gesicht in klebrige Nässe und verstopft meinen Rachen als ich wimmernd auf den Rücken rolle und gerade noch den massigen Balken des Geländers auf mich herabfallen sehe.
Die Schmerzen in meiner Brust übertönen alle Gedanken und Geräusche als die wenigen intakten meiner Rippen gnadenlos eingedrückt werden und meine Lunge zerfetzen. Blut blubbert durch die Wunden und noch während mir der Atem schwindet dreht sich mein verbliebenes Auge mir einem krampfhaften Ruck nach hinten und mein Herz versagt mit einem letzten, den ganzen Körper durchzuckenden Schlag.Schreiend schrecke ich hoch, wild nach meinem Auge, meiner Brust fassend, verzweifelt nach Luft schnappend. Die Schankmaid, die hinter mir gerade abräumt zuckt mit einem hellen Schrei zusammen und lässt drei Krüge zu Boden fallen.
Während um mich herum ein kleiner Tumult entsteht, breitet sich in mir unsägliche Erleichterung aus, als ich feststelle, dass ich unversehrt und lebend auf meinem Stuhl sitze. Ich beginne zu grinsen, fast von Sinnen über mein Glück, als die Tür aufgeht und mein Kontaktmann reinkommt. Mein Grinsen erstarrt.
„Ich wusste, das war `ne Scheiß` Idee.“

Stille und Schatten

Asche, flackernde Ruinen von Holz und das faulige Licht des Mondes waren seine einzigen Begleiter in dieser Nacht. Seine Gefährten hatten, einer nach dem anderen, in so ferner Vergangenheit ihr Ende gefunden, dass es ihm schien als sei dies jenseits aller Zeit gewesen. Zuletzt hatte Zwietracht die letzten beiden von ihm getragen, ihre Gesichter verzerrte Masken des Hasses. Seitdem war er allein und wartete. Worauf? Er konnte es nicht deuten. Die abgebrochenen Überreste verkohlter Stümpfe markierten ein einsames Reich, in dem ihm lediglich Stille und Schatten Untertan waren.
Er hatte die Zeit schon längst vergessen, versunken in einem Halbtraum dessen Ursprung hinter ihm lag, halb vergessen, halb verdrängt als ein Schleier, dessen Dornen nur hin und wieder stachen.
Zwischen längst verrotteten Möbeln und schimmelnden Abfällen saß er zusammengesunken da und verging sich in seinen Gedanken, deren Anfang und Ende verschwammen und für ihn nicht mehr erkennbar waren.
Schon lange hatte er niemanden mehr gesehen, selbst die Tiere des Waldes mieden seine Lagerstätte als hafte ihr ein Fluch an.
Irgendwann wechselte das fahle Schimmern des Mondes in das dumpfe Licht der Morgendämmerung über und mit ihr kamen schwarze, schwere Wolken.
Müde, ausgezehrt und kraftlos blickte er auf, als die ersten dicken, eiskalten Tropfen seinen Nacken herunter rannen und ihn mit einem prickelnden Schauer in die Wirklichkeit zurückholten. Sein Blick driftete auf die verfallene Mauer, die ihm gegenüber stand und ihm fiel ein kleiner Vogel auf, der sich, ängstlich Schutz suchend, in ein bemoostes Loch drückte.
Während er dem kleinen Geschöpf bei seinen erfolglosen Bemühungen zusah nahm der Regen stetig zu. Und als die schwarzen Wolken alles Tageslicht verbannt und die Tropfen das kleine Feuer gelöscht hatten, konnte man ein leichtes, glückliches Lächeln auf seinem Gesicht sehen.
Danach kehrte Stille ein und lud die Schatten ein in der kalten Leere der modrigen Räume Hof zu halten.

