Zeit für Zeit

Das Leben fickt mich dezent von der Seite an.
So könnte man es sagen. Mach ich sogar. Denn das ist es, wie ich mich gerade fühle.

Die Deadline – welche nichts anderes als eine innere Hürde vor mir selbst und ein kleines Quäntchen Selbstbeherrschung in formlosen Zeiten sein soll – ist zu einem beständigen Puckern im Kopf geworden.
Oder das Wetter beschert mir diese widerlichen Kopfschmerzen.

Männer die jammern sind unattraktiv. Auch wenn mir das keine der Frauen glauben will mit denen ich darüber rede: dieser Satz wurde mir mehrfach von Wesen mit Brüsten bescheinigt. Und ich meine keine fetten Männer.

Ja das ist sexistisch. Suck it up, mir ist halt mal nach Polemik.

Und für stilvolles Geschreibsel ist irgendwie nie die Zeit, wenn ich die Idee im Kopf habe. Und wer mir nun kommt mit „man muss sich nur die Zeit nehmen“: während des Arbeitstages, inmitten der Begleitung eines von Kindern inszenierten Talentwettbewerbs ist wirklich kein Zeitpunkt um Stift und Notizbuch zu zücken. Zumindest nicht wenn einem etwas an seiner Umwelt liegt.

Lose Gedankenfetzen im Kopf. Unwürdiges Geschwuchtel in meinem Kopf, eigentlich nicht einmal würdig im geheimen schwülstig aufgeschrieben zu werden. Aber irgendwas muss ich ja ausscheiden, immerhin hab ich da diese verfickte Deadline.

Ja das war wieder politisch unkorrekt. Ich bin eben noch nicht fertig.

Es ist Zeit für Zeit. Sagte ich bereits. Sage ich erneut. Es ist Zeit für Zeit. Zeit um auszusteigen und die bitter nötige Handbremse zu ziehen, damit ich eventuell nur mit einem gebrochenen Jochbein davonkomme und nicht mein gesamtes Sein mit Vollspeed gegen die dicke Mauer der Erschöpfung brettern lasse. Das wäre zum einen sehr unangenehm für mich (man stelle sich hier comicartig einen Censay in Ziehharmonikaoptik vor) und zum anderen nicht direkt der gewünschte Effekt, den ich in meinem Leben eintreten lassen möchte.

Es ist Zeit wieder mehr zu schreiben; jene Katharsis am eigenen Geist zu fokussieren in der ich den widerlich schleimigen Klumpen all der unfertigen Gedankenauswürfe meines Geistes trockenlegen und polieren kann.

Die Deadline sollte ein Arschtritt an mich sein. Jedoch ist sie wesentlich mehr. Sie ist Wegweiser für mich. Batteriestatus (seit Monaten hat sich der Vorrat geschriebener Texte stetig verkleinert und ist nun leer) und Warnblinker im kleinen Cockpit meines Hirns.

Männer die jammern sind unattraktiv. Ich sollte mein Negligé anziehen.

53 Minuten

Ich drehe mich um und der Zug fährt los. Perfektes Timing und ganz Hollywood schaue ich nicht zurück.
Ich stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und baller mir das Gehör weg.

Still war es in diesen letzten Minuten. Traurig unser beider Gedanken, jene zarte Mischung aus Schwelgen in dem was war und Sehnen auf das was kommen will. Aber nicht ist und leider auch nie mehr als ein Augenblick in unser beider Leben sein wird. Die Ausnahme von Alltag und Konstrukten, die uns an andere Enden des Landes binden und auch dort halten.

Ich baller mir die Ohren weg, denn die nächste Verpflichtung für mich ist exakt 53 Minuten und ein mal umsteigen entfernt. Ich baller mir Musik in den Kopf um die ganzen Wünsche zum Schweigen zu bringen, die alle nicht meine sind und doch in mir zusammenfließen. Ich bin ein Schmelztiegel für den Frust, die Erwartungen, Hoffnungen und Verletzungen aller mich Umgebenden in diesen Tagen. Doch jetzt nicht. Jetzt bin ich Musik. Lärm und Beats. Zwingend,  schwingend, tragend. Ich bin hier. Ich bin allein. Ich bin ich.

Nicht mehr.
Nicht jetzt.
Nicht für verfickte 53 Minuten.

Danach geht es weiter und die Planung meines Lebens im Rahmen anderer haut mich kurz aus dem Takt. Weiter.

„Was wollen SIE denn?“ Ich weiß was ich will. Aber ich sehe auch, dass ich diesmal nicht dran bin das zu tun. Ich bin die Form in die Lava fließt, halte ich durch, wird es Kunst; Eine Lücke und es ist Pompeji.

