Eigentlich könnten wir…

Wollte ich die Umgebung in einem Satz beschreiben, so käme „ein Baumhaus für vier Erwachsene inmitten einer Stadt“ dem vermutlich sehr nah. Ein bizarres Konstrukt von Wohnung, sehr eng aber lang gezogen. Gemütlich in der Grundstimmung, an einer Wand über und über mit unterschiedlichsten Büchern zugeballert. Licht verfängt sich im Staub, ganz so wie es sich für einen Raum mit vielen Büchern gehört. Überall sind Stufen, Absätze, Brüche in der Bodenebene und Balkenenden. Dazwischen hängen Töpfe, Jacken, Handtücher, Bilder, Schals, Zettel, Dekokram. Ein wahrer Flickenteppich verschiedener Leben, eben ganz so als wären ein paar Erwachsene in einen Baum gezogen und hätten dort sowas wie eine Wohngemeinschaft gegründet. Ja Erwachsene. Nicht so eine dieser lieblosen, chaotischen Jungerwachsenengemeinschaftsvermüllungszentren. Das Chaos hier hat Stil. Bewusstsein. Und ich kann es förmlich einatmen in seiner Gelassenheit.

An einem Ende der Wohnung befindet sich eine zwei Stufen tiefer sitzende ‚Etage‘ von welcher dennoch ein Blick durch die ganze Wohnung möglich ist – mit Ausnahme der Küche, welche ganz am anderen Ende hinten links abknickt. Dort sitze ich, vermutlich auf einem Sessel und schaue auf die gegenüberliegenden Häuserfront. Denn irgendwie endet die Wohnung zur Straße hin einfach mit einem kleinen Podest, eben auf der Seite wo auch die Bücherregale stehen. Keine Wand versperrt die Sicht, kein Geländer bewahrt vor dem Fall. Dort ist einfach offen, mit einem -kuschelig eingerichtet mit flauschigem Teppich und großen Kissen – Lesepodest als halbseitigem Abschluss. Sehr poetisch steckt in der freien Ecke des Podests so etwas wie eine Fackelhalterung und die Bretterwände enden nach außen gewölbt; ein wenig erinnert das an eine explodierte Büchse in einem Cartoon. Da es niemand wundert, muss es wohl so sein und auch ich beachte es nicht weiter. Alles schmeckt nach Kommen und Gehen und mein Kopf denkt an einen Jugendclub.

Es geht, im an mir vorbeifließenden Geschehen, viel um irgendeine Modelleisenbahn. Einmal wird sie abgebaut, dann wieder aufgebaut, anders diesmal. Kompakter, nicht auf der Bücherseite einmal durch die halbe Wohnung – wie es sich meiner Meinung nach angeboten hätte – sondern nur auf der Ebene auf der auch ich ungefähr sitze. Ungefähr, da auch hier wieder viele unterschiedliche Ebenen im Boden sind und so endet die Bahn in einer ungestörten Ecke, ungefähr eine halbe Armeslänge von mir entfernt. Links von ihr eine große Stufe nach oben die übergeht in ein Regal voller Bücher, hinter ihr die Bretterwand und rechts Platz zum sitzen und abschließend das Podest vor dem Nichts.

Der Aufbau passiert mit einer mir fremden Person, sie entschwindet später und zurück bleibt der Eindruck einer dunkelhäutigen, kurzhaarigen Schönheit und das Gefühl angenehmer Konversation. Im Hintergrund wuselt irgendeine dritte Person in der Küche herum. Ein Mann, schwarze krause Haare und eine unbestimmte aber lang gewachsene Figur. Er trägt eine Brille -muß er tragen, so sehr brennt sich der Eindruck eines Bibliophilen ein. Doch er bleibt nicht viel mehr als eine Fliege im großen Durcheinander eines Picknicks auf einer Sommerwiese. Er ist anwesend aber nicht störend, solange man sich nicht darauf konzentriert.

