In einer anderen Welt II

Erinnerung : In einer anderen Welt

Ich bin wer ich bin und nicht wer ich sein will.

Doch weiß ich was ich will? Und wenn ich nicht genau weiß was ich will… kann ich dann nicht alles sein? Jeder sein?
Was macht mich in dieser Welt aus, was mein Sein in jener unbestimmten anderen Welt, die ich doch so herbei sehne. Wohin führen mich die Gedanken über das was ich will, wenn nicht wieder in andere Welten aus Wünschen, Hoffnungen und Illusionen.
Sogesehen sind wir mit unseren Wünschen unabdingbar verbunden, egal ob wir sie uns konkret vorstellen oder nicht. Denn eine jede Zukunft ist im Grunde nicht festgesetzt. Wobei vielmehr die Vorstellung einer wieauchimmer gearteten Zukunft mit dem Wunsch verbunden ist. Zukunft an sich ist nicht genauer definiert. Ein unbestimmtes „noch zu passierendes“.

Wunsch. Ein komisches Wort, das viel zu oft mit der Weihnachtsschiene verbunden wird. Doch sind nicht schon Gedanken an andere Welten Wünsche? Nicht einmal so, wie ich es eben vertanden habe (also als potentielle Zukünfte), sondern globaler. Die Überlegung, das etwas anders ist als es ist, an sich ist doch schon ein Ergebnis unser eigenen Überlegung. Und damit ein Wunsch?

Ich bin wer ich bin und nicht wer ich sein will.
Aber vielleicht bin ich nicht einmal in dieser Welt der, der ich zu sein meine.

Und wenn ich hier und jetzt mein Wunsch-Ich nicht von meinem Sein-Ich trennen kann… kann ich dann nicht wieder jeder sein, der ich sein will? Auch wenn ich nicht genau weiß, wer ich sein will.

In einer anderen Welt könnte ich diese Frage zu meiner Zufriedenheit beantworten.

Doch ich bin nur in dieser Welt und nicht in jener in der ich sein will.

Raupe 2.0

Die Wolken ziehen heute eilig als dicke, feste Wattebällchen über den Himmel. Die Bäume, die ich durchs Fenster sehen kann, zittern beständig unter dem pfeifenden Wind und schwanken hin und her. Zumindest stelle ich mir vor, dass der Wind pfeift, denn hier drin, auf der Couch, höre ich nichts. Hier drin ist eine nahezu unnatürliche Stille, in der einzig meine Gedanken und die Worte, die diese Gedanken bilden Platz haben. Selbst das nahezu melidiöse Schnarren des Bohrers, mit dem einer der Mieter weiter unten die Wände töten will vermag nicht die Gedanken zu übertönen. Denn hier, auf der Couch, da haben sie Platz. Platz und Gesellschaft.

Ich liege auf der Couch, jenem recht bequemen Zentrum meines geistigen Lebens und beobachte, wie Vögel in mein Blickfeld taumeln. Ihr Kampf mit den Böen hat etwas kunstvolles, spielerisches und lässt mich schmunzeln. Mir, festgeklebt an den Boden, fällt das kämpfen schwerer. Sie taumeln in mein Blickfeld, dass ich mittlerweile nahezu auswendig kenne. Die vergammelten Fenster, die fast in einer Linie mit dem kahlen Schornstein enden, der aus dem roten Schindeldach hervorzubrechen scheint wie ein Gewülst. Die Bäume, die stellenweise so dicht sind, dass ich die dahinterliegenden Wolken nicht mehr erkennen kann, dann jedoch wieder Lücken aufweisen, ganz so wie ein rasierter Pudel. Für mich sind die Bäume schon längst Cheerleader meiner eigenen Überlegungen geworden und oft stelle ich mir vor, wie sie mich mit leeren Phrasen anfeuern, während ich auf der Couch bin und versuche Klarheiten zu gewinnen. Klarheiten über mich und die Dinge die mich niederdrücken, kämpfen lassen. Auf jener Couch, auf der ich Frieden finden kann.