Du fährst und ich bin zurückgelassen. Nur für mich. Für 53 Minuten. Ich rechne und komme auf die nächste Zeit „für mich“ irgendwann in einer halben Woche. Kurz flackern die Augen, aber dann hab ich mich wieder. Wird auch gehen. Kann ich ab.

Eine Wahl hat man ja immer. Die Frage ist ob man mit den Konsequenzen leben kann oder will. Aber eine Wahl gibt es immer. Höhnisch zu sich selbst. Hat auch was.

Ich drücke mir die Bässe ins Hirn und aus meinen Gedanken fließen die Worte. 53 Minuten. Nicht viel Zeit und auch schon vorbei wenn ich ankomme, umgestiegen bin und dabei niemand angeschaut habe sondern schreibe, den Blick engstirnig auf die Scheibe. Eng im Blick, weit im Kopf.

So fährst du zu deinem Leben und ein Stück von mir kehrt zurück zu meinem.

Mathematische Differenzen

„Ich bin nicht immer so kompliziert“ sagte er und sie antwortete, sie sei es im Gegenteil immer.
Beide wussten sie, dass der andere nicht ganz sie Wahrheit sagte; fast körperlich spürten sie um den Kern einer gemeinsamen Wahrheit, die unausgesprochen hinter den Sätzen hing.

War er wirklich nicht immer so kompliziert? Oder doch auch immer? Etwas dazwischen?

„Du bist so kompliziert“, das war ein Satz der ihm schon oft gesagt wurde. Von Freunden, Partnerinnen, Familie oder auch Fremden, die nicht mehr als fünf Minuten mit ihm gesprochen hatten. Ungeachtet seiner Wortwahl, egal wie er sich gab oder auch nicht, begleitete ihn dieser Satz bereits so lange er zurückdenken konnte.

Einmal jedoch, fiel ihm ein als er ihre Worte hörte, hatte er aus dem Bauch heraus geantwortet: „Ich bin nicht kompliziert. Ich schwinge nur auf einer gänzlich anderen Welle. Wer dort hinkommt, für den bin ich echt simpel zu verstehen.“ Lange hatte er darüber nachgedacht, was in dieser Situation aus ihm herausgepurzelt war. Lange und gründlich, wie es so seine Angewohnheit geworden war, stets bedacht möglichst alle Blickwinkel zu berücksichtigen.
Anschließend hatte er es – auch ganz seine Angewohnheit – vergessen. Bis es nun wieder aus dem Sumpf seiner Gedanken auftauchte, in dieser einen Situation in der sie ihn ansah und diesen einen Satz sagte.

Wenn das Leben in einer Kurve aus Höhen und Tiefen (beispielsweise Sinusförmig) gezeichnet würde – so dachte er während sich ihre Augen für einen Augenblick schlossen und zu einem perfekten Bogen aus perfekten Wimpern wurden – dann würden sich die Unterschiede zwischen den Menschen leicht erklären. Ein Höhepunkt mehr im Leben, ein Steigungswechsel in den Stimmung, ein Wechsel im Vorzeichen der Erfahrungen, jede noch so kleine Änderung einer einzigen Konstante oder Variable und ein Leben verliefe neben denen der Anderen.

Leben – so seine Überlegung während sich ihre Lider wieder öffneten und ihm den Blick auf ihre unwiderstehlichen grünen Augen freigaben – schien ihm auf einmal viel klarer, reiner und zu definieren. Sehnsucht als der Versuch Lebensfunktionen aneinander anzugleichen, Entscheidungen als willentliche Kürzungen, Substraktionen und Manipulationen von Variablen durch Pläne und das alles in dem Wunsch, möglichst viel Phasengleichheit zu erlangen. In einen Zustand gleichen Schwingens zu gelangen, mit gleichen Steigungen, Nullpunkten, auf den selben Achsen in den selben Dimensionen.

Während ihre Augen ihn anblickten und doch durch ihn hindurchgriffen, während seine Blick ihre Augen traf und sich doch in weiter Ferne verlor wurde ihm eines klar, was er damals nur in seiner scheinbar schlagfertigen Art mit einem Witz hatte sagen können: Für ihn gab es keine dieser Funktionen. Kein Angleichen würde ihn je in diese Welt aus geraden, gebogenen, durchgezogenen und klar zu definierenden bringen. Wenn er versuchte, sich selbst in diesem Bild zu sehen, so blieb ein nebulöses, waberndes und atmendes Knäuel übrig. Ein Haufen unscharfer, rauschender Pixel vor einem Hintergrund klarer Konturen.

Und während ihm dies dämmerte, verriet ihr Blick ihm, dass es ihr genauso ging. Vielleicht sogar vielen anderen Menschen; das war ihm egal. Denn was er sah – dort wo ihre Augen in ihre Gedanken übergingen, an diesem Ort in den sie ihn blicken ließ ohne es zu wissen und an den er sie vermutlich im gleichen Maße blicken ließ – war die Gewissheit, dass sie mit ihm in Gleichklang atmete.

