Was sie sich eigentlich sagen wollten

„I am the thunder, hear me roar.“ – „Watt is‘?!“

Sie saß auf der Fensterbank, gelassen an den Fensterrahmen Ihrer geräumigen Parterre-Altbauwohnung gelehnt und rauchte mit der Gelassenheit einer Person die ihren Nachmittag dort draußen im Regen wegschwimmen sah.
Es war eine dieser Altbauwohnungen in denen eigentlich alles irgendwie mangelhaft war, die Fensterbank jedoch – bequem gemacht mit flauschigen, in den IN-Farben des Herbstes gehaltenen, allergieneutralen Kissen – für alles entschädigte. Eine Wohnung, die ein Nichtraucher selten wählt, denn diese sitzen ja selten am offenen Fenster bei Regen und Kälte; für eine Raucherin wie sie jedoch entfaltete sich eine ganz neue Welt. Ein Lebensgefühl das loszulösen schien und die Sorgen klein werden ließ.
Eine Stunde auf ihrer Fensterbank, dazu ein Kaffee und natürlich Zigaretten, mehr brauchte es nicht um ihren Tag zu retten.

Er stand auf dem Bürgersteig, jenem Überbleibsel aus alter Gründerzeit in der das noch Geld reichte um vernünftiges  Kopfsteinpflaster in ruhigen Nebenstraßen auszulegen. Heute flickte man es selbstverständlich nur noch mit grob plattgedrücktem Beton, wodurch der Eindruck entstand man wolle einen großen Kilt aus Stein und gehärtetem Erdöl häkeln.
Der Regen lief am seiner zerschlissenen Sommerjacke herab, tropfte aus seinen pitschnassen, halblangen Haaren die vielleicht braun, vielleicht aber auch dunkelblond gewesen sein mochten nun aber in schwarzen, ölig glänzenden Strähnen in sein Gesicht hingen. Seine Hose war, bis auf einige wenige Stellen, durch die Nässe zu einem tiefen Blau nachgedunkelt und in seine zerrissenen Schuhen lief das Wasser gänzlich ungehindert.
Das er in einer Pfütze stand die nahezu drei Meter Ausmaß hatte schien in ebensowenig zu stören wie das Wasser, welches Kübelweise über ihm vergossen wurde.

„I am the silence before the storm, try to hold me.“ – „Häh?!“

Sie nahm ihre Tasse an die Lippen, die merkwürdige Erscheinung vor ihr nicht aus den Augen lassend. Ihre Sicht war eh seit einiger Zeit nicht mehr so gut und sie hatte gerade ihre trendige Hornbrille in knalligem Rosa (die Verkauferin hatte es ihr empfohlen nachdem sie ihren Wunsch geäußert hatte etwas zartrosefarbenes zu bekommen) nicht zur Hand, da sie trotz der hohen Kosten des Sehgeräts nicht überzeugt war, dass sie damit gut aussah und es somit vermied sie zu tragen. Nur die unansehnlichen Falten, die sich immer bildeten wenn sie versuchte ohne ihre Brille Entferntes zu sehen hatten sie überhaupt dazu bewegt in einem tagelangen Marathon den ersten Schritt zu wagen.

Er schwankte leicht hin und her, ob nun wegen des strömenden Regens oder wegen einer anderen, inneren Störung ließ sich dabei jedoch nicht ausmachen. Grundsätzlich hatte er eine aufrechte Haltung, wobei jedoch seine Schultern wie von einer schweren Last niedergedrückt schienen. Seine Augen funkelten wach aus den tropfenden Höhlen unter seinen buschigen Augenbrauen, aber auch hier war eine Schwere und Niedergedrücktheit zu erahnen. Doch als er ein breites Lächeln auf sein Gesicht brachte verflog dieser Eindruck fast vollkommen. Lediglich ein kleiner Funke blieb übrig, ganz hinten in den Spiegelungen seiner Pupillen.

„I am the storm, fear my mighty smite!“ – „Biste bekloppt?“

Während sie einen letzten Zug aus ihrer Menthol-Light-Bio-ohne-Zusatzstoffe-Zigarette nahm – welche sie bevorzugte, da zum einen der Geschmack angenehmer im Gaumen war und zudem die Haut von dieser Sorte durch spezielle Aloe-Vera-Extrakte geschützt wurde – während sie also diesen letzten Atemzug genussvoll durch die Zähne zog und in den grauen Tag hinausblies, stellte sie die Tasse ab und nahm den Aschenbecher in die Hand.
Stirnrunzelnd ob des Mannes fortgeführter Merkwürdigkeit trat sie der nassen Gestalt weiterhin ihr Augenmerk ab und drückte dabei den Kippenstummel zu den restlichen Ruinen vorangegangener Stunden am Fenster. So stand sie noch eine Weile nachdenklich dort, bis sie letztlich mit einem Achselzucken – einem jener Sorte, welches Akzeptanz heucheln soll, jedoch mehr der Rettung der eigenen Ignoranz dient – das Fenster ohne ein weiteres Wort schloss und in ihrer Wohnung verschwand.

