Das Dasein des da sein

„Ich bin da!!!“
Schreibst du. Sogar mit drei Ausrufezeichen um noch deutlich darauf hinzuweisen, wie sehr du da bist. Und ich schaue mein Handy stumm an, eine Augenbrauen skeptisch nach oben gezogen und denke mir:
„Bist du?“
Schlechtes Gewissen überfällt mich,  denn schließlich sind wir nicht Irgendwas; wir sind etwas Besonderes. Mehr als nur ein wenig. Volle Kanne und ohne Rückhalt,  immer und jederzeit.
„Darf ich das? „
Frage ich mich, während ich auf das Display starre und mir sicher bin, dass du jetzt die blauen Pfeile siehst. Erkennst das ich schweige, auch wenn ich deine Worte gelesen habe.

Vor fünf Tagen:
Ich rief dich an, gerade aus der Heimat zurück und mit diversen Themen im Gepäck. Wollte reden, einfach so. Doch ich weiß ja, dich zu erreichen ist schwer wenn das Kind da ist. Aber dennoch versuchte ich es. Natürlich ging niemand ran und auch wenn ich das alles weiß und erwarte. . .
„Bist du es?“

Einige Stunden später:
Natürlich hatte es Gründe, warum du nicht reagiert hast. Die gibt es immer. Nachvollziehbare und verständliche. Und darüber haben wir auch schon gesprochen und du hast mein Verständnis. Aber es tat gut, an dem Abend nicht alleine gewesen zu sein. Ich war glücklicherweise gerade mit alten Freunden unterwegs, Nachrichten von Zuhause hatten mich dezent umgeworfen.
Wir vereinbaren kurz ein Telefonat für den Folgetag, meine kurze Schilderung bleibt unkommentiert. Auch okay. Habe ja Gesellschaft.
Das Telefonat:
„Auf jeden Fall!!! Wenn’s Dir nicht gut geht, dann jederzeit!!!“
Wieder diese vielen Ausrufezeichen.

Der Folgetag:
Ich rufe dich an, zu einer ‚jederzeit‘. Scheint die falsche zu sein. Ich kapsele mein Hirn ab und lenke mich anderweitig von meinen Gedanken ab.

Einige Stunden später:
„Telefonieren inner Stunde?“
Hat mir mein Handy seit mehr als einer Stunde mitzuteilen. Mehr nicht.

Der Folgetag:
[11:27] Du: ???
[11:32] Ich: Sorry. Gestern hatte ich mich dann schon zurückgezogen und erst spät aufs Handy geschaut. Bin jetzt auf dem weg zur Arbeit
[11.32] Du: Wie kann ich für Dich da sein?
[11:37] Ich: Im Moment vermutlich nicht

[12:59] Du: bin da!!!

Vorgestern Abend:
Ich schaue auf das Handy, das mir deinen Namen unter den klingelnden Hörer schreibt.
„Wofür?“
Es gibt Neues. Aber das bin ich schon losgeworden.
„Ich kann es nicht.“
Aber müsste ich es nicht können? Weil wir mehr sind als nur Sowas.
„Sind wir?“
Der Abend tröpfelt danach in gedämpfter Nachdenklichkeit zuende. Irgendwann zwischen ’spät‘ und ‚viel zu spät‘.

Gestern:
„Das Leben hechtet weiter, ich frag mich wie’s dir geht & wann wir uns wiedersehen können???
Ick schick Dir ne dicke fette Umarmung!!!“ Immerhin nur ne halbe Stunde nach deinem Anruf, den ich nicht annehmen konnte. Einfach weil ich nicht wollte. Weil es nichts zu sagen gäbe außer. . .

Blaue Haken meinerseits also. Und Kopfschütteln über die Satzzeichen.

Heute Nacht:
„Ich weiß nich. Können wir uns irgendwann sehen?“
Und auch wenn ich es nicht anders geschrieben habe, weiß ich das du den Tonfall hören aus dem einen Wort wirst.

„Ich bin da!!!“
Aber ich glaube dir nicht. Auch nicht mit ‚!!!‘ Nicht das du es bist, nicht das du es willst, nicht das du es kannst.
Dein Leben ist gehetzt und vollgepackt mit allem Möglichen. Und sollte sich Freiraum anbieten, wird dieser vollgepackt.
Glaube ich. Ich bekomme ja nicht so viel mit davon. Ich bin nichts Mögliches.
Statusupdates.
Oberfläche.
Newsflashs.

Ich glaube wieder nicht daran. An dieses Ding, das du beschwören willst. An das du so verzweifelt glaubst. Denn ich fühle mich nicht so. Nicht von dir, aber auch nicht für dich.
Nebensache.
Tangenten.
Peripherie.

Ich glaube dir nicht und mein Herz verkrampft sich, weil ich nicht anders kann als dir Alles vorzuwerfen. Ich zucke zusammen, denn ich sehe meine Ungerechtigkeit darin; noch schlimmer jedoch: ich sehe meine Ohnmacht dagegen. Wie wir uns entgleiten und es mich stetig weniger berührt. Berühren muss.

Denn wir sind nicht Irgendwas.

Oder?

Dialoge I

Er: Für was bewirbst Du Dich eigentlich?

Sie: Kinderbetreuerin im Einkaufszentrum.

