Der Festtag (unvollständig)

Noch immer lag Kälte über den Wäldern, noch immer schien das Leben der Menschen auf ihr Dorf und alles in einer halben Tagesreise entfernt beschränkt. Um so mehr war die Ankunft des Reisenden Grund zum Getuschel. Er war vor zwei Tagen angekommen, hatte sich im Haus des Dorfältesten eingenistet — dreist das Recht der Gastfreundschaft fordernd — und seitdem sah man ihn durch das Dorf und die umliegenden, noch brach liegenden, Felder streifen.

Er war seltsam anzuschauen. Alt, schon leicht gebeugt vom Alter war er und seine grauen Haare fielen in langen Strähnen um seine knochigen Schultern. Sein Gesicht war faltig wie die Borke einer alten Eiche, sein Mund, der sich nur hin und wieder öffnete um über irgendetwas Unsichtbares zu lachen, war zahnlos.

Dennoch war dieser alte Mann durch die Kälte dieses verspäteten Frühlings gewandert, allein, schwer auf seinen Wanderstab gestützt und nur mit Lumpen bedeckt.

„Suchst du jemand?“ Neugierig schaute das Kind hinter einem Baum hervor und er hätte sie mit seinen ermüdeten Augen fast nicht entdeckt, wenn ihre kupferroten Haare nicht so aufgefallen wären. Er richtete sich auf, wobei man das Knacken alter Knochen hören konnte und blinzelte das Mädchen an. Sie zog sich ein wenig mehr hinter den Baum zurück, behielt den Alten jedoch im Blick. Müde lächelte der Mann und versuchte unter er Flut der Haare das Gesicht seines Gegenübers auszumachen. Er wurde unterbrochen, als sie Ihre Frage wiederholte.

„Ob du jemand suchst!“ Ihr Ton war energisch, fordernd und schon jetzt frei von Scheu, wie es nur Kinder sein können. „Nun, das stimmt einerseits, aber andererseits nicht.“ Das Kind rückte wieder ein wenig mehr hinter dem Baum hervor. „Was soll das denn für eine Antwort sein?! Entweder suchst du wen, oder nicht! Du bist merkwürdig.“ Während er leise in sich hineinkicherte, verließ sie den Schutz des Stammes und schlenderte, bewusst uninteressiert, heran. Er sah, dass sie dünn, nahezu mager war. Sie trug einige verdreckte Lumpen, aus denen streichholzdünnen Ärmchen und Beinchen herausragten. Ihr Gesicht war schmal, spitz zulaufend und ihre Augen zu groß für den kleinen Kopf. Sie wird später einmal schön werden. Das kann man bei ihr nicht sagen dachte er, musste sich jedoch eingestehen, dass ihre Augen etwas Bestechendes hatten. Sie schienen einen gefangen zu nehmen und…

„Was hast’n dir da angeguckt?“ Erneut wurde er in seinen Gedanken unterbrochen. Er schmunzelte erneut und drehte sich zu dem Kind um, welches mittlerweile neben ihm hockte und auf seinen Fund schaute. Auf dem kargen Boden hatte sich ein Fleck grünen, dichten Grases gesammelt und inmitten dieser grünen Oase war eine Blume zu sehen. Es war eine Blume aus schmalen, trichterförmigen Kelchen, die von einem reinen, weißen Blütenboden zur Spitze hin in ein blasses Rot zerflossen. „Ein Schneeball. Sehr selten, die um diese Zeit schon zu finden.“ –„Wie, ein Schneeball?! Das is‘ doch ’ne Blume.“ Diesmal lachte der Greis hörbar, seltsam keuchend. Das Mädchen lachte mit, obwohl sie nicht verstand worüber, war sich nun aber sicher, zu wissen wieso die anderen den Mann als komisch bezeichneten.

„Ein Schneeball, Kindchen, ist eine Blume. Siehst du, wie die Blumen sich zu einer Kugel formen? Hier. Schau. Dort wo die eine Knospe noch nicht geöffnet ist. Als hätte sich ein Schneeball über die strahlende Sonne hinweggesetzt und sich an einem Grashalm festgeklammert. Sein einziger Abstrich an die Kraft der Sonne ist dieses zarte, rote Geflecht, das sich von seiner Spitze auszubreiten beginnt. Und dann, wenn die Sonne all ihre Kraft besitzt, dann wird die Blume für kurze Zeit in einem leuchtenden Rot erblühen um letztlich, ganz als würde sie verbrennen, zu verwelken. Darum, Kindchen nennt man sie Schneeball.“ Der Alte atmete schwer, solch lange Vorträge nicht gewöhnt, das Kind starrte ihn mit großen Augen an, fasziniert von seinen Worten. Sie schaute auf die Blume, ließ ihren Blick zurück zu dem Mann und an ihm vorbei zur Sonne streichen. Falten zerfurchten ihre Stirn, als sie nachdachte. Worüber blieb unklar, denn sie schien nicht gewillt, ihre Gedanken auszusprechen. Als sie wieder nach unten blickte, war der Greis schon einige Schritte weit gegangen, wieder vertieft in die Betrachtung seiner Umgebung. Ein Laut des Unmuts entfuhr dem Mädchen, es sprang auf und dem Alten hinterher, lautstark dessen Aufmerksamkeit fordernd.

2 Kommentare zu “Der Festtag (unvollständig)

  1. Gibt es eine Fortsetzung der Geschichte? Mir gefällt sie sehr gut bis jetzt.
    Kinder sind noch so herrlich unbeschwert und sie können staunen und sind leicht zu begeistern. Sie schauen mit dem ‚Herzen‘. 🙂

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