Zumindest für diesen einen Augenblick.

Rollende Räder

Wieder am reisen, diesmal allerdings mit dem Bus… sehr zu meinen Leidwesen. Nicht, dass ich Bus nicht mag, oder die nette Dame neben mir unangenehme Gesellschaft wäre. Im Gegenteil: die Fortbewegung ist eine der mir liebsten. Mehr Platz als im Zug, vor allem im Fußbereich; die Gesellschaft ist sogar äußerst sympathisch (ich bin ja eh ein Mensch, der mittlerweile ganz gerne mit Fremden in Kontakt tritt). Allerdings bin ich mit dem Bus einfach mal das anderthalbfache der Zeit unterwegs. Was in Berlin jetzt kein Thema wäre, da man dort meist eh nicht viel mehr als eine Stunde unterwegs ist.
Heute sind es dann mindestens neun.

Als ich – nach einer viel zu kurzen Nacht – aufwachte, war mein Kopf voll mit Ideen, was ich in dieser vielen Zeit alles schreiben will. Ein Buch? Ach waaas. Brauch ich gar nicht erst mitnehmen, ich habe ja meine Geschichten im Kopf und schreibe ganz viel.
Das mit dem Denken sollte ich neu überdenken…

Die Räder rollen unter mir in einem gleichbleibenden, wegen der Unebenheiten allerdings nicht völlig monotonen, Brummen dem Ziel entgegen. Die Landschaft schlendert vorüber, denn in der Weite hat sie Zeit. Zeit es sich noch einmal zu überlegen, was sie eigentlich mit sich selbst anstellen will. Zeit sich hinzusetzen und inne zu halten, ungeachtet der hektischen Käfer, die durch sie hindurchrasen. Zeit, dem Wetter in seiner Unentschlossenheit beizustehen und seine Launen auszuhalten, ganz egal was es auch anbringt.

Und auch ich gleite mit den Rädern meinem Ziel entgegen. Auch ich schlendere durch die Täler meiner Träumerein und schaue meinen Gedankenflocken bei ihrem gemächlichen Treiben zu. Auch ich entschleunige.
Die Ideen, die Anspannung. Alles was mich in den letzten Tagen nahe an die Stimmung eines verletzen Grizzlys brachte ist -vorerst zumindest – in der Gleichförmigkeit des Reisens erstickt und bröckelt leise von mir ab.

Ich wollte über so vieles schreiben, doch letztlich schreibe ich nur darüber, dass ich gar nicht schreiben will. Nicht denken; zumindest nicht bewusst. Mal schauen, wie lange das so bleibt und in meinem Kopf Ruhe herrscht.

Vom Ende einer Freundschaft

Womit fange ich an, wenn ich vom Ende reden will? Vermutlich mit dem Punkt, ab dem es endete und dann immer einen Schritt weiter bis es vorbei ist…

Ich saß auf dem Geländer eures Balkons. Diese merkwürdige, rot gemauerte Vertiefung in einer ansonsten unscheinbar gehaltenen, vom Smog der Stadt über die Jahre abstoßend gefärbten, Häuserfront. Sogar das Geländer hatten sie gemauert, damit es -wie das Haus auch- alles überlebt. Krieg, Abgase, die nächsten Generationen verkommener Mieter. Zusätzlich hatten sie eine Alu-Blech-Metall-Wasauchimmer-Krone auf die blutig rot anmutende Befestigung gesetzt und somit ihr glänzendes Denkmal für die „Ewigkeit“ gesetzt. Ein hässliches, kaltes Denkmal, aber immerhin doch für alle Zeiten gesetzt, die in der Gedankenwelt der Erbauer eine Rolle spielen könnten.
Es war eine wirklich kalte Nacht, zumindest gemessen an den Nächten vor und nach dieser Einen und den Temperaturen des Tages selbst. Vielleicht war es aber auch nicht wirklich kalt und nur das Gefühl von Kälte ist in meiner Erinnerung geblieben.

