Commitment Pussies

Pussy, Unterart Commitment Pussy:
„Die gemeine Commitment Pussy (Im folgenden mit CP abgekürzt) hat ihren Lebensraum in allen Ländern dieser Welt, wobei jedoch eine erhöhte Häufung in dichtbevölkerten Teilen der Erde festzustellen ist. Ursachen werden hierfür in der erhöhten Auswahl an Mitgliedern gleicher Spezies und draus resultierend einer verringerten Zwanglage gesehen.
Die gemeine CP zeichnet sich durch ein erhöhtes Maß an ausweichendem Verhalten aus, was nahelegt, dass sie seit frühester Kindheit einer erhöhten, unverhältnismäßig großen Bedrohung durch Andere seiner Spezies ausgesetzt sein muss. Ein infolgedessen zu erwartender Populationsrückgang ist eine naheliegende Annahme, jedoch kann aufgrund eingehender Studien festgehalten werden, dass ein Anstieg der CPbevölkerung innerhalb der letzten 20 Jahre um mindestens 500% zu verzeichnen ist. Genaue Ursachen hierfür sind unklar, Theorien reichen hierbei von o.G. verringerter Zwangslage, genetischer Fehlbildung und hierdurch überhöhter Reproduktion bis hin zu Theorien, nach denen sich CPs von Menschen ernähren, was den Anteil selbiger prozentual erhöht.
Im allgemeinen ist eine CP jedoch meist harmlos. Bewährte Abschreckungsmittel sind sämtliche Zeichen ehrlicher Zuneigung oder Vertrauensbeweise.“

Nun, nachdem wir über unser aller Bibel, den Duden, geklärt haben, was ungefähr unter einer CP zu verstehen ist, möchte ich Ihnen heute meine – ganz eigene und wahrscheinlich für viele Ohren unglaubwürdig klingende – Meinung zum weltübergreifenden Phänomen der CP schildern.

„Sich commiten“. Neudeutsch für den veralteten Begriff „sich einlassen“.
„Sich an etwas binden“.
„Sich voll für etwas einsetzen“.
Heutzutage kennen wir das alle. Immerhin commiten wir uns in der Firma bis zum erbrechen, damit das große Bosswesen über uns unser Commitment bemerkt und sich denkt: „Joa. Den. Den will ich behalten. Der commitet sich.“ Wir commiten uns in unseren Sportvereinen, wir commiten uns in unseren Skatclubs, wir commiten uns bei der Wahl von Deutschlands nächster Superstimme. Wir lassen uns ein auf alles was nicht Niet und Nagelfest ist, ständig bedacht offen, empathisch und möglichst „Gefühlsecht“ zu sein.
Denn zu fühlen ist Hip.
Mit sich selbst in Kontakt treten, auch einmal Tränen zulassen und ganz offen und ehrlich über unsere unglaublich tragische Liebe zur ersten Katze im Alter von 6 Jahren zu reden… das ist In. Darauf fliegen die Männer (bzw. Frauen).

Das Leben ist nicht mehr so wie mit 16. Das ist den meisten von uns klar, die Redewendung „Jeder trägt sein Päckchen“ wahrscheinlich nach „Scheiße“ in der Top 10 der meistgesagten Floskeln. In unserem Leben haben wir alle genug erlebt um zu wissen, dass wir niemandem auch nur den Ansatz von Vertrauen entgegenbringen dürfen, wenn wir nicht unweigerlich erleben wollen, wie es den Sozialdemokraten nach dem ersten Weltkrieg erging.
Die Welt ist böse.
Jeder da draußen will unserem Leib und unserer Seele größtmöglichen Schaden zufügen.
Immer und überall.
Aber auch weniger paranoide Menschen werden gewiss nicht über ein uneingeschränktes Vertrauen in ihre Umgebung verfügen. Nicht alle sind gewillt uns zu verletzen. Dennoch. . . Better safe than sorry. Denn enttäuscht worden sind wir alle schon. Und nachdem man einmal mehr gegeben hat, als man zurückbekommen hat lässt man sich doch am besten nie wieder ohne fünffache Absicherung auf irgendwen ein. Man is ja nicht blöd.