Dunkle Wolken ziehen unter den weißen heran, noch eiliger und drängender im Tempo als ihre Vorgänger. Während sie die, nun fast gemächlich daherschreitend wirkenden, Wattebällchen verschlingen merke ich, dass ich nicht nur auf der Couch liege, sondern auch rede. Rede über mich und jene Dinge, die mich bewegen. Auf jener Couch, die mein Leben bewegt, auf der ich mein Leben bewege. Und so wie die zwei Armeen dort am Himmel um den Platz kämpfen, so ist auch mein Kopf in einem ewigen Gerangel gefangen, in dem dunkle Gedanken mit wolkigen Wattebällchen voller Euphorie um das Blau des eigenen Horizonts streiten.

„… Phase in der ich mich wie in einem Netz gefühlt habe. In das ich mich immer mehr verwickele; in dem ich immer weniger erkenne und gefangen werde……… Und dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst dieses Netz spinne. Dass es so sein soll; ich  mich in einen Kokon hülle…. [längeres Schweigen]…. Vielleicht um mich vor mir selbst und meinen Gedanken zu schützen. Damit ich Zeit habe, mich zu verwandeln. Zu verändern….. Schönes Bild. Darüber werde ich heute – glaube ich – schreiben.“

Wie in einem guten Theaterstück beendet mein Satz die Szene und der Vorhang fällt. Anschließend schreite ich, noch immer beflügelt von der Schönheit des Bildes, des Konstrukts meiner eigenen Überlegungen, den noch immer eilenden Wolken hinterher, gedrängt durch die Gedanken, die sich in meinem Kopf schon zu Sätzen formen und ungeduldig darauf warten, niedergeschrieben zu werden. So lasse ich in meiner Ungeduld die Couch hinter mir zurück, die mein Leben bestimmt. Mein Leben bestimmt indem sie mir die Freiheit und den Raum gibt, mich selbst zu bestimmen und zu erkennen. Die Möglichkeit gibt mich selbst zu erkennen und das auch auszuhalten.

Wenn ich will.
Wann ich will.

Verlorene Worte

Manchmal – wenn ich z.B. mitten auf der Straße / auf einer Party / in einem Seminar aufwache – merke ich, dass sich mein „passiver Autopilot“ in einem endlosen Monolog kluger Phrasen und Wortkunstwerke befindet. An diesem Punkt kommt es dann oft dazu, dass ich erstaunt feststelle, wieviele Worte ich gebrauche um auszusagen, dass man mir nach wenigen Sekunden nicht mehr zuhören müsste.Ich scheine meine Sätze zu bilden, auszuschmücken und mir Girlanden zu verschönern, ohne jedoch zu merken, dass ich dabei Worte verliere.

„zu viele Worte verlieren…“ bislang war das für mich etwas anderes. Das waren Bandwurmsätze, nicht-zum-Punkt-kommen, um den Brei herumreden, etc.
Aber verliere ich nicht viel wichtigere Worte, wenn ich drei Minuten versuche zu erklären, was mit fünf Worten gesagt wäre? Ich meine hierbei nicht die restlichen zwei Minuten und fünfundfünzig Sekunden Wortgebläse. Ich meine diese fünf kleinen Worte die nicht gesprochen wurden. Der Rest ist Füllmaterial, ganz so wie die Knisterfolie in zerbrechlichen Paketen. Man öffnet das Paket, holt die Folie heraus und spielt erst einmal damit herum. Aber wenn ich dann in das Paket schaue, fällt mir auf, dass das Paket leer ist.

So passiert es auch, dass der Sinn der Sätze sich… verflüchtigt. Ich beginne an einem Punkt und ende auf einer Spagettipackung. Und weder kann ich sagen wieso ich dort gelandet bin, noch wie ich dort hingekommen hin. Und erst recht nicht, was das erste mit dem zweiten zu tun hat…

Ich bin hin und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einer reduzierten, klaren Sprache und einer ausgeschmückten, „blümeranten“ Sprachpoetik. Mal überwiegt das erste, meist allerdings das zweite. Zumindest scheint diesem in der Programmiersprache des „Sozial Intercourse Autopilot System“ meines Betriebssystems Vorrang gegeben worden zu sein.

Vielleicht kommt aus diesem Zwiespalt auch mein Drag zum redundanten Schreiben. Einen, meist schon früh klar präsentierten Gedanken immer und immer wieder „anders“ hinzustellen, oder in einem anderen Licht vielleicht noch klarer ist. Aber so wie Farbe irgendwann auch nur noch Braun ist, so wird es von Satz zu Satz undeutlicher.

