Die Schwierigkeit des Leichten

Es ist jetzt eine Weile her, seitdem wir das letzte Mal in Kontakt waren. Viel ist passiert in dieser Zeit. Viel und doch eigentlich wenig. In deinem letzten Brief hast du geschrieben, meine Post sei immer von einer Schwere erfüllt, die dich – um dich hier einmal zu zitieren – „niederringt und erdrückt, auch wenn es durchscheint, das dir [also mir] die Schwere nicht so deutlich bewusst ist. Vielmehr scheint es, als sähest du eine Leichtigkeit in deiner Schreibweise, weil die Themen für dich nicht negativ konnotiert zu sein scheinen. So schreibst du mit leichter Feder über den Tod einer Motte, die letzten Endes doch dem Menschen ähnelt.“
Darüber dachte ich nach; Darum ließ dieser Brief so lange auf sich warten. Ich würde lügen, behauptete ich, diese Aussage habe nicht einen wunden Punkt getroffen und es habe etwas gedauert bis ich meinen verletzten Stolz einpacken und dir erneut schreiben konnte. Ebenso will ich nicht behaupten, dass mir dein Brief leicht im Magen lag. Genauer gesagt habe ich ihn mittlerweile bestimmt um die 17 Male gelesen, stets aufs Neue in tiefen Zweifeln, voller Wut und letztendlich – zum Ende deiner langen Ausführungen – dankbar. Es ist selten, Menschen zu treffen die wahrlich ehrlich mit anderen sind, doch wenn ich deinen Brief (wieder und wieder) lese, fällt mir vor allem die Ehrlichkeit des Ganzen auf. Ein Schlag ins Gesicht ist selten gut. Doch eigentlich immer ehrlich.
Ich will versuchen, dir zu beantworten, warum meine Texte schwer sind, warum sie nicht daherflattern wie ungetrübte Wolken oder eine sanfte Sommerbrise, warum sie nicht in der Lage sind, selbst einfach Verhältnisse locker und fluffig aufzuzeigen.
Leicht sein ist schwer. Meine Schwester, an sich keine sonderlich „weise Sprüche liebende“ Dame, hat neben Ihrem Arbeitsplatz den Spruch „Schreiben ist harte Arbeit“ hängen. Auch wenn es in Ihrem Kontext anders zu verstehen ist (du erinnerst dich: Sie ist kreativ tätig und oft im Druck, Texte zu produzieren), so wohnt dem Spruch doch eine uns einende Wahrheit inne. Schreiben ist selten leicht. Für mich jedenfalls nicht.
Ja, die Themen die ich wähle sind meist in ihrer Grundlage bereits dunkel/schwer. Aber auch wenn ich diese Themen positiv sehe, ist dies meist aus einem melancholischen Blickwinkel. Selbst wenn ich diesen Blickwinkel als leicht und positiv empfinde, so findet in dem Prozess des Niederschreibens oft eine… Transmutation statt. Mag die Idee noch positiv besetzt sein, so ist der Weg, über den mein Kopf die Sache ausarbeitet in der Regel nicht durchweg positiv.
Nehmen wir ein Beispiel. Ich denke über eine Geschichte nach, in der ich ein Glitzern beschreibe. Entlang dieses Glitzerns wandert die Geschichte vom Himmel durch die Baumwipfel in einen See, immer tiefer in den See hinein, stets im Wunsch, dem Glitzern näher zu kommen. Doch während ich diesen Flug beschreibe, fällt mir ein, die Umgebung zu beschreiben. Der Himmel, noch klar und frei, wird zu dem See, in dem es dunkler und bedrückender wird, je tiefer ich wandere. Und am Ende, am Ziel der Reise angekommen, ist das Glitzern verschwunden und Dunkelheit umgibt mich.
Wie man sieht, ist eine Geschichte für mich meist eine Reise. Eine Reise durch meine Gedanken, durch die Szene die ich beschreibe, so wie sie in meinem Kopf besteht. Und während ich diese Szene beschreibe, vermischen sich meine Vorstellungen mit . . . transzendenteren Begrifflichkeiten. Das Glitzern, in der Idee noch nur eine Spiegelung in der Luft, wird zu einem Konstrukt, das zu erreichen gesucht wird. Und noch während ich es zu erreichen versuche, schiebt sich der Gedanke dazwischen, dass am Ende der Suche nur das Ende der Suche stehen kann. Und so stapeln sich Gedanken über Gedanken, bis der Geschichte eine für mich so typische Schwere anhaftet.
Vielleicht ist es eine unbegründete Angst, vielleicht ist es auch einfach eine mir eigene Unfähigkeit… Doch wenn ich darüber nachdenke, einen Text zu schreiben, der diesen Vorgang NICHT beinhaltet… Ich glaube, einen solchen Text empfinde ich als Zeitverschwendung. Mein Schreiben ist lyrisch nicht annähernd gut genug, als das ich mich der Hoffnung hingeben könnte, jemals etwas zu schaffen, das bleibenden Wert hat. Entsprechend kann ich nur etwas schaffen, dass für MICH Wert hat. Und ich, das sollte dir ja mehr als deutlich bewusst geworden sein, denke immer nach.
Vielleicht kann ich eine andere Art zu schreiben entwickeln, wenn ich anfange mich selbst anders zu sehen. Vielleicht kann ich mich anders sehen, wenn ich anfange anders zu schreiben. Wer kommt zuerst. Das Ei oder das Huhn. Ich glaube jedoch, dass mein Schreiben weiterhin Ausdruck dessen sein sollte, was mein Kopf ihm diktiert und daher belasse ich es so, wie es ist. Schwer aber ehrlich. Leicht im Gedanken, schwer im Lesen.
Denn Schreiben ist harte Arbeit.

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