Tall as a tree

„Wer Wurzeln schlägt, übersteht jeden Sturm.“

Diesen Satz predigte der Priester des kleinen Weilers, aus dem ich stamme, immer und immer wieder. Als ich noch sehr klein und jung war, erlebte ich danach immer die wildesten Abenteuer als Baummensch, meine Füße ein paar knorriger Wurzeln,  meine Finger gruselig flüsterndes Astwerk. Als ich dann nicht mehr so jung, aber noch immer klein war, verlor der Spruch für mich am Reiz. Wer Wurzeln schlug, der blieb stehen. Gefangen an einem Ort. Dabei gab die Welt so viel her, gab es so viel zu entdecken. Verschwendung, wer sich da lieber eingrub als losgelöst durch die Luft zu segeln.

Was dieser Satz wirklich heißt, wie wichtig er auch für mich geworden war,  dass wurde mir erst in späteren Jahren klar. Und wie die meisten der dauerhaften Erkenntnisse überkam sie mich urplötzlich,  ohne Vorwarnung und in vollem Lauf.

Ich ging durch den Wald, unterwegs zu einem Treffen romantischer Art an einem See. Es war ein sonniger Sommertag,  ganz so wie es sich für den Sommer gehört. Die Hitze wurde durch ein laues Lüftchen erträglich gestaltet,  einer der Gründe dafür, warum das Treffen am See stattfinden sollte. Nachdem mein Kutscher mich am Waldrand angesetzt hatte – mich hatte die Lust überkommen, den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen um mich vor dem Treffen noch ein wenig zu sammeln – ging ich somit also am diesem lauen Sommertag durch den lichten Sommerwald. Trotz der gedämpften Sonnenstrahlen war es unter dem Blätterdach keineswegs dunkel, höchstens ein wenig diesig. Gemütlich sickerte das Licht durch die in den Baumkronen und mache die staubige Luft im Wald sichtbar.

Wie ich also so vor mich hin ging,  kam es dass ich auch den Blick schweifen ließ. Dabei,  vielleicht hervorgerufen durch ein Glitzern in den Blättern oder eine Lücke in der Decke, lenkte sich mein Augenmerk auch nach oben. Wie es in einem Wald so passieren kann, war ich just in diesem Moment ganz in der Nähe eines riesigen Baums.

Und mit einem Schlag wurde mir die wahre Tragweite des alten, längst vergessen geglaubten Spruchs deutlich.

Dieser Baum war eine jener Bäume, die zu umfassen drei Menschen Schwierigkeiten gehabt hätten, dessen mächtige Arme einer kleinen Kompanie Schatten spenden könnten. Ein Blick auf dieses bombastische Monstrum genügte um mir klar zu machen: dieser Baum steht seit sehr langer Zeit und wird noch stehen, wenn du Geschichte geworden bist.

Neugierig geworden umrundete ich den Stamm und untersuchte den Verlauf der Pflanze. Stürme hatten seinen Wachstum das ein und andere mal rüde unterbrochen, Äste – von denen ein jeder so dick wie ein normaler Stamm gewesen sein mussten – waren abgeknickt worden und die Wucht des Windes hatte den Stamm seltsam verdreht zurückgelassen. Doch an jeder Stelle, an der ein Ast abgebrochen war, hatten zwei neue Leben gefunden. Trotz der verdrehten Hülle war der Stamm stetig weitergewachsen. Kleine schwarze Spuren verunstalteten die Rinde des Baums, doch waren sie das einzige Zeugnis vergangener Waldbrände.

Staunend wie ein kleines Kind lief ich mehrfach um den Waldriesen herum und legte mich schließlich in eine Mulde zwischen seinen Wurzeln an seinem Fuße. Vergessen waren Verabredungen, vergessen alle romantischen Absichten.

Ich hatte Ruhe gefunden. Mein neues Leben begann.

6 Kommentare zu “Tall as a tree

  1. Manchmal auch so, ok, nur ist es wahrscheinlich viel schwieriger, solange ‚Altlast‘ trägt. Aber dann stellt sich mir natürlich auch gleich wieder die Frage: Kann ‚Altlast‘ jemals komplett abgetragen werden?
    Ach, schon schwierig alles………..

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  2. Erst wenn es in uns selbst ruhig wird, wenn sich in seltenen Momenten etwas in uns leert, sodass wir leicht sind, leicht und frei, dann kann ein neuer Abschnitt beginnen.

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