Er stand weiterhin da, im rauschenden Regen, inmitten eines kleinen Sees, der sich in und um seine Schuhe ausbreitete und sah ihr dabei zu wie sie das Fenster schloss, den Raum verließ, dann jedoch wieder zurückkam und die sanft beerefarbenen Vorhänge zuzog.
Lange stand er so da. Unbewegt und aufrecht. Der Regen schwoll noch mehr an, wurde lauter und verschluckte alle Geräusche der Welt. Einzig das Getrommel der Tropfen auf dem nassen Stoff seiner Jacke und des Wassers auf dem Boden waren zu hören; übertönten sogar das Rauschen des Blutes in den eigenen Ohren.

Der Bürgersteig verschwand unter dem Bombardement des Regens und irgendwann verschluckte es auch ihn.
Danach herrschte eine seltsame Stille in der kleinen Straße in der sie ihre feine Altbauwohnung bewohnte.

Verlorene Worte

Manchmal – wenn ich z.B. mitten auf der Straße / auf einer Party / in einem Seminar aufwache – merke ich, dass sich mein „passiver Autopilot“ in einem endlosen Monolog kluger Phrasen und Wortkunstwerke befindet. An diesem Punkt kommt es dann oft dazu, dass ich erstaunt feststelle, wieviele Worte ich gebrauche um auszusagen, dass man mir nach wenigen Sekunden nicht mehr zuhören müsste.Ich scheine meine Sätze zu bilden, auszuschmücken und mir Girlanden zu verschönern, ohne jedoch zu merken, dass ich dabei Worte verliere.

„zu viele Worte verlieren…“ bislang war das für mich etwas anderes. Das waren Bandwurmsätze, nicht-zum-Punkt-kommen, um den Brei herumreden, etc.
Aber verliere ich nicht viel wichtigere Worte, wenn ich drei Minuten versuche zu erklären, was mit fünf Worten gesagt wäre? Ich meine hierbei nicht die restlichen zwei Minuten und fünfundfünzig Sekunden Wortgebläse. Ich meine diese fünf kleinen Worte die nicht gesprochen wurden. Der Rest ist Füllmaterial, ganz so wie die Knisterfolie in zerbrechlichen Paketen. Man öffnet das Paket, holt die Folie heraus und spielt erst einmal damit herum. Aber wenn ich dann in das Paket schaue, fällt mir auf, dass das Paket leer ist.

So passiert es auch, dass der Sinn der Sätze sich… verflüchtigt. Ich beginne an einem Punkt und ende auf einer Spagettipackung. Und weder kann ich sagen wieso ich dort gelandet bin, noch wie ich dort hingekommen hin. Und erst recht nicht, was das erste mit dem zweiten zu tun hat…

Ich bin hin und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einer reduzierten, klaren Sprache und einer ausgeschmückten, „blümeranten“ Sprachpoetik. Mal überwiegt das erste, meist allerdings das zweite. Zumindest scheint diesem in der Programmiersprache des „Sozial Intercourse Autopilot System“ meines Betriebssystems Vorrang gegeben worden zu sein.

Vielleicht kommt aus diesem Zwiespalt auch mein Drag zum redundanten Schreiben. Einen, meist schon früh klar präsentierten Gedanken immer und immer wieder „anders“ hinzustellen, oder in einem anderen Licht vielleicht noch klarer ist. Aber so wie Farbe irgendwann auch nur noch Braun ist, so wird es von Satz zu Satz undeutlicher.

