Das fremde Ich

Er erwachte, wie an jedem beliebigen anderen Werktag, als sein Wecker ansprang und in stetig steigender Lautstärke ein Piepen durch die Wände seine Träume schleuderte. Sein stets hellwacher Geist hatte auch heute keine Probleme sich zu sortieren und die gewohnten Handlungen anzuregen. Er stand auf, fischte seine Schlappen unter dem Bettüberzug hervor, schüttelte Kopfkissen und Bettdecke auf und schlug die Tagesdecke mit derselben geübten Bewegung zurück, wie er es seit dem Tod seiner Frau die letzten neun Jahre zu tun pflegte. Ein prüfender Blick, ein kleines, verkniffenes Lächeln und er wandte sich ab um seine Morgentoilette zu erledigen.

Ich schaue diesem Wesen hinterher. Jenem Sinnbild, dass einem ersten, kurzen Gedanken in meinem Kopf entsprungen ist und ein eigenes Leben entwickelt hat. Eigenes Leben? Hat es das, wenn alle seine Handlungen und Gedanken einem Gedankengang meines Hirnes entsprungen und doch nur symbolisch zu verstehen sind? Ist das kleine Lächeln Ausdruck einer Freude oder doch nur das I-Tüpfelchen auf der Leinwand eines alten, routinierten – fast schon neurotisch exakten – Prototypen von Menschsein, den ich zu entwerfen versuche?
Wie viel Leben hat dieses Ich eigentlich, das ich die Bühne betreten und agieren lasse nach einem Plan, der von Beginn bis Ende festgeschrieben scheint? Steht mehr hinter seinen Handlungen, in diesem Raum den ich nicht definiere; sei es aus Faulheit, Vergesslichkeit oder literarischer Notwendigkeit? Lächelt er vielleicht das angegraute, tausendfach verliebt betrachtete Bild seiner Frau an, während die Gewohnheit eines in gemeinsamer Glückseligkeit verbrachten Lebens mechanisch die Rituale des Aufstehens erledigt? Lächelt er über die befriedigende Genauigkeit seiner Arbeit, während seine faltige Hand die Kordrillen der Tagesdecke in einen exakt rechten Winkel zur Bettkante streicht und ein innerer Dämon endlich Ruhe gibt?
Wem gehört dieses Lächeln, dass ich veranlasst habe, welches aber von einem anderen Ich gelächelt wurde?

Während er sich unter die Dusche stellte und das Radio aufdrehte, befasste sich sein Geist bereits mit den anstehenden Tagesaufgaben. Butter ging aus, Brot auch. Einen Termin bei der Friseurin musste er auch machen, die Rothaarige war heute im Laden. Roswita oder Klara. Er wusste nicht mehr wie sie hieß, aber dafür war sie stets freundlich und gab ihm nach dem Schnitt meist noch eine kurze Kopfmassage, auch wenn ihre Chefin das nicht erlaubte und mit ihr schimpfte. Was sie jedoch stets mit einem Zwinkern in den Augen sagte, weshalb er nicht ganz wusste ob das ein Scherz war oder nicht. Oh und Käse durfte er nicht vergessen, den guten Emmentaler. Der alte war trocken geworden als er gestern beim Abendbrot kurz…

Meine Gedanken überschlagen sich in dem Versuch, im Denken des Anderen mitzuhalten. Dabei habe ich alle Zeit der Welt um aufzuschreiben, was ich mir selbst ausdenke, denn ich bin natürlich nicht unter der Dusche und meist denke ich dort auch nicht über Alltägliches sondern über Transzendentes nach. Komische Angewohnheit. Aber ein anderes Thema. Ich bin gefangen im Tempo des Wesens, das denkt und denkt und denkt; emsig wie ein kleiner, schrumpeliger Käfer, der im Sommer seine Mistkugel vor sich herschiebt. Seine Gedanken sind meine Gedanken und doch humpele ich hinterher im Versuch einzutauchen in eine Welt, die letztlich dann eben doch nicht meine ist. Und wieder der Zweifel: oder ist sie das doch?
Wem gehört diese Gedankenwelt, in der sich die mir ungewohnten Gedanken eines fast fertig gelebten Lebens wie an einer Perlenschnur aufreihen in der kleinen Welt eines Menschen, der bereits die ganze Welt gesehen hat. Oder auch nicht.
Ich weiß es nicht.
Ich müsste ihn fragen ob er bereits genug oder noch nichts gesehen hat. Seine Welt beschränkt und mit Mauern umgibt um geliebte Erinnerungen zu schützen oder weil die Grenzen seines Geistes härter sind als Beton.
Dieses Ich, der aus mir entsprungene Gedanke, wird mir zunehmend fremd und ich blickte verwirrt, zugleich aber auch gespannt auf die nächste Szene die sich mir entfaltet.

Indem der Mensch die Dinge um sich herum benennt, schält er sie ins Bewusste, beraubt sie damit der Möglichkeiten die sie hätten sein können und presst sie in eine Form, die er nach seinem Willen formen kann. Ähnlich diesem Prinzip stehe ich zwischen mir selbst und dem Wesen meines Geistes, gebannt verharrend in einer bizarren Handlungsunfähigkeit. Unzählige Szenarien verlebt mein Gegenüber innerhalb kurzer Gedankenblitze, während ich gemächlich das Schampoo aus meinen Haaren reibe und damit beginne meinen Körper einzuseifen. ‚Es ist schon merkwürdig mit den Gedanken‘ denke ich, als der Schaum an meinem knorrigen Körper in den Tälern der Falten abläuft und dabei ein Flussdelta bildet. Ganz wie am Nil damals. Ah, ist das schon lange her. Aber schön war es damals und nicht so verworren, als er noch mehr hatte als dieses fremde Ich um sich selbst zu unterhalten.

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