Die Motte

Die Motte umflatterte den Lampenschirm, emsig mit ihren klebrigen, haarigen Flügeln schlagend. Beinahe besinnungslos von den Aufschlägen auf der rauen Oberfläche des Schirmes, der ihren beharrlichen Anstürmen noch immer die Starrheit seines Seins entgegenbrachte, trieb es sie doch immer und immer wieder zu dem Leuchten des flackernden Scheins, der innerhalb der Hülle aus Tierhaut brannte.
Es muss sie wahnsinnig machen, dem Ziel ihres Strebens so nahe zu sein. Gibt es in ihr kein verborgenes Wissen um die Gefährlichkeit der Flamme? Wieso strebt sie stets weiter, allen Widerständen zum Trotz, zu dieser?! Ist es das Flackern der Flammen? Sind es die Schatten, die das Feuer vertrieb und gleichzeitig beschwor? Ist es das Flimmern einer Vision, das sie hinter den Flammen, innerhalb des Feuers zu erkennen meint? Warum nur beherrscht dieses Gebilde aus brennendem Öl ein lebendes Wesen so absolut?
Immer noch hielt das Leder dem Treiben der Motte inne, doch wenn man genauer hinsah – und das tat er – dann konnte man erkennen, dass die Anflüge drängender, begehrender wurden. In dem gleichen Maße, wie ihre Gier wuchs, verlor sie jedoch ihre Eleganz. Das Fliegen des Ungeziefers verlor an Zielstrebigkeit, es schien nunmehr wie ein Taumeln, ein nahezu willenloses Heranstürmen. Sie war einzig beherrscht von dem Gedanken jene Flammen zu erreichen, die ihren Geist bereits verzehrt hatten.
Sieht sie nicht die Kadaver ihrer Artgenossen? Bemerkt sie nicht den knochentrockenen Geruch, der dort oben noch in der Luft liegen muss, der Gestank der verbrannten Glieder ihrer Vorgänger? Oder lockt er sie nur noch weiter? Ist es nicht einmal das Flackern der Flammen das sie fesselt, sondern der Verwesungsgeruch jener Unglücklichen, die scheiterten, wo sie zu brillieren sucht? Ist es der Glaube an eine Einzigartigkeit? Oder schlicht Dummheit? Wahnsinn? Übersteigerter Ehrgeiz? Was immer es ist, es treibt sie in den sicheren Tod.
Endlich hatte die Motte das Loch ganz oben in der Lampe gefunden, durch das Luft entströmte. Die Hitze dieser Winde trieb sie weg von den Flammen. Doch schon näherte sie sich erneut der klein anmutenden Lücke in der gigantisch scheinenden Barriere, jener Passage zu ihrem angestrebten Glück. Wieder und wieder schleuderte es sie weg von der Öffnung, egal von welcher Richtung sie sie anflog, vollkommen unerheblich, mit welcher Kraft sie sich mühte.
Es hat keinen Sinn. Gib auf! Du wirst nie hindurch kommen. Und selbst wenn du es schaffst, allein die Hitze wird die Haare deines Körpers versengen, die feinen Fühler verbrennen. Du wirst nur Schmerzen leiden, elendig um dein Leben kämpfen bis du letztlich, erschöpft von deinem Kampf, in die Flammen, die du so begehrtest, sinkst um dort zu vergehen.
Unaufhaltsam, wie das Vergehen der Zeit, der Wandel der Welt um sie herum, gewann die Motte das Ringen mit den Luftströmen, immer näher kam sie der Öffnung, bis sie, endlich, hindurchschlüpfte, nun nicht viel mehr als ein Schatten hinter der verwischenden Hülle der gegerbten Haut. Es brauchte wenig Vorstellungskraft, den nun entbrennenden verzweifelten Kampf der Motte zu verfolgen. Es kam, wie er befürchtet hatte. Erstaunlich war jedoch, dass das Flattervieh noch immer, von Momenten der endlosen Begierde überschwemmt, umdrehte und direkt auf die Flammen zuflog. Erst als die Schmerzen sie aus diesem Wahnsinn herausrissen, begann Ihre, schon längst sinnlose Flucht, von neuem. Endlos lange schien es, bis die Bewegungen der Motte erstarben, bis sie in ihrem hektischen Flattern vollkommen erstarb und sich zu ihren Artgenossen legte, den letzten Rest ihres Geistes in die Glut hauchend.
Seufzend lenkte er den Blick von der Lampe weg. Das Schauspiel war zu Ende, der Vorhang gefallen. Er ließ die Augen durch den Raum schweifen und letztendlich auf dem Tisch vor ihm enden. Jemand hatte scheinbar in den letzten Minuten eine Kerze darauf gestellt. Er hatte es nicht einmal bemerkt, so sehr hatte ihn der Kampf der Motte gebannt. Nun brannte die Kerze dort, flackerte munter vor sich hin. Es hatte etwas Faszinierendes, dem Wachsen und Sterben dieser Flamme zuzuschauen. Neues Leben aus dem Wachs ziehend, es verzehrend und durch die Schnur des Dochtes in einem einzigen, vollkommenen Glutbündel auszuspeien. Das Spiel der Schatten auf der Tischplatte, auf seinen Händen. Und flimmerte dort nicht Etwas? Genau da! Direkt hinter… Nein… in den Flammen.