Weite

Im Grunde kann ich wirklich nicht einmal mit schlechtem Gewissen behaupten, dass ich hoch hinauf gekommen bin.

Der Bahnübergang, auf dem ich die letzten, matten Sonnenstrahlen eines eher frischen Tages einatme, ist gerade einmal siebenunddreißig Stufen hoch. Genug um einen Zug und vielleicht noch einen Surfer auf diesem Zug durchzulassen; aber nicht mehr als unbedingt nötig. Wahrlich kein Bauwerk, dass den Erbauer bis ans Limit seiner Baukunst oder mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit getrieben hat.
Immerhin komme ich bis an die Baumkronen um mich herum ran und als die Wipfel vor mir in einem zittrigen Gruß auf mich zuschawanken, bin ich auf den kalten Wind – der mir dennoch eine kleine Träne ins Auge treibt – vorbereitet.

Der Tag hat komische Farben, fällt mir dabei auf. Fast scheint es so, als seien der Welt heute die Farben ausgegangen und nur noch Pastelltöne übriggeblieben. Alles wirkt schwammig und ineinander übergehend. Der zartgrüne Wald verschwimmt mit dem blassen Grau des Bahnsteigs, huscht kurz über einen hellbraunen Gehweg, ausgetreten und verwaschen wie die Farben um mich her. Mein Blick gleitet weiter, stürzt sich über die ebenfalls blassgraue Bahnsteigkante und während mir der Wind in den Ohren pfeift, knallt mein Blick mit einem saftigen Klatschen im rostbraunen Steinbett des Gleises auf. Meine Augen folgen der schnurgeraden Bresche, die das Bahngleis in den Pastellwald schlägt und in der Weite glitzert eine der abgenutzten Schwellen im letzten trüben Licht des Tages. Würde jetzt ein Fisch aus den schlammigen Wellen des Gleisbettes springen… ich wäre wahrscheinlich nicht im mindesten erstaunt, so sehr drängt sich mir der Eindruck eines schmutzigen, zäh hinfließenden Flusses auf.

Die Schienen, ein stetig parallel verlaufender Gedanke ohne sichtbares Ende, scheint sich am fernen Horizont mit dem milichg grauen Himmel zu vereinen. Dort hinten in der Weite hat die Farbe endgültig kapituliert. Während hier um micht herum das Pastell unbemerkt von den meisten die letzte Schlacht um die Grenze zwischen den Dingen führt, ist in der Weite nichts weiter als übrig als eine ausgelaufene, verschmierte Ruine der Formen meiner Welt. Blau ist Braun ist Grün ist Rot und so ist nichts voneinander zu trennen. Baum ist Wolke ist Vogel ist Gleis und in diesem Brei wird alles eins um seine Gestalt zu verlieren.

Im Grunde kann ich wirklich nicht einmal mit schlechtem Gewissen behaupten, dass ich hoch hinauf gekommen bin…
doch es reicht um zu sehen wie sich die Welt in der Weite krümmt.

2 Kommentare zu “Weite

  1. Meine gedanklichen Assoziationen dazu, auch wenn deine Geschichte wahrscheinlich anders gemeint ist:
    In der Weite verlieren sich Grenzen, alles geht ineinander über, alles scheint anders, verliert sich, ein anderes, neues Bild zeigt sich, zeigt sich vielleicht, weil der Blickwinkel erweitert…

    Gefällt mir

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