Ich erinnere mich daran, dass es regnete. Denn während ich dort saß und (vermeintlich) fror, gluckerte am Straßenrand ein deutliches Rinnsal durch den Rinnstein. Ich erinnere mich daran ganz genau; lange saß ich dort und philosophierte darüber, woran mich dieses Wasser erinnerte. Es waren nicht die Tränen, die für uns vergossen wurden. Es war nicht die Schwelle zum Jenseitigen die sich nur für mich in jener Nacht im fahlen, gelblichen Licht der Straßenbeleuchtung offenbarte. Letztlich, so kam ich mit mir selbst überein, musste es das Blut der Stadt sein. Je länger ich hinschaute, desto mehr nahm ich ein Pulsieren in den Strömen wahr, desto mehr gewann das Dunkel dieser Venen die Ähnlichkeit zu Blut. Es war kein direktes Rot – denn die Farbenwelt, derer sich eine nächtliche Welt in fahler, gelblicher Straßenbeleuchtung bedient – ist einzigartig.
Wer sagt, alle Katzen seien Nachts grau, hat noch nie in einer Stadt gelebt. Nachts sind alle Katzen, Autos, Busse, Menschen, Regentropfen, Wände, Asphalt… einfach alles… schmutzig und fahl gelblich, einzig durch ihren Grundton unterscheidbar. Oder im Schatten dieses Lichts und durch die Ablenkung der Lampen unsichtbar für unsere einfach gestrickten Augen.
Jenen Augen, die – wie unser Hirn – meist nur das Offensichtliche sehen wollen und sogar davor nur all zu oft die Lider verschließen.

Du hast geraucht, ganz die Schurkin eines Hollywooddramas, während du still im Schatten auf der Bank gesessen hast. Der Schatten der Wand, durch das rückwärtige Licht so geworfen, umgab dich mit einer Stofflichkeit, die über die Tiefe von Schatten hinausging. An jenem Abend hattest du dich in deinen Wintermantel gehüllt, doch was dich wirklich umhüllte war viel mehr als nur Stoff und der Rauch deiner ewig glimmenden Kippe. Ihre Leuchtspur, wenn du sie zum Mund führtest und ihr stetiges Pulsieren, während du einen Zug nahmst, bildeten die einzigen Löcher in der undurchdringlichen Mauer, die in der Stille der Nacht eiskalte, scharfe Kanten bekam.

Wir saßen lange, schweigend, in der Kälte dieser bizarren Nacht. Unbewegt in unseren Positionen, weit weg von unserem Körpern. Vermutlich hätte mir eine Zigarette ebenfalls gestanden, wie ich dort auf der Brüstung saß; ein Bein lässig herunterbaumelnd, eines auf dem Geländer abgestellt und nahe an meinen Körper herangezogen. Ich lehnte mich gegen die kalte, wegen des Regens schleimig nasse, Wand und verschränkte die Arme über dem Knie. Eine Zigarette hätte gepasst. Ebenso ein Hut und Stiefel mit Sporen. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert und ich rauche nicht. So blieb mir nichts um meine Gedanken festzuhalten und jedesmal, wenn meine Aufmerksamkeit zufällig an die Oberfläche tauchte, hatte sich an der Szenerie nichts verändert.

Es gibt viele Ansichten, wie Zeit sein könnte. Ein Fluß, ein Ozean, eine Uhr mit 2 bis 3 Zeigern, ein Zahnrad hinter den Vorhängen unserer Welt, eine Art Kleber zwischen den Dingen und ihren Zuständen, Unsinn, subjektiv und in der Grundsache zu wenig vorhanden, endlos und unsichtbar…
In jener Nacht hatte sie sich selbst vergessen. Ihre Bestimmung, ihr Streben, ja sogar ihre Form war einer gesichtslosen undefinierbaren Stasis gewichen. Wenn Zeit als Übergang eines Zustands in einen anderen gilt, hatte sie damals bestimmt vergessen weiter zu gehen.
Ich erinnere mich, das durch ihr Fehlen auch die Kälte verblasste, der Regen leiser wurde und es mir unmöglich wurde mit meinen Gedanken an der Oberfläche zu verweilen. Die Zeit war gegangen und hatte allen Dingen einen Anstrich aus Belanglosigkeit verpasst, unter dem, leise tröpfelnd, der Kern der Sache vermoderte.

Dort saß ich also in jener kalten Oktobernacht, während die Stille das Leben aus unserer Freundschaft drückte und in genüsslicher Ruhe das Mark aus den Knochen unserer Verbundenheit schlürfte.
Ich stand, irgendwann, auf und ging, hinter mir die zerbrochenen Gebeine dessen was ich für langlebig gehalten hatte.
Ich stand auf und ging in völliger Stille, als ich an der Tür nach innen kurz innehalten musste, weil mir der perfekte Satz zum Ende einfiel. Doch als ich zu dir hinüber sah warst du immer noch nicht viel mehr als Schatten und Zigarettenglühen und mir fiel auf, dass der Satz zu dem Hollywoodverständnis der Situation gepasst hätte, das Leben aber eigentlich auch ohne Platitüden auskommt.

„A proper story’s supposed to start at the beginning.“ Das sollte sie wirklich. Doch wo beginne ich, wenn das Ende der Anfang ist und damit die Geschichte vorbei ist, bevor sie beginnt?

Ich gehe schweigend und damit ist eigentlich alles gesagt.