Kafka inszenierte in „Der Prozeß“ seinen – meiner Meinung nach – gelungensten Antihelden. Alles was „er“ tut kann und wird gegen ihn verwendet werden. All sein Streben führt letztendlich doch nur zum Sterben.
Es kommt mir so vor, sls ob in uns allen ein Josef K. steckt. Denn so wie Kafkas Hauptcharakter letzten Endes dann doch sein Schicksal akzeptiert, so haben wir akzeptiert, dass wir letzten Endes immer verletzt werden. Unweigerlich und unerbittlich läuft „sich einlassen“ auf Verletzung hinaus. Und darum bewahren wir kühlen Kopf. Halten wir uns eine Hintertür offen, durch die wir abhauen können, wenn die Prozeshelfer vorne klopfen.

„Man muss sich interessant machen. Lass sie zappeln, dann klappt das besser.“ Sagte man mir. Und behielt Recht. Warum? Ich kann es nicht genau sagen. Wir alle kennen die Regeln dieses Spiels nicht wirklich. Hier gibt es regionale Hausregeln, dort saisonale Ausnahmen. Doch wir alle wissen um die Existenz dieser Regeln und des Spiels, dass sie umreissen. Dabei ist uns eigentlich ja noch nicht mal das Ziel des Ganzen klar. Aber mitspielen müssen wir.
Oder verlieren.
Doch eine Regel scheint dann doch allen bewusst: wer sich zuerst offenbahrt, wer sich zuerst outet… der hat verloren. Also tanzen wie umeinander her, mit geradem Rücken, ernster Mine und korrekt sitzender Kleidung. Die Wahrung des eigenen Gesichts ist Messlatte für Erfolg im Spiel. Ernste Gefühle der supergau. Der Blackout. Die Kaper auf der Pizza (niemand mag die Dinger!).

Aber kommen wir zu dem, was Joint Venture als „die ernste Viertelstunde“ bezeichnet. Einem Abschnitt, der vielleicht von vorne beginnt, redundant erscheint aber vor allem eins sein soll: ehrlich und in keiner Weise zynisch.

Das Spiel der Spiele – das Spiel um Beziehungen – ist ein sehr schwieriges Thema für mich. Wie ich sehen konnte ist es eines, dessen Regeln ich durchaus beherrsche und beeinflussen kann. Wie ich erleben konnte ist es ein Spiel, dessen Ziel für mich durchaus erreichbar ist. Und ich erkannte, dass ich es nicht verstehe. Also den Sinn des Ganzen. Es wurde mir nicht schlüssig, in erster Betrachtung, warum dieses Spiel überhaupt gespielt wird.

Ich sehe Menschen, offensichtlich hoffnungslos ineinander verliebt, darum kämpfen, niemals irgendjemand von diesen Gefühlen zu erzählen. Und wenn es doch mal passiert, weil die Person sich geschützt genug fühlt um einem Unbeteiligten gegenüber sich zu öffnen, so wird es zum Abschluss stets relativiert. „Mal schauen was wird“. „Abwarten“. Bis was? Worauf? Warum?

Was ist das für eine Art, dass wir Menschen verlernt haben, uns unsere Zuneigung, oder noch reduzierter, das Interesse aneinander nicht mehr mitteilen können? Warum ist es gleich der dating-Nackenschuss, wenn ich zugebe „Hey du. Du bist für mich gerade interessant.“
Ich spreche hier nicht von einem verzweifelten Hilferuf der Einsamkeit, wo ich durchaus eine abschreckende Wirkung nachempfinden kann. Ich meine hier eine klare, selbstbestimmte Haltung. Eine die klar und deutlich zu den eigenen Gefühlen steht. Die sich nicht hinter Mauern aus Coolness und Machtstrukturen versteckt.
Wieso ist es  Menschen schier unmöglich geworden, eine solche Meinung als Stärke wahrzunehmen? In meiner Erfahunrg bewirkt so etwas in der Regel Fluchtverhalten. Menschen die sich mit jemand konfrontiert sehen, der keine Lust auf das spielen hat, sondern seine Position offenbart, springen oft ab. Im Bild gesprochen ist es so, als ob man beim Schiffe versenken die Positionen gesagt bekommt. Man gewinnt zwar, aber Spaß macht es nicht.