Oder ich bin einer dieser Unsympathen, die sich selbst gern reden hören…

Ein Knopfdruck zum Ende

Warum vertrauen wir uns, wenn wir uns wenig kennen, so leicht alles an…

Darüber habe ich mir, vor Jahren und in einem anderen Zusammenhang, mal Gedanken gemacht. Ich könnte ein nigerianischer Prinz sein, der in England studiert hat und in Spanien Deutsch gelernt hat. Du könntest ein 20 jähriger Junge sein, der sich einen sehr eloquenten Witz erlaubt. Wieder jemand anders könnte sich als du ausgeben. Aber das sind wir nicht. Und was wir sind, wissen wir voneinander dadurch immer noch nicht, selbst wenn wir genau das wiedergeben was wir sein wollen.

Dadurch sind wir befreit. Befreit von den Vorstellungen uns irgendwo über dir Füße zu laufen. Du könntest jetzt in der Bahn neben mir sitzen, lesen was ich geschrieben habe und dennoch wäre unser Leben getrennt.
Anonymität. Darum geht es. Ich glaube, Menschen sind per se uneingeschränkt Vertrauensseelig. Es sind sie Ängste – um die eigene Person, um die eigene Lebenswelt – die misstrauisch machen. Das lässt sich natürlich nicht auf alles übertragen, aber auf das „Gesprächsvertauen“ schon… denke ich.

Wir kennen uns kaum, was kann dir als Person also passieren? Ich kann es nicht einer Person in deinem Leben erzählen. Ich kann es meinen Menschen erzählen und es ergäbe keinen Sinn für Sie. Keine Konsequenz für dich. Dieser riesige, nahezu unmöglich zu überwindende Graben schafft Offenheit. Denn wir sind nur einen Knopfdruck vom Ende weg. Wie können jederzeit das Gegenüber ohne nachweisbare Rückstände aus unserem Leben vertreiben. Das mit einem Bekannten  zu machen fällt schwerer. Vielleicht hängen gemeinsame Freunde dran, vielleicht Kinder, Partner,  Hunde.

Manchmal -wahrscheinlich meistens – brauchen Menschen nur ein Gefäß in das sie ihre eigenen Gedanken hinterlegen und sortieren können. Dazu eignen sich Fremde eben gut. Den Ratschlägen muss man nicht Folge leisten, denn die Erfolge kann das Gegenüber eh nicht messen. „Wenn zwei Menschen miteinander sprechen sind es meist zwei Monologe, die nebeneinander daherplätschern“ sagt man ja. „Man“ wie in „ich“.

Ich finde, dass deshalb dem Anvertrauen gegenüber Fremden ncihts merkwürdiges, sondern vielmehr etwas total Natürliches anhaftet. Natürlich nur, wenn wir voraussetzen, dass Austausch ohne direktes Gegenüber natürlich vonstatten geht. Wer schon damit beginnt, dass der Kontakt ohne haptisch greifbares Gegenüber unwirklich ist. Ja dem kann und will ich dann auch nicht mehr helfen.

Zeitdillatation

„Bei dir dauert es immer eine halbe bis dreiviertel Stunde, egal obs zehn Minuten oder zwei Stunden sind.“ Sagtest du, während du dein Lächeln trugst. Dein Lächeln, das immer versucht die Ernsthaftigkeit, die für dich dahinter steckt, die Verletzungen und Enttäuschungen, die dich berühren, und die Trauer, die dich lähmt, zu übertünchen.
Dieses Lächeln, dass ich von mir selbst so gut kenne, wenn ich wieder einmal sage: „Alles gut.“, Auch wenn nicht alles gut ist. Nicht mit uns. Aber damit belasten wir niemanden, denn niemand will damit belastet werden.
Dieses Lächeln, das erkannt hat: wir sind mit unseren Worten zu weit gegangen, jetzt belastet es doch. Und versucht das Ganze hinüberzuziehen in die humorvolle Ebene.

„Das ist echt lustig.“ Sagtest du, während du deinen Blick hattest. Deinen Blick, der bemüht ist, die Trauer auszudrücken die du hast, das Gegenüber zu erreichen, gesehen zu werden wie du selbst auch siehst. Dein Blick, den ich von mir selbst auch kenne, wenn ich verzweifelt nach mehr sehne. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Hilfe, mehr von allem. Aber niemand sieht. Nicht uns. Denn niemand will uns sehen. Dieser Blick, der den Mut hat zu sagen was wir nicht sagen: beachte meine Wünsche mehr, verletz‘ mich nicht!