Oder ich bin einer dieser Unsympathen, die sich selbst gern reden hören…

Zeitdillatation

„Bei dir dauert es immer eine halbe bis dreiviertel Stunde, egal obs zehn Minuten oder zwei Stunden sind.“ Sagtest du, während du dein Lächeln trugst. Dein Lächeln, das immer versucht die Ernsthaftigkeit, die für dich dahinter steckt, die Verletzungen und Enttäuschungen, die dich berühren, und die Trauer, die dich lähmt, zu übertünchen.
Dieses Lächeln, dass ich von mir selbst so gut kenne, wenn ich wieder einmal sage: „Alles gut.“, Auch wenn nicht alles gut ist. Nicht mit uns. Aber damit belasten wir niemanden, denn niemand will damit belastet werden.
Dieses Lächeln, das erkannt hat: wir sind mit unseren Worten zu weit gegangen, jetzt belastet es doch. Und versucht das Ganze hinüberzuziehen in die humorvolle Ebene.

„Das ist echt lustig.“ Sagtest du, während du deinen Blick hattest. Deinen Blick, der bemüht ist, die Trauer auszudrücken die du hast, das Gegenüber zu erreichen, gesehen zu werden wie du selbst auch siehst. Dein Blick, den ich von mir selbst auch kenne, wenn ich verzweifelt nach mehr sehne. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Hilfe, mehr von allem. Aber niemand sieht. Nicht uns. Denn niemand will uns sehen. Dieser Blick, der den Mut hat zu sagen was wir nicht sagen: beachte meine Wünsche mehr, verletz‘ mich nicht!

„Wenn Worte meine Sprache wären“ Diese Worte fallen mir immer wieder ein. Danke an Tim Benzko dafür. Das Lied ist nicht so mega, dass Video hoffnungslos kitschig. Aber dieser eine Halbsatz beschreibt unsere Kommunikation.
Wenn Worte unsere Sprache wären, würden wir mehr miteinander reden. Doch so reden wir mit allem außer Worten. Unsere Worte sind Hüllen, die die Stille füllen in der wir uns verstehen. Sind Gebilde, die dem was zählt Raum und Platz geben. Darum magst du meine Texte wahrscheinlich auch nicht. Zu viele Worte für das, was du auch so verstehst. Oder eben nicht. Egal wie viele Worte ich verwende.

„Bei dir dauert es immer eine halbe bis dreiviertel Stunde, egal obs zehn Minuten oder zwei Stunden sind.“ Sagtest du und mir bleibt nichts anderes als dir zuzustimmen. Nachdem du das sagtest war ich kurz darauf unterwegs. Eine halbe bis dreiviertel Stunde. Drei mal hintereinander. Die genaue Zeit, die vergeht ist weniger relevant, scheint mir. Es ist mehr eine Umschreibung. „Ich bin jetzt weg, für eine Weile, aber doch nicht den ganzen Tag. Lang genug, dass es nicht nur kurz ist, zu kurz dass es lang ist“ Könnte man sagen. Oder es auch lassen. Geht es um Zeit oder um eine Lebenseinstellung? Was verletzt eigentlich? Das Aweichen der genannten Zeit oder der vermutete Abspruch von Interesse/Kontrolle oder wie man es auch sonst nennen mag? All das fragte ich mich, als ich feststellte, dass es tatsächlich immer eine halbe bis dreiviertel Stunde sein soll. Und doch nie ist.

Irgendwann wollte ich mit diesem Text zum Thema Zeit und der Wertung derselbigen gelangen. Das erscheint mir nun überflüssig und sinnlos. Denn was ich nutzen würde, um mich zu erklären, sind Worte. Immer mehr und mehr Worte. Hülsen und Gebilde. Leere Worte, die eines genauen Blicks bedürfen um gefüllt zu werden. Diesen Blick, liebster Bruder, haben wir nicht füreinander. Wie aber erkläre ich mich in einem Blick, einem Erfühlen, wenn nicht nur durch einen Zufall.

„Wenn Worte unsere Sprache wären…“ Ja dann könnte es klappen.

Hektischer, frenetischer, dummer Zeiger

Da sitzt einer, der weiss noch nicht mal wo er sich hinschreibt. Und er schreibt. Musik umgibt ihn wie eine Decke, die Aussenwelt zum größten Teil aussperrend.
Da sitzt einer, der weiss noch nicht mal wo er sich hindenkt. Und er schreibt. Schreibt und schreibt, ganz als wäre es eine Erlösung von den Gedanken.
Da sitzt einer, der weiss noch nicht einmal was er sagen will. Und er schreibt. Auch wenn sein „nicht“ immer zu einem „nciht“ wird, ganz so als wolle das Wort nciht sein.
Da sitzt einer, der weiss noch nicht mal was er will. Und er schreibt.