Abschließend werden einige Weichen gestellt und verlegt und in dem kompakten Knäuel aus Schienen zusätzlich Verbindungen und Verstrebungen geschaffen. Ich kann immer nur einen Teil des Werks erfassen, nie jedoch das Ganze. Als ich es versuche verschwindet die, mit der ich aufbaute und jemand anderes sitzt an ihrer Stelle; will sofort die neue Bahn ausprobieren. Ich runzele die Stirn – missfällig, da ich ein Mensch bin der abgeschlossene Dinge liebt und noch nicht alles überblickt habe-, nehme in diesem Moment nur so etwas wie einen senfgelben Strickpulli wahr aber gebe ihr ihren Willen und lasse sie fahren.
Es geht natürlich nicht alles gut, wie ich mit einem Gefühl der Zufriedenheit und der Scham feststelle. Natürlich sind nicht alle Schaltungen der Weichen korrekt, manche ergeben – nun wo ich durch die Fahrstrecke der Züge und die Wünsche der mir gegenüber sitzenden Person dazu gezwungen bin – bei genauerer Betrachtung gar keinen Sinn: Sie enden in Sackgassen; Teile des Streckennetz können nur in einer bestimmten Weise erreicht werden, der Weg dorthin ist jedoch widersprüchlich und funktioniert nicht; Schaltungen sind falsch angeschlossen und auch wenn es möglich sein sollte bewegt sich auf der Weiche einfach nichts; die Strecke kann nur von einer Richtung angefahren werden, in diese Richtung kommt man jedoch nur von dem betroffenen Streckenteil aus…

Nach einer Weile – Zeit spielt in diesem Begriff nur eine untergeordnete Rolle – bin ich wieder zurück im Sessel und betrachte sie. Denn der senfgelbe Pullover – welcher sich als ein senfgelbes Strickkleid über schwarzen Leggins mit blanken Füßen entpuppt – gehört zu einer quirligen, kleinen Frau, deren lockige Haare sehr zu den Gedankensplittern passen, welche ich noch von der gemeinsamen Bahnaktion im Kopf habe.

Es gibt einen Schnitt in der Szene und sie sitzt auf dem Podest, scheint irgendwas zu betrachten, an etwas herumzufummeln und noch während ich versuche die Kategorie ihrer Tätigkeit zu erahnen bewege ich mich auf sie zu. Ich erinnere mich an ein rundes Gesicht, nicht Vollmond allerdings eben auch nicht puppenhaft spitz. Ein Gesicht voller Lachfalten und ersonnen um das wohl schönste Paar Augen zu schmücken, denen ich je begegnet bin. Obskur, kann ich mich weder an Form noch an Farbe derselben erinnern. Nur wenig ist klar in solchen Momenten. Merkwürdige Details stechen wie Nadeln in die Ballons unserer Aufmerksamkeit, lassen vieles vom Geschehenen zerplatzen und so kann ich mich vor allem daran erinnern, dass ihr Pullover auch braune Flecken mit eingewebt hatte – französischer Senf? -, dass wir kaum redeten, uns aber immer näher kamen und sie sich an der lächerlich romantischen Fackelhalterung festhielt.

„Eigentlich können wir uns jetzt küssen.“ Ist der zentrale Satz der Erinnerung und als du es sagst kicherst du, dein Gesicht wird mindestens ein Jahrzehnt jünger und mein Herz fühlt sich wie sechzehn. Es ist völlig natürlich, dass wir uns dann küssen, auch wenn wir beide es nicht richtig glauben. Das ist so kindisch: verlieben und so sein. Das ist so kindisch: sich küssen und zusammenkommen während andere dabei sind. Da ist so. . . Es ist so unwichtig und dich zu küssen das einzig richtige, denke ich während ich dem kleinen, jugendlich scheuen Küsschen einen zweiten, intimeren Kuss folgen lasse und meine Hand in dein Haar versenke.

Ich spüre den kratzigen Pullover, während ich deinen Rücken streichele. Ich spüre den glatten Stoff der Leggins als ich deinen Hintern erreiche und stelle schockiert fest, dass ich ebenfalls die Kante des Podests streichele und wir beide beinahe schon ins Nichts gestürzt sind. Als ich dich daraufhin etwas näher ziehe und auch selbst zurückrutsche, lachst du auf, diesmal wieder älter und die Frau die ich erblicke schiebt, beschämt grinsend, ein Smartphone zwischen uns hervor auf dem so etwas wie Janosh’s Pokemon Go läuft.

Ich erinnere mich an die Farben des Spiels auf dem Handy, so ähnlich zu deinem eigentlich widerlichen Pulloverkleid. Ich erinnere mich an den Geruch der Wohnung, die Geräusche der Stadt, das Gefühl des Bodens, die Verwirrung und das Gefühl dieses Ortes. Ich sehr die Details der Modellbahn vor mir -nie das ganze Werk immer nur Einzelheiten – und erinnere mich an die genervten Diskussionen warum etwas nicht klappte. Das Geräusch des Geschirrgeklappers im Hintergrund klingt in meinen Ohren, ich kann all dass abrufen wenn es mir danach ist, wann auch immer das ist.

Ich denke an den Geschmack, an das Gefühl von deiner Haut auf meiner Haut an unseren Lippen. Ich denke an deinen Geruch, als wir uns eng umschlungen diesen ersten, unvermeidlichen Kuss geben und an das Glitzern in deinen wundervollen Augen, die Form deines Lächelns als du diesen einen, einzigartigen Satz sprichst.