Wir alle haben unsere Zweifel, soweit gehe ich mit. Doch es fällt mir zunehmend schwer, dass wir alle Sklaven usnerer Zweifel sein sollen. Geade in wichtigen Themen wie Beziehung soltle doch auch die Hoffnung, unser Wollen und unsere Wünsche eine Macht bekommen. Denn wir wollen glücklich sein. Daran glaube ich mit aller Macht. Niemand MÖCHTE eine Beziehung, in der man sich bei jedem Schritt belauern muss, ob der andere nicht vielleicht doch gelogen hat und eigentlich woanders sein will. Das hoffe ich zumindest.

Es macht für mich keinen Unterschied, wie man das Kind nennt, während es aufwächst. Ob ich nun sage ich führe eine Beziehung, ob ich jetzt „mit jemand was hab“, ob ich sie/ihn mag, liebe, gern hab oder ob ich „mal schaue was kommt“. Für mich sind das verschieden mutige Aussagen für ein und die selbe Grundlage. Ob wir uns kennenlernen während wiruns Freund/in nennen, ob wir uns „erst mal“ kennenlernen und währenddessen jegliche Kosenamen meiden, alle Bindungen flach halten und uns schützen… Die Liste ist lang und ermüdend.

Mut.

Das ist das Wort, das für mich im Mittelpunkt der gesamten Charade um kennenlernen und Commitment steht. Wir haben den Mut verloren uns einzulassen, gepeinigt von der Angst uns auszuliefern. Eigentlich. Und insofern kann ich das auch gutheißen. Sich jedem interessanten Menschen gleich hinzugeben ist eine Art von Selbstteilung, die ich nicht befürworten will(nicht mehr jedenfalls). Das jedoch aus den Ängsten um unsere eigene Verletzlichkeit eine Angst um unseren Stolz wird, ist für mich schwerer verständlich.
„Ich will mich ja nicht zum Affen machen“. Mit dieser Aussage kann die Sorge vieler Menschen umrissen werden. Doch was steht dahinter? „Ich möchte nicht, dass ich an dem Punkt, an dem ich klar zu meiner Meinung stehe – welche im Moment beinhaltet dich/ihn/sie interessant zu finden – in den Augen anderer lächerlich zu sein.“ Vor wem mache ich mich denn dann lächerlich? Oder besser gefragt, wenn das als lächerlich aufgefasst wird… will ich dann nciht lieber so lächerlich sein wie ich kann? Warum ist es verkehrt, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen?

eine Antwort hierzu ist vermutlich, dass in unseren Köpfen hinter einem „Ich will…“ immer ein „…deshalb musst du.“ einprogrammiert ist. Nichts in dieser Welt ist umsonst, dass wird uns durch das Gesellschaftssystem in dem wir leben schon seit früher Kindheit eingetrichtert. Und wir alle scheinen es zu glauben.

Es ist meine Hoffnung, dass unsere Gesellschaft, in der es nun wieder Hip ist, sich emotional zu geben darüber hinwegwachsen kann. Denn wir sind keine 16 mehr, allerdings auch nicht alle alt und verbittert. Öko, Bio, kommunal, mehr Herz im Miteinander etcetc. All die hippen Bewegungen wie Bürgergärten, Volksentscheide, Kiezstammtische etc sind mir grundsätzlich zuwider. Aber sie könnten unseren Kindern eins zeigen, nämlich dass man manchmal auch Gefühle zeigen kann und dabei nicht der Volldepp sein muss. Dass wir nicht Sklaven unserer Zweifel und Ängste sein müssen. Dass wir unseren Mitmenschen vertrauen können, auch wenn wir enttäuscht wurden.

Und dann kann man vielleicht die Stärke haben und sagen:

Du.
Ich.
Wir beide.
Jetzt.

3 Kommentare zu “Commitment Pussies

  1. Und dieses Mal gehe ich völlig mit diesem Text. Er ist wirklich sehr gelungen. So traurig es auch ist, vor allem wenn man sich doch ein wenig erkennt.
    Ich kenne eine Zeit, eine sehr lange ohne Zweifel. Aber auch die folgende dann mit…

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  2. Gefällt mir dein Statement. 🙂
    …und: es ist nicht verkehrt zu sich und seinen Gefühlen zu stehen und sich einzulassen, auch wenns hin und wieder damit Probleme geben kann…letztlich ist es meist die Angst vor Schmerz und Verlust, die ‚Mensch‘ vermeiden möchte.

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