Das Blinken des „Hier bist du gerade und da kommt der nächste Buchstabe hin“ Zeigers ist, wo ich dumpf brütend vor dem Text sitze und auf weitere Worte warte, echt nervig. Sitzt da am Ende des Textes, vor sich hinblinkend, stoisch, penetrant und unaufhaltsam. Jedes Mal wenn er wieder auftaucht, schreit er mich an, fast so als wolle er mir sagen: „JETZT! WEITER! GOGOGOGO! WARUM MACHST DU NIX! WIR HABEN DOCH KEINE ZEIT!“ Hektischer, frenetischer, dummer Zeiger.

Was weisst du schon vom Denken. Konzipiert einzig und allein für einen Zweck, den auszufüllen dir zu jedem Zeitpunkt deines kleinen kümmerlichen Darseins zu 120% gelingt.
Was weisst du schon vom Druck der Hektik und der zwanghaften Neurose eines ständig rotierenden Gedankenstrudels.
Was weisst du schon von der Zeit und der zwingenden Freiheit diese zu haben und sich einzuteilen, ganz wie es dir beliebt.Was weisst du schon, der du vor sich hin blinkst.

Wie ich so über dieses Blinken meckere, amüsiere ich mich über mich selbst. Einen kleinen sinnlosen Strich auf dem Bildschirm meines Computers als Objekt meiner Aufmerksamkeit zu machen ist doch… interessant. Warum das geschieht, warum die Gedanken sich darauf konzentrieren, warum ich überhaupt angefangen habe zu schreiben um dann wie ein sabbernder Trottel vor der Scheibe zu sitzen… noch interessanter. Dass die Musik aus gegangen ist und der Lärm der Straße eindringt in mein kleines Reich, dass die Musik aus ist und ich zu faul bin sie wieder anzustellen, dass die Musik aus ist und ich anfange zu singen aber gleich wieder verstumme… verstörend.

Da sitzt einer, legt den Kopf schief. Zweifelnd auf sein Werk schauend, leicht die Unterlippe kauend.
Was weisst du schon von Qualitäten und Konzepten die dazu verdammt sind zu scheitern, so wie alles verdammt sein will.Da sitzt einer, der legt den Kopf schief. Lächelnd, den Kopf schüttelnd, innerlich.
Was weisst du schon von Zielen und dem langen Weg den zu gehen du dich weigerst, als ob du ihn umgehen könntest.

Was weisst er schon vom schreiben. Und er schreibt.

Hear hear!

Kluge Worte sind ein Fluch,  der sich selbst bedingt und sich den Ausweg nimmt. So kann man klug beginnen. Habe ich sogar. ZOMG.

Es gibt Phasen, da könnte ich mir selbst die Fresse einschlagen, mich erwürgen, mir die Zunge raus reissen, die Finger abhacken, mich im Meer versenken (natürlich mit Betonschuhen)… kurz (und klug) gesagt: da mag ich mich nicht besonders.
Genauer gesagt: da mag ich die Worte die ich von mir gebe nicht.

Wer kluges Zeug redet, merkt oft nicht, wann es nur noch flussiger bullshit ist und eben… kluges Zeug. Das wäre die eingehend (uuuh. Kluge Worte!) erwähnte Ausweglosigkeit. Und wenn man es dann merkt, dann hat man ja genug kluge Worte, sich dafür zu rechtfertigen, rauszureden, oder es anderweitig abzustreiten.

Ich komme in dieser Erkenntnis dann zu dem Punkt, naja… ich glaub es ist klar was ich dann für einen Punkt erreiche.

Aber ganz kann ich die klugen Worte auch dann nicht lassen. Es ist so, als würden sie aus mir heraussprudeln. Als wäre es ihnen unmöglich, ein ungesprochenes / ungeschriebenes Leben zu führen und in stupider Mittelmäßigkeit zu verharren. Ein jedes ist etwas ganz besonderes. Ya fo sho…
Sich selbst zuzuschauen, wie man etwas tut, wofür man sich nicht mag ist… erbärmlich. Und auch wenn Psychologen und anderes kroppzeusch hier anwenden könnten, das nur wir selbst una erbärmlich gestalten und so weiter… darum geht es ja! Das die eigene Darstellung, trotz aller Klugheit und Besonnenheit, machtlos daneben steht, wenn das Hirn weitere Eskapaden (yeah. I’m on FIRE) auspackt und zuschaut, unfähig einzugreifen und dem Hirn das zu geben was es verdient: ne Maulschelle.

Aber vielleicht geht es auch nur mir so, weil ich so unglaublich klug und selbstreflektiert bin…
Ja, das muss es sein.

Indeed.
Hear hear.