Vermutlich erinnern wir uns aber nur an das was wir kennen.

Sei.

Ich will so ein Mensch sein,
Der umarmen kann und umarmt;
Nicht mit dem Körper -nicht nur –
Sondern dem Herzen.

Doch mit jedem vielleicht
Begraben wir -Stück für Stück –
Viel der Leichtigkeit in uns.
Zwischen uns.

Ich will so ein Mensch sein,
Der geben kann und gibt;
Nicht weil er muss,
Sondern weil er will – wirklich will.

Doch mit jedem irgendwann
verpassen wir – wieder und wieder –
Ein Jetzt.

Geisterwelten

Fern dieser Welt,
entschwebt,
entrückt,
allein
und doch nicht
einsam.
Geisterhaft

Berührungen,
Begegnungen,
Gespräche
verbleiben
durchscheinend,
unwirklich,
klebrig.

Wir teilen
diese Realität,
zum Teil.
Der Rest ist
unberührt,
flüchtig,
Nebeneinander.

Träumend,
wandelnd,
verzückt.
Ganz der Geist
deiner,
meiner,
nie unserer Welt.

Du weißt es noch nicht II

Heute Morgen sah ich dich!
Ganz kurz, im Traum.

Ich zeigte dir die Farben,
Die der Himmel uns malte.
Hielt dich dabei sanft
im Arm.
Mein Atem striff sacht
Deine Haut.
Schon küssten wir uns.
Hungrig.
Begehrend.
Heiß.

Als ich erwachte.

Wieder einzuschlafen…
Umsonst.
Du warst fort;
Im Moment verblieben.
Feuchte Bilder einer
Verblassenden Erinnerung.

Und so bist du fort,
Bis wir uns wieder sehen.
An jenem Ort,
Der noch nicht ist
Aber irgendwann sein wird.

Du weißt es noch nicht,
Aber du wirst es wissen.

Bis dahin.

Zwischen Nichts, seitlich neben Träumen, gleich hinter Dort

Weit, weit über den Wolken. Dort wo die Luft dünn wird und sich die Farben in einem einzigen klaren Moment verwandeln um glitzernd herabzusegeln; dort lebe ich.
Mich einen Träumer zu nennen wäre eine Beleidigung für alle,  die sich Träumer nennen. Ich laufe weit außerhalb jener Kategorie,  die sich gelegentlich eine Auszeit vom Leben nimmt.
Mich einen Träumer zu nennen wäre wahrlich sehr unzutreffend; nicht einmal im Kern der Träume wäre erfasst, was meine Welten umspannt.
Wenn Ihr von träumen sprecht meint ihr Vieles, Allem gemein ist jedoch die unumstößliche Wahrheit, dass Träume nicht von Hier sind. Kein realer Bestandteil des Wachseins.
Träume, und damit Träumer sind über den Wolken, haben den Boden unter den Füßen verloren. Sie entfliehen dieser Welt und füllen ihre Geister mit substituierenden Konstrukten um das Erlebnis ihrer unzureichenden Alltäglichkeit zu verändern. Es kann nicht sein, was nicht ist und wenn es ist, so muss es sein. Dazwischen ist Nichts und wer dieses Nichts füllt. .. der träumt.
Es ist schwer mit wachem Geist über den Traum zu sprechen, ganz so wie es ohne Augen meist sehr schwer ist zu sehen. Denn eines ist doch auch für mich gültig: ein jeder Träumer ist allein in seinen Träumen. Wir können keinen Traum teilen, ihn nicht einmal MITteilen ohne nicht jederzeit von leicht verschiedenen Dingen zu sprechen.

Für mich jedoch, der ich jenseits der Träume lebe, sind diese Kategorien ungeeignet. Meine Wirklichkeit ist hinter der Wirklichkeit des Traums. Meine Welt ist eine, in der ist, was nicht sein kann. Meine Welt ist im Sein, auch wenn sie nicht Ist. Die Vorstellungen, Worte und ideen die wir teilen sind nicht die geeigneten Instrumente, mir denen wir den Puls der unzähligen Dimensionen erfassen können die uns umgeben und so schwebe ich – ich will es einmal so nennen – neben dem Sein und bin doch im Hier.
Behalte ich das im Hinterkopf und betrachte, dass ich dort, wo Menschen mich wahrnehmen meist eine beruhigende „erdende“ Wirkung auf sie habe ist dies… wunderlich. Und mir unerklärlich. Auch ich lebe mit jene Maxime, dass die Träume den Boden des Sein verlassen. Das sie jenseits von Vernunft, Alltag und Logik ein Eigenleben führen und sich heiter tummeln.
Einzig. .. es ist mein Erleben, was mich eines Besseren belehren will. Wie also kann ich verwurzelt sein und doch in den Wolken stecken? Muss ich dafür mein Ich nicht strecken und denen, bis es zu zerreißen droht? Mich so lang machen, dass ich hauchdünn und durchscheinend sein müsste?
Die Antwort darauf kann und muss „Nein“ sein. Der Weg zwischen dem hier und den Träumen ist nicht zu überbrücken. Es gibt keinen Weg, mein Sein aus dem Hier uns Dort zu bringen. Kann es nicht geben. Muß es nicht geben.
Es kann nicht sein, was nicht ist und wenn es ist, so muss es sein. Dazwischen ist Nichts und… das hatten wir schon.