Er: Wrm.. yay?😆

Sie: Bitte nochmal in verständlich?

Er: Erm (verschrieben,  ein Laut des lauten Nachdenkens)
… (dramatische Pause zur Steigerung der Wirkung der Pointe)
yay (ein Ausruf der Freude, zumeist im ironischen Kontext verwendet.  Außerdem in dem vorliegenden Fall die Pointe)
?(Ein Fragezeichen, hier verwendet um der zuvor getätigten Aussage – zur Erinnerung: ein Auszug der Freude – eine erhöhte Zweideutigkeit zu verleihen)
😆 (Ermangelung eines besseren Smileys wurde dieses Emoticon verwendet um zu betonen, dass es sich um einen Scherz handelte)

Oder so😋
Anders gesagt: nicht mein Traumjob, aber scheinbar für dich ansprechend. Ich freue mich für dich, würde mich selbst aber erschießen.

Sie: Warum einfach, wenns auch kompliziert geht, hm? ^^

Er: Weil kompliziert das neue einfach ist.
Das „hippe“ easy.

Sie: Gut, dass wir drüber ‚gesprochen‘ haben. 😬

Er: Hm. Wanna have? Also eine ernste Antwort

Sie: Auf welche Frage? 😳

Er: Warum einfach wenn bla

Sie: Achso. Na dann gib mal ne ernste Antwort.

Er: Weil einfach mich langweilt. Nicht im Sinne dessen, dass es blöd ist oder ich besser, besonders klug oder sonst was, sondern auf einem fundamentalem Level.
Manchmal habe ich das Gefühl, meine Gedanken sind ein überfüllter LKW, der auf einem Highway durch mein Leben rast, dass aber blöderweise nur für eine Landstraße gebaut ist. Natürlich hat die Straße auch Kurven und Schlaglöcher, weshalb unterwegs eine Menge verloren geht.

Einfach. .. das ist das, was übrig bleibt wenn ich auf die Landstraße schaue, auf der die zertrümmerten Fragmente dessen liegen, was ich unterwegs verloren habe. Dumm nur, dass ich nicht vergesse, was noch im LKW liegt. Entsprechend stehe ich also da und erlebe irgendwie gleich zwei Mal die selbe Sache. Einmal in den Tempo, das mich umgibt und einmal in den, das nur mein Ich umgibt. Das zweite rauscht dabei, unbeirrt im Tempo, mehrmals an der Situation vorbei und bringt jedes mal neue Ladung mit.

Einfach… das hat so wenig mit mir zu tun, dass es mir fremdartig vorkommt. Ich bin wie ein Alien, dass mehr als drei Dimensionen sieht und sich fragt, wieso keiner sonst auf die wunderschönen Farben in der Musik achtet.

Einfach… kann ich einfach nicht. Wenn ich probiere, nicht ich zu sein verkrampft sich mein Inneres und aus kompliziert wird merkwürdig. Gleichzeitig weiß ich aber nicht, ob kompliziert wirklich zu mir gehört, ob ich nicht etwas konstruiert habe um besonders zu sein. Wer bin ich überhaupt? Der, der seine Umwelt verwirrt? Oder der, der selbst verwirrt ist.

Einfach. Das ist ein Traum den ich habe. Einfach Ich sein. Einfach nicht über mich nachdenken. Einfach passieren lassen.

Das wäre der perfekte Schluss. Aber mein Kopf ist schon fünfzig Schritte weiter, seziert das ganze schon, weil meine Hände nicht schnell genug schreiben und meine Worte unzureichend sind. „Sprache ist im Grunde nur ein besseres Gekläff“ singt Joint Venture. Recht hat er.

Ich mag kompliziert vielleicht nicht einmal wirklich. Aber nur darüber kann ich mit dem Chaos mithalten,  dass meinen Kopf manchmal platzen lassen will.
Neulich sagte jemand: „Du bist ein schwieriger Charakter“. Darauf konnte ich nur aus tiefer Überzeugung sagen: „Nicht für die Menschen, die in meiner Welt mitschwingen. Diese Welt ist aber sehr, sehr weit weg von der, die gängig ist.“

Einfach. Ich glaube ich kenne nichts komplizierteres.

Sie: Das wäre doch n schöner Text für deinen Blog. ☺ So oder so ähnlich komme ich mir selbst in vielen gesellschaftlichen Konstellationen vor. Als die Einzige, die „anders“ denkt/fühlt/sieht. Und im Versuch, es den „Anderen“ angemessen mitzuteilen, registriere ich eine Art der Überforderung beim Gegenüber, die mich wiederum nur noch mehr als „anders“ und „zu kompliziert für den Rest“ dastehen lässt. Hm. Hab mich schon oft genug als Nicht Massenkompatibel verstanden. Macht den Umgang und die Eingebundenheit oft nicht einfach. Sondern eben kompliziert.

Er: Ja stimmt. Das ist ein wenig länger geworden als geplant😅
Das beschreibt ganz gut was die Krux an dem Thema ist. Schön gesagt.
Wobei ich jetzt nur für mich sprechen kann… aber ich finde dich nicht unverständlich.
Und ein wenig muß ich jetzt an das eine Lied von Reinald Grebe denken… „Massenkompatibel“

Sie: Genau aus dem Lied hab ich auch dieses schöne Wort. 😁