„Wenn Worte meine Sprache wären“ Diese Worte fallen mir immer wieder ein. Danke an Tim Benzko dafür. Das Lied ist nicht so mega, dass Video hoffnungslos kitschig. Aber dieser eine Halbsatz beschreibt unsere Kommunikation.
Wenn Worte unsere Sprache wären, würden wir mehr miteinander reden. Doch so reden wir mit allem außer Worten. Unsere Worte sind Hüllen, die die Stille füllen in der wir uns verstehen. Sind Gebilde, die dem was zählt Raum und Platz geben. Darum magst du meine Texte wahrscheinlich auch nicht. Zu viele Worte für das, was du auch so verstehst. Oder eben nicht. Egal wie viele Worte ich verwende.

„Bei dir dauert es immer eine halbe bis dreiviertel Stunde, egal obs zehn Minuten oder zwei Stunden sind.“ Sagtest du und mir bleibt nichts anderes als dir zuzustimmen. Nachdem du das sagtest war ich kurz darauf unterwegs. Eine halbe bis dreiviertel Stunde. Drei mal hintereinander. Die genaue Zeit, die vergeht ist weniger relevant, scheint mir. Es ist mehr eine Umschreibung. „Ich bin jetzt weg, für eine Weile, aber doch nicht den ganzen Tag. Lang genug, dass es nicht nur kurz ist, zu kurz dass es lang ist“ Könnte man sagen. Oder es auch lassen. Geht es um Zeit oder um eine Lebenseinstellung? Was verletzt eigentlich? Das Aweichen der genannten Zeit oder der vermutete Abspruch von Interesse/Kontrolle oder wie man es auch sonst nennen mag? All das fragte ich mich, als ich feststellte, dass es tatsächlich immer eine halbe bis dreiviertel Stunde sein soll. Und doch nie ist.

Irgendwann wollte ich mit diesem Text zum Thema Zeit und der Wertung derselbigen gelangen. Das erscheint mir nun überflüssig und sinnlos. Denn was ich nutzen würde, um mich zu erklären, sind Worte. Immer mehr und mehr Worte. Hülsen und Gebilde. Leere Worte, die eines genauen Blicks bedürfen um gefüllt zu werden. Diesen Blick, liebster Bruder, haben wir nicht füreinander. Wie aber erkläre ich mich in einem Blick, einem Erfühlen, wenn nicht nur durch einen Zufall.

„Wenn Worte unsere Sprache wären…“ Ja dann könnte es klappen.

Sommertag

„Auf, Sohnemann. Genug auf der faulen Haut gelegen. Wir gehen heute wandern. Also pack deine Sachen, ich will in einer Stunde los!“

Müde grunzt Paul seine Abneigung unter der Decke hervor,  aber das hört sein Vater schon nicht mehr, da er bereits wieder aus dem Zimmer gepoltert ist. Natürlich nicht ohne vorher die Vorhänge zur Seite gezogen zu haben und damit das Zimmer dem gleißenden Licht und der flirrenden Hitze preis zu geben.
Wie sein Vater so früh am Morgen, dazu noch mitten im Hochsommer, an einem Tag wo es schon zum Nichtstun zu heiß ist, auf die bescheuerte Idee kommt, wandern zu gehen… darüber denkt Paul nach, während aus der Küche der kaum zu überhörende Lärm der Frühstücksvorbereitungen herüberschallt. Paul schafft es dennoch und schläft noch einmal ein, nur um kurz danach von seinem Vater erneut geweckt zu werden.

„…und dann könnten wir uns ja eine kleine Pause in der Bergalm gönnen. Was meinst du, eh, Paule? Sag mal… schläfst du etwa immer noch? So haben wir nicht gewettet Freundchen! Schaff‘ dich aus dem Bett oder ich mach dir Beine! Is‘ ja nicht zu fassen mit dir. Einfach so…“

Paul versucht noch den letzten Zipfel seiner Bettdecke festzuhalten, aber er ist zu langsam und so segelt sie zur anderen Seite des Zimmers. In unerreichbare Ferne. Müde blinzelt Paul seinen Vater an, der sich in gespielter Empörung vor ihm aufgebaut hat wie ein Walross. Die Hände hat er in die Seiten gestemmt, das Kinn kampfeslustig vorgereckt, seinen Sohn herausfordernd anfunkelnd. Nur seine Augen verraten den Schalk in der Situation und als Paul den Pfannenwender sieht, der sich aufgrund der Pose auf dem Hemd seines Vaters verewigt, prustet er los, bald gefolgt von seinem Vater.