Vielleicht, wenn ich darüber noch ein wenig nachdenke, ist es jedoch auch gänzlich anders. Nicht nach vorne führt der Weg, sondern nach hinten. Die Wissenschaft sagt uns, dass über dem Himmel eine Menge Nichts rumlungert und eigentlich nur darauf wartet, bis wir erfolgreich die mickrige Schutzhülle gefickt haben die uns umgibt, um uns dann zu verschlingen.
Doch es ist gut, dass in dieser Welt Buch als wissenschaftlich ist.

Was… Was wenn alles das ein Ring ist? Was, wenn ich erdend wirke, nicht aus einer Laune heraus, sondern einfach, weil ich dem Boden näher bin als der Bodenständigste aller eurer sogenannten Realisten. Was wenn ich mit meinem Kopf und meinem Herzen näher an der Mitte bin, weil über meiner Welt nicht noch mehr Traumwelt, sondern das was ihr Realität nennt ist?

Das wäre absurd. Aber eine Erklärung.

Weite

Im Grunde kann ich wirklich nicht einmal mit schlechtem Gewissen behaupten, dass ich hoch hinauf gekommen bin.

Der Bahnübergang, auf dem ich die letzten, matten Sonnenstrahlen eines eher frischen Tages einatme, ist gerade einmal siebenunddreißig Stufen hoch. Genug um einen Zug und vielleicht noch einen Surfer auf diesem Zug durchzulassen; aber nicht mehr als unbedingt nötig. Wahrlich kein Bauwerk, dass den Erbauer bis ans Limit seiner Baukunst oder mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit getrieben hat.
Immerhin komme ich bis an die Baumkronen um mich herum ran und als die Wipfel vor mir in einem zittrigen Gruß auf mich zuschawanken, bin ich auf den kalten Wind – der mir dennoch eine kleine Träne ins Auge treibt – vorbereitet.

Der Tag hat komische Farben, fällt mir dabei auf. Fast scheint es so, als seien der Welt heute die Farben ausgegangen und nur noch Pastelltöne übriggeblieben. Alles wirkt schwammig und ineinander übergehend. Der zartgrüne Wald verschwimmt mit dem blassen Grau des Bahnsteigs, huscht kurz über einen hellbraunen Gehweg, ausgetreten und verwaschen wie die Farben um mich her. Mein Blick gleitet weiter, stürzt sich über die ebenfalls blassgraue Bahnsteigkante und während mir der Wind in den Ohren pfeift, knallt mein Blick mit einem saftigen Klatschen im rostbraunen Steinbett des Gleises auf. Meine Augen folgen der schnurgeraden Bresche, die das Bahngleis in den Pastellwald schlägt und in der Weite glitzert eine der abgenutzten Schwellen im letzten trüben Licht des Tages. Würde jetzt ein Fisch aus den schlammigen Wellen des Gleisbettes springen… ich wäre wahrscheinlich nicht im mindesten erstaunt, so sehr drängt sich mir der Eindruck eines schmutzigen, zäh hinfließenden Flusses auf.

Die Schienen, ein stetig parallel verlaufender Gedanke ohne sichtbares Ende, scheint sich am fernen Horizont mit dem milichg grauen Himmel zu vereinen. Dort hinten in der Weite hat die Farbe endgültig kapituliert. Während hier um micht herum das Pastell unbemerkt von den meisten die letzte Schlacht um die Grenze zwischen den Dingen führt, ist in der Weite nichts weiter als übrig als eine ausgelaufene, verschmierte Ruine der Formen meiner Welt. Blau ist Braun ist Grün ist Rot und so ist nichts voneinander zu trennen. Baum ist Wolke ist Vogel ist Gleis und in diesem Brei wird alles eins um seine Gestalt zu verlieren.

Im Grunde kann ich wirklich nicht einmal mit schlechtem Gewissen behaupten, dass ich hoch hinauf gekommen bin…
doch es reicht um zu sehen wie sich die Welt in der Weite krümmt.