Und so sind die beiden wenig später, nach einem langen Frühstück mit viel Schabernack und Frohsinn, dann auch unterwegs. Jeder hat einen Rucksack geschultert, der Vater hat es sich sogar nicht nehmen lassen, Hut und Spazierstock zu wählen. Sie wandern durch den dichten Wald, welcher das gemeinsame Haus umgibt und die Sonne zwickt Paul in den, noch immer müden, Augen. Unter den Bäumen nimmt die drückende Hitze des Tages ein wenig ab, wird jedoch bald von einer beengenden schwüle ersetzt, sodass Paul froh ist, als der wald lichter wird und Platz schafft für den Fuß des Berges, den sich sein Vater heute als Ziel gesetzt hat. Erwartungsvoll steht er schon da, wie immer im beherzten Gang schneller als sein Sohn vorangeschritten.

Als sie beide dann am Fuß des Berges stehen, legt der Vater seinen Kopf in den Nacken, schiebt sich den Hut aus der Stirn und schaut eine Weile zum Gipfel. Paul, jetzt schon müde von der Wanderung, graust es ein wenig vor dem anstieg, doch da er seinen Vater kennt, erhebt er keine Einwände, auch wenn er viel lieber nichts getan hätte als das Ende des Tages in seinem bett abzuwarten.

„Weisst du, Paul… letzten Endes sind wir alle ersetzbar. Ich, Du, ein jeder Mensch der dir je wichtig war, wichtig ist und wichtig sein wird. Du magst ein Gefühl von Ihnen mögen und als unersetzbar empfinden… aber die Person die es dir vermittelt ist austauschbar. Denk‘ mal drüber nach. Wir sehen uns oben.“

Und mit diesen Worten stiefelt er davon, während Paul fassungslos seinem Vater hinterherstarrt.

Die Vögel zwitscherten an diesem Tag besonders deutlich, scheinbar hatte sich das Leben zu ihrem Gunsten entwickelt und sie fühlten sich heute besonders gut. Es wehte ein leichter Wind und das hohe Sommergras auf den Hängen verbeugte sich ein jedes Mal, wenn die Böen auf Besuch kamen. Roter Mohn, gelbe Arnika, blaue Glockenblumen und unzählige andere Blumen genossen mit voller Freude die Wärme der Sonne und wiegten sich im leichten Tanz mit dem Wind. Die ganze Welt strahlte eine besinnliche Ruhe aus, das es fast schmerzte in sie hineinzuhorchen. Kein Getier ließ sich vernehmen oder gar erspähen, es war die Mittagszeit und alles schien beschlossen zu haben zu ruhen. Dicke, weiße Wolken quollen über den Himmel; einer Herde Schafe, gut gesäubert für die Sommerschur, gleich zogen sie gemütlich über den Himmel und hielten nur kurz an den bergspitzen an, um ein wenig zu grasen. Einsam hallte der Schrei eines Adlers über den Berg, er selbst jedoch nur als dunkler Schemen am Himmel, mit bloßem Auge kaum mehr zu erkennen. Ganz als wäre die Welt von diesem geräusch aufgewacht, begann ringsumher auf den Wiesen ein wahres Brummkonzert, als sich ungezählte Bienen, Wespen, Hummeln, Brummer und anderes Insektentier in die Luft erhoben und ihrem Tagewerk erneut nachgingen. Salamander huschten über die sonnengewärmten Felsen, eilig Abstand suchend, Gemse sprangen davon und suchten ihre Herden. Alles geriet in Bewegung und Aufruhr, es war eine rechte Explosion des Lebens umher.

Lange sehen sich Vater und Sohn in die Augen, als Paul mit hochrotem Kopf an der Alm ankommt. Anschließend nimmt sein Vater ihn in die Arme und während sie so dastehen, sich selbst Halt gebend und Kraft aus dem anderen schöpfend, ist es Paul gleichgültig, ob er den Schweiß seines Vaters riecht, ob die Wärme ihrer Körper unangenehm klebrig ist… er ist glücklich.

„Ach Sohnemann. Das Leben geht immer weiter.“